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Donnerstag, 02. März 2023

02. März 2023, 09:36    Webmaster

Leserbrief zum Rotwildmanagement im Nationalpark Berchtesgaden


Vor kurzem berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass der Bayerische Oberste Rechnungshof den Nationalpark Berchtesgaden geprüft habe und im Ergebnis befand, dass zu hohen Wildbeständen mit effizienten jagdlichen Maßnahmen zu begegnen seien. Am 18. Februar erschien dann ein Artikel im Berchtesgadener Anzeiger „ Nationalpark will Effektivität jagdlicher Maßnahmen erhöhen“ Unser Mitglied Ludwig Fegg hat hierauf mit einem Leserbrief reagiert, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

„Am Königssee gibt es zu viel Rotwild“, das scheint in einer Feststellung des Bayerischen Obersten Rechnungshofs zu stehen. Bei dieser Prüfung des Nationalparks ging es dem ORH aber nicht nur um das Thema Jagd. Sondern um alle möglichen weiteren Themen, um den Haushalt des Schutzgebietes etwa, um das Management und die Forschungsprojekte. Der Prüfungsbericht ist unter Verschluss des ORH! Umso verwunderlicher ist es, dass Teile daraus an die Öffentlichkeit gebracht werden konnten?

Im Bereich St. Bartholomä und gegenüber im Raitl gibt es laut NP rund 400 Stück Rotwild. Hört sich viel an, jedoch ist das der Bestand im Winter, wenn die höheren Zonen des Nationalparks Rotwild-leer sind. „Waldverträglich“ wären maximal 155? Lassen wir das mal so stehen und wenden uns anderen Zahlen und Fakten zu.

Diese stammen aus „Schriften des Arbeitskreises für Wildbiologie und Jagdwissenschaft an der Justus Liebig-Universität Gießen Lahn, Heft 4, von Professor Dr. A. Herzog und Professor Dr. R.R. Hofmann unter Mitarbeit von W. Nerl, Forstdirektor i.R. aus dem Jahr 1978. Titel: „Zur Entwicklung und Regulierung der Wildbestände im Nationalpark Berchtesgaden“. Die Gesamtfläche des Nationalpark Berchtesgaden beträgt rund 21.000 ha. Die Rotwildfläche (Lebensraum) beträgt ca. 17.942 ha. Der Einfluß des Wildes auf das auf uns überkommene Ökosystem des Nationalparks Berchtesgaden sollte weder dramatisiert noch verniedlicht werden, und keinesfalls soll hohen Schalenwildbeständen das Wort geredet werden. Es soll aber auch daran erinnert werden, daß „Wildschäden“ durch Pflanzenfresser eine normale Funktion des ökologischen Gleichgewichts sind, denn ohne Beeinträchtigung der Pflanzen des Waldes durch diese Tiere braucht man von Ökosystem überhaupt nicht zu reden.“

Ja, so empfinde ich das auch! Damals gab es 11 Fütterungen, nämlich Wimbach, Hintersee, Bartholomä, Raitl, Schappach, Bergwald, Sallet, Eckau, Standgraben, Ronner und Roint. Damit wurde das Rotwild auch im Winter auf eine große Fläche verteilt! Und es verminderte so Wildschäden, Probleme mit großen Beutegreifern und ganz entscheidend auch die Verbreitung von Krankheiten. Ja, damit war Wald und Wild gedient. Heute gibt es, glaube ich, nur noch 4 Fütterungen? Die „Sommeräsung“ wird von ortskundigen Fachleuten als überreichlich angesehen, selbst wenn „die doppelte Zahl Rotwild (damals 750 Stück) vorhanden wäre“. Das ist eine interessante Aussage der Professoren! „Das Rotwild muß in seinem Bestand reguliert werden. Der derzeitige Sommerbestand (1978) von ca. 750 Stück (Winterbestand 595) wird auf ca. 380 Stück verringert, bzw. der jeweilige Winterbestand auf ca. 300 Stück.

Ein derartiger Bestand würde sich auf die vom Rotwild beäste Fläche in einer theoretischen Dichte von ca. 2,1 Stück je 100 ha im „Sommer“ (Juni bis Dezember) und ca. 1,7 Stück pro 100 ha im „Winter“ (Januar bis Juni) verteilen“. Nach Meinung unabhängiger Wildbiologen ist dies allerdings ein sehr niedriger Bestand, da das Rotwild in Rudeln lebt und dazu eine Bestandsdichte von 3-4 Stück je 100 ha braucht, um gesunde Sozialstrukturen bilden zu können. Für das Gebiet des Nationalpark Berchtesgaden nimmt die Nationalparkverwaltung die Aufgaben der unteren Jagdbehörde selbst wahr. Sie ist somit in Eigenverantwortung über die Feststellung der Bestandsdichten, der Festsetzung der Abschussquoten und sogar der  Bejagungsarten. Der Nationalpark beschreibt in diesem Artikel nur einen Flächenteilbereich. Interessant ist nun zu wissen, welche Rotwilddichte je 100 ha auf der gesamten „Rotwildfläche = Lebensraum“ des Nationalparks vorhanden ist und was eine Absenkung auf 155 Stück in diesem Bereich für den Wildbestand im Gesamten bedeuten würde. Welche Rotwilddichte oder vielleicht auch Rotwilddünne je 100 ha würde das bedeuten?

Herrscht im Nationalpark Berchtesgaden ein naturnahes Geschlechterverhältnis von ca. 1 :1 und ganz wichtig, gibt es eine gesunde Altersklassengliederung? Das sind dringende Fragen, die zu beantworten sind. In Bartholomä sind viele alte Hirsche zu sehen! Wo sind die jungen Hirsche, wo ist die wichtige Mittelklasse? Ist das Zonen-Bejagungskonzept des NP wirklich der richtige Weg? Es hört sich gut und tierfreundlich an, wenn man hört, dass ganze Gebiete nicht bejagt werden. Jedoch stellt sich die Frage, wann und wo wird der Abschuss dann getätigt? Wird erst gejagt, wenn der harte Bergwinter das Wild in die Tallagen der von uns Menschen bestimmten Überwinterungsgebiete drückt? Hört sich nicht mehr so gut an! Denn in dieser Zeit braucht das Wild dringend Ruhe. Der DAV weist auf solche Zonen sogar ausdrücklich hin und lenkt Tourengeher und Schneeschuhwanderer ganz gezielt weg von solchen Gebieten. Und dort wird gejagt in so genannten Sanierungsgebieten und und unter Aufhebung der gesetzlichen Schonzeit?

Und nicht genug, Rotwild ist in Bayern gesetzlich auf zehn voneinander getrennte Rotwildgebiete beschränkt, die zusammen nicht mal 14 Prozent unserer Landesfläche ausmachen. Die übrigen 86 Prozent Bayerns, also auch die Flächen zwischen diesen Inseln, sind absolute Todeszone für Hirsche, Hirschkühe und Kälber. So sehe ich es immer dringender, die Petition https://www.rettet-das-rotwild.de zu unterstützen. Jeder Natur- und Tierfreund, einfach jeder, der sich in unserer bayerischen Landschaft bewegt, sollte diese Petition mit seinen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten unterschreiben und auch weiter verbreiten. Viele Berchtesgadener haben schon unterschrieben! Helfen auch Sie mit, danke!

Entwickelt sich „unser Nationalpark Berchtesgaden“ nun zur Todeszone für das Rotwild? Im Artikel der SZ heißt es: Gatterabschüsse: Dabei wird das Rotwild, das im Umfeld einer Fütterung erlegt werden soll, in ein Gatter abgesondert und dann binnen kurzer Zeit Stück für Stück per Kopfschuss getötet. Diesen Vorgang will ich mir nicht vorstellen. Und auch Nationalpark-Chef Roland Baier will das nicht kommentieren. So überlasse ich es Ihnen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Als Berchtesgadener Jäger mit inzwischen 40 Jahresjagdscheinen vertrete ich diese Einstellung: „Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt das Wild, waidmännisch jagt, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt!“ Und ganz ehrlich, ist das wahre Problem wirklich das Wildtier? Sind es nicht eher wir Menschen?
Ludwig Fegg

Leserbrief – Berchtesgadener Anzeiger (Ludwig Fegg)

Über diesen Link kommt Ihr zum Originalbeitrag im Berchtesgadener Anzeiger…

 

Bildquelle: (c)Ludwig Fegg, Leserbrief - Berchtesgadener Anzeiger (Ludwig Fegg)




grüter , Rainer schrieb:


Ludwig, Danke , dein Schreiben tut gut, wir müßen mit Wildes Bayern weiter kämpfen. Ein herzliches Waidmannsheil Rainer

Antworten
Ludwig Fegg schrieb:


Rainer, danke für deinen Kommentar. Oft werden Themen nur von einer Seite betrachtet!? Ob da Absicht dahinter steckt?
Wir sollten uns in den Wind stellen und positive, ehrliche Arbeit einbringen. Für Wald, Wild und saubere Jagd!
Mein Dank auch an Christl Miller und ihre fleißige Mannschaft, die mit Herzblut und Engagement agieren.
Grüße aus Bischofswiesen und Waidmannsheil
Ludwig

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