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Montag, 07. August 2023

07. August 2023, 14:28    Webmaster

Der bayerische Python


Sie steht im Schatten ihrer bekannten Verwandtschaft – denn Ringelnattern erkennt jeder. Und stolpert doch jemand über die Schlingnatter, dann wird die für den Menschen harmlose Würgeschlage gerne mit der giftigen Kreuzotter verwechselt. Dabei ist sie doch viel häufiger und weiter verbreitet als die beiden bekannteren Arten. Michael Lindenmeier hat in einem Beitrag für das Rote-Listezentrum diese kleine Unbekannte portraitiert.

https://www.rote-liste-zentrum.de/de/Eine-heimlich-lebende-Sonnenanbeterin-2173.html?mtm_campaign=nl-02-2023&mtm_kwd=teaser04

Sonnenbank und Kühlschrank in Nachbarschaft

Am ehesten kann man Schlingnattern (Coronella austriaca) an warmen Tagen in Heiden, an felsigen Berghängen oder in den Randbereichen von Mooren beobachten. Die Schlingnatter ist eine ausgesprochene Sonnenliebhaberin. Dabei bevorzugt sie diejenigen Habitate, die eine Vielfalt an kleinräumigen Strukturen aufweisen. Um ihre Körpertemperatur zu regulieren, benötigt sie nämlich neben Sonnenplätzen auch kühle Verstecke. Wenn es zu warm wird, zieht sie sich gerne in Totholz- oder Steinhaufen zurück, in unverfugte Trockensteinmauern oder unter niedrige Gebüsche. Dieses Nebeneinander offener und geschützter Bereiche findet sie zusammen mit ihrer Lieblingsbeute auch in Sekundärbiotopen wie terrassierten Weinbergen, Steinbrüchen oder an den Böschungen ländlicher Eisenbahntrassen.

Nach der Winterruhe findet im Frühjahr die Paarung statt. Anders als bei der Mehrzahl der europäischen Reptilien legen die Schlingnatter-Weibchen keine Eier, sondern behalten diese im Körper und bringen bis zum Herbst fertig entwickelte Jungtiere zur Welt. Mit anstehender Winterruhe beziehen die Schlangen frostfreie Erd- und Felspalten oder auch verlassene Nagerbaue.

Achtung, Verwechslungsgefahr!

Erkennen kann man Schlingnattern, die selten länger als 60 Zentimeter werden, fast immer an einer dunklen Zeichnung auf dem Hinterkopf, welche die Form eines Herzens oder eines Hufeisens haben kann. Bei den meisten Tieren zieht sich außerdem ein dunkler Streifen vom Nasenloch über das Auge hinweg bis zum Mundwinkel oder den Halsseiten, und oft ist der Rücken von Reihen gegeneinander versetzter oder miteinander verschmolzener Flecken bedeckt. Dennoch sind Schlingnattern hinsichtlich ihrer Färbung und Zeichnung recht variabel, was zu Verwechslungen mit der giftigen Kreuzotter führen kann. Die sichere Unterscheidung ist anhand der Pupillen möglich: bei den heimischen Nattern sind diese rund, bei der Kreuzotter und anderen Vipern dagegen senkrecht schlitzförmig.

„Fingerabdruck“ auf der Oberlippe

Die Beobachtung von Schlingnattern ist wegen ihrer versteckten Lebensweise nicht einfach. Immerhin kann sich die Erforschung eine bemerkenswerte Eigenschaft der Art zunutze machen: Die Zeichnung auf den Oberlippenschilden ist für jedes Tier einzigartig, so wie ein menschlicher Fingerabdruck. Bei Feldstudien lassen sich die Individuen durch einen Vergleich der Porträts sicher unterscheiden und wiedererkennen. Solche Untersuchungen helfen, die Größe einer einzelnen Population zu ermitteln. Auch die ausgeprägte Standorttreue der Tiere ist mit Hilfe dieser Kennzeichen nachweisbar.

Den deutschen Namen „verdankt“ die Schlingnatter übrigens ihrer Technik beim Überwältigen von Beutetieren: Sie tötet diese nicht durch einen Biss, sondern umschlingt und erdrückt sie sofort nach dem Zupacken.

Rückgang durch Veränderungen der Lebensräume

Bedroht ist die Schlingnatter vor allem durch Lebensraumverluste. In Norddeutschland hat die großräumige Zerstörung von Mooren und Heiden zu einem sehr starken Rückgang der Art geführt. Im Süden des Landes hatten vor allem Flurbereinigungen in Weinbaugebieten einen negativen Einfluss auf die Vorkommen. Eine weitere Gefahr stellt die Nutzungsaufgabe von extensiv bewirtschafteten Flächen dar. Diese werden in der Folge häufig aufgeforstet oder sie verbuschen, wodurch die für die Schlingnatter wichtigen Sonnenplätze verlorengehen. Da die Art wegen ihrer unauffälligen Lebensweise leicht zu übersehen ist, werden bei manchen Veränderungen oder Baumaßnahmen Populationen ihrer Lebensgrundlagen beraubt, ohne dass ein Erlöschen überhaupt bemerkt wird.

Die Art gilt zwar noch als mäßig häufig, sie kommt aber in weiten Teilen Deutschlands nicht mehr flächendeckend vor, sondern nur noch in kleineren, isolierten Beständen. Dabei braucht eine Population für ihr langfristiges Überleben geeignete Gebiete, die größer als 100 Hektar sind. Durch den Verlust geeigneter Lebensräume nimmt die Zahl der Tiere immer mehr ab – die Art gilt in Deutschland deshalb als gefährdet (siehe dazu auch die aktuelle Rote Liste der Reptilien Deutschlands sowie den Art-Steckbrief mit komprimierten Rote-Liste-Informationen)..

Eine Verbesserung der Bestandssituation lässt sich manchmal schon durch Schaffung von Kleinstrukturen wie unverfugten Trockenmauern, Totholzhaufen oder Steinriegeln erreichen. Die Regeneration von Mooren kann alte Lebensräume der Art aufwerten, sofern Winterverstecke und Nahrungshabitate geschont oder wiederhergestellt werden. Bestehende Strukturen sollten bei Flurbereinigungen und Baumaßnahmen nach Möglichkeit erhalten bleiben und etwaige „Trittsteine“ geschaffen werden, damit isolierte Restpopulationen wieder in Verbindung miteinander kommen können. Auch gezielte Pflegemaßnahmen entlang von Bahn- und Stromtrassen tragen zur Erhaltung geeigneter Lebensräume bei.

Ein Beitrag von Michael Lindenmeier
Als Student der Biologie interessiert sich Michael Lindenmeier schwerpunktmäßig für Kleinsäuger, Reptilien und Amphibien. Seit mehreren Jahren erfasst er ihre Vorkommen im Rahmen systematischer Kartierungen, aber auch bei Spaziergängen.

Bildquelle: (c)Wildes Bayern - Dieter Streitmaier - Schlingnatter




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