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Dienstag, 27. September 2022

27. September 2022, 10:55    Webmaster

Die Nationalerbe-Bäume


Bäume nehmen wir vor allem als Elemente in Lebensräumen wahr, wie in Wäldern, Alleen oder Feldbiotopen. Wenn sie alt oder krank werden und niederbrechen, sind wir recht schnell dabei, zu sagen, „der muss raus“ oder „der bringt nichts mehr“. Völlig falsch gedacht!

Dicke, alte, lebendige wie tote Bäume sind sie selbst ganze Lebensräume, und einen großen, alten, einzelnd stehenden Baum zu fällen, zieht einigen Tierarten den Boden unter den Füßen weg – bis hin zum Erlöschen ganzer Populationen.

Was alte Bäume charakterisiert, sind oft Wunden oder Löcher im Stamm, in denen bereits Fäulnis stattfindet, Pilzbefall, abgestorbene und abgebrochene Äste.

Ein Beispiel dafür, wie die Tierwelt solche Bäume nutzt, ohne dass wir gleich drauf kommen, sind Fledermäuse, Vögel und auch Käfer, die in „Rindentaschen“ leben. Die Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft beschreibt  Rindentaschen als die sich ablösenden Rindenpartien an anbrüchigen oder toten Bäumen. Also ein klassisches Merkmal für einen „kranken“ Baum, den man am besten möglichst schnell dem Bestand entnehmen sollte – oder?

Die Rindentaschen sind laut LWF „Nischen mit besonderem Kleinklima. Verschiedene Käfer-, Milben- und Spinnenarten verbringen ihr gesamtes Leben unter solchen Strukturen. Einige Vogelarten, wie zum Beispiel die Baumläufer, nutzen derartige Spaltenquartiere als Brutraum und Unterschlupf. Für manche Fledermausarten, wie zum Beispiel die Mopsfledermaus, sind sie ein bevorzugtes Tagesversteck.“

Haut man also so einen Baum um, nimmt man eine ganze Wohngemeinschaft mit. Ähnlich sieht es mit Bäumen aus, deren Krone abgestorbene Partien aufweist (Hier lebt laut LWF die »Aristokratie« der bedrohten Käferarten, wie der geschützte Eremit, ein „stattlicher, nach Leder riechender Rosenkäfer“). Und in so genannten Mulmhöhlen hausen Urwaldreliktarten wie der Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer. Keine Frage, dass es davon nicht mehr allzuviele gibt. Verschwindet der Baum, verschwindet wahrscheinlich an diesem Fleck die ganze Population.

Eine Initiative, die uralte Bäume zu schützen versucht, ist das Kuratorium Nationalerbe-Bäume. Sie hat jüngst auch einen bayerischen Baum unter ihre Fittiche genommen, nämlich die Hindenburg-Linde in Berchtesgaden. Sie wurde schon in den 1850er-Jahren in einem Baedeker-Reiseführer erwähnt – vermutlich war sie also schon vor 180 Jahren groß und stattlich! Damals hieß sie auch noch so: Große Linde. Der neue Namen kam erst mit den 1930er-Jahren. „Wenn man das erste Mal vor dem Baum steht, kann man seine Dimensionen kaum glauben und denkt an eine optische Täuschung“, schreibt Nationalerbe-Baum-Kurator Prof. Andreas Roloff von der Technischen Universität Dresden.

„Die Krone teilt sich ab der Stammhöhe von etwa 5 Meter nach und nach in 7 Stämmlinge, die als einzelne Äste z.T. schon Altbaumgröße erreichen. Es gibt keine Sekundärkrone oder ehemalige Kappungsstellen im Kronenbereich unter 13 m Stammhöhe, was für eine so alte Linde schon sehr ungewöhnlich ist. Dabei ist interessant, wie es der Baum zu solch intakter Krone und seiner ungestörten Wüchsigkeit geschafft hat – der kühle Standort in 850 m Meereshöhe wird dazu entscheidend beigetragen haben, denn die Wasserversorgung war und ist dort immer gesichert, noch dazu mitten im Alpenraum mit sowieso höheren Niederschlägen (das nahe Berchtesgaden hat 1.870 mm Jahresniederschlag bei einer Durchschnittstemperatur von nur 5°C). Zudem hat die Linde offenbar bereits seit Jahrhunderten Fürsorge erhalten und wurde bis in die jüngste Zeit feinfühlig gepflegt und gesichert. Dies soll auch so bleiben und erhält nun mit ihrer Ausrufung als Nationalerbe-Baum und durch die Beteiligung der DDG zusätzliche Beachtung und Wertschätzung.“

Ein weiterer Baum aus der „Nationalerbe“-Galerie steht in Bayern, und zwar eine der mächtigsten Eichen Deutschlands. Im Landkreis Kronach steht die „1000-jährige Eiche“. Sie besitzt einen Durchmesser von annähernd 3 m und eine Höhe von 33 m. Ihre Gesundheit ist allerdings durch einen vor einigen Jahren vorgenommenen Kronensicherungsschnitt gefährdet, wie Prof. Roloff schreibt.  „Damals wurden durch das Absägen riesiger Äste Eintrittspforten für Pilze geschaffen.“

Mehr Infos zu den Nationalerbe-Bäumen findet Ihr hier

Bildquelle: (c)be-outdoor.de - Petra Sobinger




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