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Mittwoch, 04. Mai 2022

04. Mai 2022, 06:37    Webmaster

Wildtier des Monats: Raufußhühner


Ein Auerhennentag Mitte April

Der Vollmond schwebt knapp über der Bergkette. Noch zwei Stunden, bis die Sonne aufgeht, doch diese Nacht war fast taghell. Auf den Ästen der alten Fichten konnten man die massigen Schatten der Hahnen sehen, die dem Morgen entgegen fiebern. Denn in diesen Tagen kennen sie keine Entspannung. In ihrem Körper zirkuliert das Testosteron, sie sind in Balzlaune. Die Auerhenne sitzt noch eng an den dicken Tannenstamm gekuschelt. Vor dem ersten Dämmerlicht steht sie nicht auf.

Ankunft in der Partyzone

Sie ist erst vor ein paar Tagen in dieses Waldstück eingeflogen. Bisher ist sie den alten Hähnen aus dem Weg gegangen und hat ihr Winterquartier, einen sonnigen Südhang, mit anderen Hennen geteilt. Sie muss sich jetzt nicht nur auf einen neuen, unbekannten Einstand einstellen – auch ihr Tagesablauf hat sich komplett verändert. Noch vor wenigen Wochen blieb sie tagsüber geschützt und warm in ihrem Schnee-Iglu sitzen. Nur zweimal am Tag flatterte sie in der Dämmerung hoch auf Äste und knabberte an Knospen und Triebspitzen. Jetzt ist der meiste Schnee verschwunden, und die Nahrung am Boden sprießt. Im April ist die Henne wählerisch geworden.

Den Balzplatz entlang des kahlen Grates, an dessen Rand die alten, wettergegerbten Fichten stehen, kennt sie schon vom vergangenen Jahr. Damals war sie zum ersten Mal in diesen Waldflecken gekommen. Sie hat, wie ihre Schwestern, das Brutgebiet der Mutter verlassen. Da sie den Hahnen im nahe gelegenen Balzplatz nicht ansieht, ob sie etwa ihr Vater, Onkel oder Sohn sind, und viele der Hahnen eines Platzes eh miteinander verwandt sind, hat sie sich zehn bis zwanzig Kilometer weit entfernt einen neuen Einstand gesucht. Den Balzplatz am Grat gibt es schon seit Jahrzehnten. Der alte Hahn, der über die letzten Jahre hier Hof hielt, ist vergangenes Jahr verunglückt. Aber ein junger Ersatz stand schon bereit, der versucht dieses Jahr sein Glück bei den Hennen. Sie werden heute seinen Auftritt kritisch begutachten und dann entscheiden!

(c)Wildes Bayern (c)Dieter Streitmaier (Auerhenne)

Mit dem Einbruch der Dämmerung schwingt sich die Henne auf und überfliegt den Balzplatz. Das Lied der Hahnen hat schon begonnen. Über hundert Meter weit klingen die Rufe der drei Herren, die sich entlang des Grates und auf der gegenüberliegenden Kuppe eingestellt haben. Immer wieder geben sie mit Inbrunst ihre drei Strophen zum besten: zuerst das trockene Klopfen, als wenn Holzstäbe gegeneinander geschlagen werden, dann ein leiser Knall, der an das Entkorken einer Sektflasche erinnert, und zum Schluss ein zischendes Wetzen. Die Erregung der Hahnen ist mit Händen zu greifen. Wer sich so exponiert, sitzt jetzt auch für alle seine Feinde auf dem Präsentierteller.

Stress lass nach!

Schon seit Beginn des Jahres wurden die Hähne immer unruhiger. Jede Störung im Revier machte sie nervöser und nervöser, je weiter die Zeit voranschritt. Die Tourengeher und Schneeschuhwanderer ließen schon von weitem  die Stresshormone in ihrem Blut hochschnellen. Auch wenn die Vögel in ihrer Deckung verharrten, Herz und Hormone arbeiteten auf Hochtouren, selbst Hunderte von Metern von den Touristen entfernt. Besonders hart trifft es die Hähne, die empfindlicher reagieren als die Hennen. Das Testosteron macht von Haus aus unruhig.

Doch auch die Hennen bleiben nicht ungerührt von Störungen. Die weiblichen Vögel, durch deren Einstände in den letzten Wochen und Monate immer wieder Menschen sportelten, tragen die Folgen des gefährlichen Dauerstress bereits in sich. In ihren Eiern werden sich in den kommenden Wochen mehr Stresshormone finden als in unserer Henne, die einen ruhigen, ungestörten Wintereinstand gefunden hatte. Wahrscheinlich werden ihre Eier härtere Schalen haben, die frisch geschlüpften Küken stärker und weniger „nervös“ sein als die Brut der gestörten Hennen.

Wählerisch

Allmählich kommen immer mehr Hennen zum Balzplatz geflogen.  Die Lieder der Konkurrenten, denen sie zuerst gelauscht hatten, haben sie wohl nicht so überzeugt wie der neue Matador am Grat. Der ist mittlerweile abgeritten und stolziert nun mit hochgerecktem Kopf in voller Morgensonne über den freien Platz. In der Ferne klingt noch einmal der Ruf eines Konkurrenten, auf den der Hahn mit Knallen und Wetzen antwortet. Die Hennen halten sich am Rand der Lichtung auf, picken gelegentlich am Boden und erscheinen fast uninteressiert. Der Hahn umkreist die Hennen immer wieder, singt, vollführt kleine Sprünge. Der junge Hahn ist in Fahrt! Und schließlich bricht das Eis.  Eine nach der anderen zeigen ihre Paarungsbereitschaft, duckt sich leicht nieder, spreizt dem Hahn eine Handschwinge entgegen und hebt leicht den Stoß an. Eine nach der anderen lässt sich von ihm treten. Und nach einigen Stunden ist es am Balzplatz leer und ruhig geworden.

Auerhennen-Wald

Die Henne fliegt zurück in ihren eigenen Einstand. Dort hat sie bereits ein paar passende Plätze zur Eiablage ausgespäht. Im Schutz eines ausgehebelten Wurzeltellers wird sie eine Mulde scharren und in der nächsten Woche alle ein bis zwei Tage ein gelbbraunes, gut getarntes Ei legen. Erst wenn das Gelege vollständig ist, setzt sich sich zum Brüten.

Für heute ruht sie erst noch über den hellen Tag. Mehr als vier Stunden Geschäftigkeit täglich gibt es jetzt nicht. Die kommenden Monate werden noch anstrengend genug, wenn die Küken alle an einem Tag schlüpfen und dann rund um die Uhr betreut werden müssen: nur etwa 40 Gramm wiegen sie, wenn sie aus dem Ei kriechen, und 20 Tage später sollen sie bereits fliegen können und nach drei Monaten das Gewicht der Henne, etwa eineinhalb Kilo, erreicht haben. Um das  zu ermöglichen, muss die Henne ihren Einstand perfekt kennen: Wo sind die Ameisenhaufen, wo die sonnigen Huderpfannen, wo gibt es Insekten, wo laufen sichere Fluchtwege, und wo findet das Gesperre schnell Schutz, wenn sich Feinde nähern?

Der alte Bergwald, in dem sie ihren Einstand gewählt hat, zeigt noch die Spuren der früheren Nutzung. Er ist ideal für sie und ihre Jungen. Bis vor wenigen Jahren trieb der Bauer regelmäßig seine Schafe in den Wald. Noch früher wurde sorgfältig Einstreu für den Winter gesammelt, und die kleinen Kahlhiebe ringsum wurden regelmäßig im Sommer beweidet. Die Zeiten sind längst vorbei. Jetzt wird „naturgemäßer“ Waldbau betrieben, und die offenen, lichten Stellen für Insekten für ihre Küken sowie die großzügigen Flugschneisen und Heidelbeerweiden verringern sich von Jahr zu Jahr.

Fuchs-Alarm

Je dichter und grüner der Wald wird, desto schwerer hat es die Auerhenne mit ihrem Gesperre. Die drei apokalyptischen Reiter für sie sind Fuchs, Habicht und Marder. Wo diese drei sich wohlfühlen, haben Henne und Küken schlechte Karten. Gebüsch und Stauden ermöglichen den Bodenräubern, sich unbemerkt anzuschleichen. Vor ein paar Tagen war ein Fuchs in der Nähe des Balzplatzes vorbei geschnürt. Mit einem Paukenschlag war die Balz vorbei. Sowohl Hahnen wie Hennen haben sich sofort verzogen und den Rest des Tages ruhig verhalten. Erst später kehrte der Hahn zurück – zu Fuß, denn das ist immer noch unauffälliger und leiser als sein polternder Flug.

Aber heute hat sich die tagelange Mühe des jungen Hahnes gelohnt, und das jahrelange Warten im Schatten seines „Onkels“ an diesem Balzplatz. Auch die Henne kann zufrieden sein. Am Abend sucht sie sich noch einige Sämereien und frische Blattspitzen am Boden, bevor sie aufbaumt. Hoch droben schläft sie wesentlich ruhiger als am Boden. Wenn sie morgen das Nest richtet, wird es mit dieser Ruhe und Sicherheit für die nächsten Monaten vorbei sein.

 

Bildquelle: (c)Wildes Bayern - Wildtier des Monats (c)Dieter Streitmaier, (c)Wildes Bayern (c)Dieter Streitmaier




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