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Dienstag, 01. September 2020

01. September 2020, 10:37    Christine Miller

Auf dem Holzweg


Am Montag, dem 31. August 2020 im Wald – südlich von München! Der „Bund Naturschutz“ Bayern hat zu einer Pressekonferenz geladen, gemeinsam mit einem ungewöhnlichen Partner, der Waldbauernvereinigung der Region.

Es ging um Holzpreise, Absatzschwierigkeiten, vernachlässigte Wälder und Tannenverjüngung. Letztere kann nur stattfinden, wenn radikal alle Rehe erlegt werden, derer die Schützen habhaft werden. Bei 4-5 Rehschießer pro 75ha Waldfläche kommt man da auch voran.

Im Laufe dieses ungewöhnlichen Waldbesuchs kamen weitere erstaunliche Tatsachen ans Licht. Die Waldbilder von vor 30 Jahren gleichen nicht denen, die man jetzt sieht. Kenner der Materie wissen: Ja, das ist so, Wälder sind lebende Gebilde, die sich mit der Zeit ändern.

Weitere Erkenntnisse der versammelten Holzfachleute: Seit jedes Reh erschossen wird, gibt es keine ausgemähten Kitze mehr auf der Wiese. Der Grund, so erklärt der fachkundige Landwirt: Endlich haben die Rehgeißen Platz und Ruhe, ihre Kitze unter den Jungtannen zu setzen. Sie sind nicht mehr gezwungen auf die Wiese zu gehen. Und übrigens: Sie haben auch keinen Stress mehr mit den Nachbarn. Wo kein (Reh-) Nachbar – da kein Stress.

Die versammelte Forst-Elite bekräftige Unisono: Das ist Tierschutz pur. Ich stimme zu: Tote Tiere können schließlich nicht mehr leiden.

Der renommierte Waldnaturschutz-Experte Laszlo Maraz hat 2011 gesagt: „Akteure aus der Forst- und Holzwirtschaft … werden nicht müde zu betonen, wie segensreich die Forstwirtschaft für den Wald sei. Umweltverbände sehen das anders.“ Das mag so sein, aber für mich stellt sich die Frage, was ist dann der „Bund Naturschutz“ in Bayern? Aufklärung liefert der Waldbauern-Funktionär Lechner bei der Veranstaltung: „Danke für das langjährige Engagement des BN! Es war sicher hilfreich, dass die Spitzenfunktionäre des BN lauter Forstleute sind: „Da hat man eine Sprache gesprochen“. Und so geht es weiter um die schlechte ökonomische Situation und die Forderungen nach Fördermittel und – so nebenbei auch darum, dass man jetzt die forstlichen Fehler der Vergangenheit korrigieren möchte. Wirtschaftswald ist dabei das Wichtigste, erklärt der BN-Vorsitzende Mergner. Seine Forderung: Wirtschaftswald auf mindestens 90% der Waldfläche Bayerns und dort muss er profitabel sein und Bewirtschaftungshindernisse, vulgo Tierwelt, müssen minimiert werden.

Aber es ging nicht nur um den profitablen Waldbau auf den günstigen Forstflächen. Anwesend war auch die BN-Alpenbeauftrage Dipl.-Biologin Rutkowski. Nun sollten „Beauftragte“ auch günstigerweise „Experten“ in ihrem Zuständigkeitsgebiet sein. Aber auf Nachfragen verhedderte sich die Expertin Rutkowski zwischen Fachbegriffen: Populationsdynamik oder Dichte oder Zuwachs oder Bestandesgröße? Zugegeben, da muss man sich schon ein bisschen auskennen um den Überblick zu behalten. Aber als die Alpenexpertin auch noch Gams und Rehwild verwechselte („Jäger haben mir berichtet, dass die Rehgeißen jetzt schon Zwillingskitze haben!“) beendete ich den Versuch einer Fachdiskussion.

Also bleibt die Frage? Was ist der BN, was will er sein? Ein Fachverband? Eine Lobbytruppe für profitable Forstwirtschaft? Und wenn das so ist, wieviel Umwelt- und Naturschutz ist noch im BN enthalten? Das waren die wirklich spannenden Fragen, die sich bei diesem Termin aufgedrängt wurden – aber leider unbeantwortet blieben?

Haslau 01.09.2020

Dr. Christine Miller

Bild: (c) Pixabay

Bildquelle: Wald_Pixabay_800x500, Wald_Pixabay_2560x1275




Wolfgang Wörndl schrieb:


Ich bin seit über 30 Jahren Mitglied im Bund Naturschutz. Naturschutz beinhaltet Tierschutz für alle Wesen nicht nur für Gelbbauchunke, Bieber und Schmetterlinge etc.
Die einseitige Positionierung des BN in Verbindung mit WBVen, dem ökologischen Jagdverband ( „Ökologisch verblendete Jäger“ ) sowie den bayerischen Staatsforsten ist desaströs und wirklich beschämend.
Ich werde noch kommende Woche die Mitgliedschaft im BN sowie in der hiesigen WBV beenden und mein Netzwerk über die Verhaltensweisen dieser Organisationen unterrichten.

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