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Donnerstag, 12. Mai 2022

12. Mai 2022, 12:33    office@wildes-bayern.de

Berchtesgadener Passion fürs Wild


Kennen Sie diese Überraschung, wenn Sie im Garten einen harmlos ausschauenden Stein aufheben und plötzlich entdecken, dass darunter eine Ameisenkolonie ihr eigenes Universum unterhält? Einen ähnlichen Stein brachte ein Zeitungsbericht aus dem Raum Berchtesgaden vom Ostersamstag, 16. April 2022, ins Rollen. Der Stein war der vermeintliche Osterfriede, der an diesem hohen Feiertag überm Land lag, auch über den Berghängen des Lattengebirges im Landkreis Berchtesgadener Land.

Aber dann trat ihn jemand los: Eine Jägerin mit zwei Hunden, die im regennassen Gelände abrutschte und 30 Meter in die Tiefe stürzte. Die Frau verletzte sich schwer und musste vom Rettungshubschrauber Christoph 14 geborgen werden – soweit der Anlass für die Tageszeitung, darüber zu berichten.

(c)Bayerische Staatsforsten – Bayerische Vermessungsverwaltung

Die Frage, was Jäger an Ostern – also lang bevor die reguläre Jagdzeit mit dem 1. Mai beginnt – an diesem Berg verloren hatten, stellte die Tageszeitung natürlich nicht. Sie ist schnell beantwortet: Die Jägerin jagte. Sie war mit Waffe in einem so genannten Schonzeitaufhebungsgebiet im Bereich der Bayerischen Staatsforsten unterwegs. Dort sind die Schonzeiten von Hirsch, Reh und Gams praktisch nicht existent, und es darf auf fast alles rund ums Jahr gejagt werden, also auch an Ostern.

Allerdings gelten für diese Flächen strengere Regeln als für normale Jagdreviere: Zum Beispiel dürfen hier nur besonders erfahrene, ortskundige und speziell ausgesuchte Jäger zur Jagd gehen. Die 56-jährige Jägerin aus Baden-Württemberg gehörte vermutlich nicht dazu – sie begleitete nur einen solchen Jäger, wenn auch selbst ausgerüstet mit einer Waffe. Wie aus der Region zu hören war, hatte sich das Paar über die Ostertage auf einer Hütte einquartiert.

Vielleicht sollte man ein kurzes Schlaglicht darauf werfen, was ansonsten noch im April am Berg passiert. Es ist die Balzzeit der Raufußhühner – einer Tiergruppe, die höchsten Schutz genießt und unter anderem akut durch Störungen im Bergwald, seien sie forstlicher, touristischer oder anderer Art, bedroht ist. Der April ist auch der Monat, in dem das Schalenwild am Berg nach dem harten Winter zum ersten Mal wieder aufatmen kann. Nicht selten kommt es in dieser Zeit zwar nochmal zu Schlechtwettereinbrüchen, die dann gerade die Gams zehnten, aber die Sonne wird wärmer, und an den Südhängen sprießt wieder erste Vegetation. Die weiblichen Tiere stehen einen bis zwei Monate vor dem Setzen, sie sind schwerfällig und gieren nach frischem Grün und Nährstoffen. Fast alle Vogelarten beginnen jetzt mit der Brut, auch Steinadler, der neu angesiedelte Bartgeier und weitere. Für die ganze Tierwelt ist der April der Moment, in dem sie das vom Winter harsch unterdrückte Leben wieder aufnehmen kann.

Im Forstbetrieb Berchtesgaden läuft es ähnlich ab – auch hier ist der April der Monat, in dem nach dem Winter der Jagdbetrieb dort, wo er erlaubt ist, wieder volle Fahrt aufnimmt – und diese „Ausnahmegebiete“ sind großflächig im Forstbetrieb verteilt. Dass das Paar am Röthelbach wohl nicht die einzigen im Staatsforstbetrieb waren, die die Ostertage für einen Jagdausflug nutzten, spiegeln die Jagdstrecken wider. In den Schonzeitaufhebungs-Gebieten des Staatsforstbetriebs Berchtesgaden gehen die Abschusszahlen im April und ganz speziell über die Osterfeiertage sprunghaft nach oben. Tatsächlich werden dort seit Jahren in keinem Monat so viele Tiere in den Schonzeitaufhebungsflächen erlegt wie im April. Auch an den anderen hohen Feiertagen wird gerade in diesem Forstbetrieb auf Wildtiere in der Notzeit Dampf gemacht. Ein Feiertagsvergnügen der besonderen Art, wie wir meinen!

(c)Bayerische Staatsforsten – Bayerische Vermessungsverwaltung

 

 

 

 

Bildquelle: (c)Wildes Bayern - Monika Baudrexl, (c)Bayerische Staatsforsten - Bayerische Vermessungsverwaltung




Lutz Herz schrieb:


Als Jäger muss man sich wegen solcher Jäger und diesen Machenschaften schämen. Ebenso muss man sich schämen, wenn man bei Trophäenschauen die „Plakatwände“ der hiesigen Forstämter anschauen muss. Der Begriff waidgerechtes Jagen ist für solche Leute ein Fremdwort.

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Kitzrettung-Hilfe schrieb:


Ja es ist schon traurig,wenn man solche Jägerinnen oder Jäger in seinen Reihen hat.
Die Achtung von den Geschöpfen unseres Herrn ist auf eine Stufe gefallen,die einen traurig macht.Aber auch diese sog.Jäger stehen einmal vor Gericht,nicht vor dem weltlichen!

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Rainer Argstatter schrieb:


Das selbe habe ich mir gedacht, als ich am Ostermontag mit meinem Hund einen Spaziergang unweit von meinem Haus machte. Mein Nachbarrevier ist ein Eigenjagdrevier des Berchtesgadener Forstbetriebs, Zone 1, nahe des besagten Unglücksortes. Am Fuss des Vorderstaufens stand ein Mords SUV, in der Frontscheibe Hinweis auf Badenwürtenberger Staatsforst und Nachsuchenführer. Habe diesen Wagen schon mehrmals dort stehen sehen.
Wer geht an einem der höchsten Christlichen Feiertage auf die Gams los, im zeitigen Frühjahr, was geht in solchen Menschen vor? Aber vor allem: wie schauts im Inneren des dafür verantwortlichen Forstbetriebsleiters aus? Ein Christenmensch??
Waidmannsheil Rainer Argstatter

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