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Freitag, 15. Dezember 2023

15. Dezember 2023, 09:15    office@wildes-bayern.de

Wie Aargau seinen Amphibien auf die Sprünge hilft


Der Kanton Aargau in der Schweiz hat dem Amphibienrückgang in eindrucksvoller Weise einen Riegel vorgeschoben. Konsequent wurden hier neue Lebensräume geschaffen – und der Erfolg ist messbar.

Lebensräume wurden trockengelegt

In der Schweiz kommen etwa 20 Amphibienarten vor, ähnlich wie in Deutschland oder Österreich. Allerdings ist deren Lage mindestens ebenso prekär wie in den Nachbarländern: 70% der einheimischen Amphibienarten der Schweiz steht auf der Roten Liste. Die Wechselkröte ist bereits ausgestorben, neun Arten sind als stark gefährdet und vier weitere Arten als verletzlich eingestuft. Nur drei der einheimischen Amphibienarten gelten als nicht gefährdet, nämlich Bergmolch, Erdkröte und Grasfrosch. Aber auch bei diesen wurden in den letzten Jahrzehnten Bestandsrückgänge beobachtet.

Der Hauptgrund für den Rückgang der Amphibienvorkommen in der Schweiz ist der Verlust an Fortpflanzungsgewässern durch die Trockenlegung der Landschaft. Feuchtgebiete, also Moore, Sümpfe und kleine Gewässer, sind seit dem 19. Jahrhundert gezielt und mit enormem finanziellen Aufwand drainiert, trockengelegt oder aufgefüllt worden.

Ein dichtes Straßennetz isoliert die Populationen

Die Amphibienpopulationen sind zusätzlich dadurch beeinträchtigt, dass verbleibende Laichgewässer weit voneinander entfernt und durch Ausbreitungsbarrieren zunehmend isoliert sind. Der starke Verkehr auf einem dichten Straßennetz stellt Hindernisse für die Wanderung von Amphibien zwischen dem Winterlebensraum und dem Fortpflanzungsgewässer dar.

Auch Pestizide beteiligt?

Eine Schweizer Pilotstudie, die parallel zu den Ergebnissen aus dem Aargau veröffentlicht wurde und dort noch gar nicht eingeflossen ist, legt nahe, dass auch Pestizide einen Einfluss auf die Amphibienvorkommen haben könnten. Hierfür wurden im Auftrag des Bundesamts für Umwelt in neun Amphibienlaichgebieten und drei Flachmooren zwischen Basel und St. Gallen über zwei Jahre hinweg regelmäßig Wasserproben entnommen und analysiert. Überall wurden Pestizide gefunden – besser gesagt Cocktails von bis zu 29 verschiedenen Pestiziden. In der Hälfte der Biotope lag der Gehalt der Pflanzenschutzmittel und Biozide über den Grenzwerten – in einzelnen Fällen sogar ums 25-fache höher. Einer der Stoffe war Cypermethrin, ein hochgiftiger Wirkstoff, der von Bauern gegen Schädlinge bei Gemüse, Raps und Obst eingesetzt wird. Aber auch andere Wirkstoffe überschritten die Grenzwerte teils mehrfach. Erstaunlicherweise auch das Insektizid Chlorpyrifos – obwohl der Wirkstoff in der Schweiz seit 2020 verboten ist.

400 neue Weiher sollten helfen

Ein frisch angelegter Weiher an einem Waldrand

Amphibienweiher

Der Kanton Aargau, in dem Amphibiengebiete von nationaler Bedeutung liegen, hat den raumgebundenen Faktoren inzwischen gegengesteuert. Über zwanzig Jahre hinweg hat er in den Schwerpunktgebieten rund 400 neue Weiher und Teiche gebaut: im Kulturland, in Kiesgruben, im Wald, an Waldrändern und entlang von Eisenbahntrassen. Sogar die wenigen ungenutzten Quadratmeter unterhalb von Hochspannungsmasten wurden zum Bau kleiner Tümpel genutzt. Auf diese Weise hat er nicht nur Lebensräume geschaffen, sondern deren Netz auch verdichtet und die Populationen dadurch besser vernetzt.

Jetzt hat ein Forscherteam der Eawag (Wasserforschungsinstitut der ETH Zürich), der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), der Universität Zürich, von info fauna karch und der ETH Zürich die Resultate unter die Lupe genommen

Mehr Verbreitung und Zuwachs

Ihr Resümee: Alle weiherbewohnenden Arten im Kanton Aargau haben die neuen Gewässer angenommen. Bei zehn der zwölf Arten zeigte sich dadurch eine teilweise starke Zunahme in Anzahl und Vorkommen. Bei der Geburtshelferkröte, deren Vorkommen immer weniger wurden, kam es immerhin zu einer Stabilisierung. Der Laubfrosch im Reusstal breitete sich am stärksten aus: Er war 2019 in viermal so vielen Gewässern anzutreffen wie noch 1999. Auch die beiden seltenen Arten Kamm- und Teichmolch legten im Reusstal deutlich zu. Die Gelbbauchunke, eine Pionierart, kolonisierte neue, vorzugsweise kleine, temporäre Tümpel am schnellsten, vor allem im Rheintal und im Aaretal, wo die meisten neuen Tümpel hinzukamen. Bei all diesen Arten gab es nicht nur mehr Vorkommen, sondern tatsächlich auch mehr Individuen. Einzig die Kreuzkröte hat nicht wirklich profitiert. Ihre Bestände haben kantonsweit weiterhin abgenommen, was die Forscher in ihrer Ökologie begründet sehen.

Ausführlichere Infos zu der Studie im Aargau findet Ihr hier

Einen ersten Bericht über die Studie des Schweizer Bundesamts für Umwelt über Pestizide findet Ihr hier

Bildquelle: Benedikt Schmidt




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