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Freitag, 16. Dezember 2022

16. Dezember 2022, 09:37    Webmaster

Ein spannendes Jagderlebnis, oder: Das Geheimnis der Kühlkammer


Ich möchte hier von einem sehr interessanten Tag berichten, den ich kürzlich erlebte. Der BaySF-Forstbetrieb Sonthofen hatte zur dritten Bewegungsjagd auf Schalenwild in seinem Revier Kürnach eingeladen. Meine Bitte, dass ich als Beobachterin der kontrovers diskutierten Bewegungsjagden auf jeweils kleine, fragile Populationen von Rot- und Gamswild mitkommen dürfe, wurde vom Betriebsleiter Jann Ötting abgeschlagen. Man habe bereits sehr viele Beobachter der Behörden vor Ort.

Treffpunkt war der Wanderparkplatz „Eschacher Weiher“. Kurz vor 8 Uhr trafen die Autos mit den Jagdteilnehmern ein. In der Mehrzahl waren das bekannte Gesichter der Eigenbewirtschaftung, Förster des Forstbetriebs und des AELFs, Gäste aus der Schweiz und ein paar private Jäger.

Die Autokennzeichen zeigten, dass die Schützen aus Uri, Schwyz, Ulm, Landsberg am Lech, Kempten, Friedberg/Aichach, Mindelheim, Memmingen oder Donauwörth kamen. Die Besatzung der einzelnen Autos wurden sofort zu den Sammelplätzen der jeweiligen Anstellergruppe im Jagdgebiet gelotst. Der „Sammelplatz“ war also nur die Logistik-Drehscheibe für die Jagd. Für mich war nicht ersichtlich, wer Jagdleiter der Jagd war, es gab keine allgemeine Absprache mit aktueller Freigabe und der notwendige Sicherheitsbelehrung.

Aus der etwa 40 Minuten sich hinziehenden Verschiebung der Autos durch drei Betriebsangehörige war auch nicht abzuschätzen, wie viele Schützen insgesamt an der Jagd teilgenommen haben, wie viele Hunde eingesetzt wurden, wie viele Personen als Treiber und Durchgeschützen in Bewegung waren oder was tatsächlich zum Abschuss freigegeben worden war.

Meine Fotoaufnahme des Autokorsos hat die zarten Gemüter arg erregt. Am heftigsten wohl den Fahrer eines zerbeult wirkenden alten Kleinwagens, aus dem ein noch älterer Fahrer in voller Jagdmontur und ellenlangem Jagdmesser am Gürtel sprang. Er drohte sofort mit Anzeige; ich solle meine Aufnahmen unverzüglich stoppen. Schließlich sei er der Herr Rolf Wi. von der Höheren Jagdbehörde (SG 10) der Regierung von Schwaben. Er nehme seit drei Jahren an den Drückjagden teil und überprüfe auf diese Weise die Strecke. Fauchte es, stieg in sein Auto und fuhr in den Wald.

Die Jagdgebiete lagen nördlich des Parkplatzes und des Verlaufs der Straße durch das Eschachtal und südlich und westlich des Eschachtals bis zur Grenze Bayern/Baden-Württemberg (Richtung Wenger Egg). Die Geschwindigkeit auf der Staatsstraße, die die beiden Jagdbögen trennte war am westlichen Ende auf 30 km/h begrenzt, wohl dauerhaft. Am östlichen Ende der Straße, vor dem Parkplatz „Schwarzer Grat“ stand ein Schild mit dem Hinweis „Treibjagd“ und einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 km/h.

Zusätzlich parkte 100 Meter östlich des Parkplatzes Schwarzer Grat ein Bus der Staatsforsten mit einer kleinen Fahne am Rückspiegel. Die Wald- und Wanderwege nördlich des Parkplatzes Eschacher Weiher und nördlich der Eschachthalstraße waren gesperrt: „Betreten des Waldes verboten“.

Nachdem wir bis zum Jagdende mit dem Hund ein paar Schritte tun wollten, fragte ich vorsichtshalber den Herrn im BaySF-Bus, ob wir den Wanderweg nach Süden vom Parkplatz Schwarzer Grad benutzen könnten. Ja sicher, meinte dieser, gejagt würde ja auf der nördlichen Seite der Straße. Und er hätte auch schon andere Wanderer aus dem Gebiet rauskommen sehen. Ob das Absicht war? Nach kurzer Zeit auf dem nicht abgesperrten und nicht markiertem Wanderweg Richtung Wenger Egg hatten wir nicht nur einen verirrten jungen Hund aus dem Treiben aufgesammelt, sondern standen auch direkt vor der Schützenkette.

Das Jagdende war laut Einladung für 12:30 Uhr vorgesehen. Also fuhr ich zur Kühlkammer, die inzwischen mit blickdichten Bauzaun abgeriegelt war. Ich kletterte auf den Hügel gegenüber und baute mein Spektiv auf. Ich hatte von dort oben einen guten Blick auf den Platz vor der Kühlkammer und deren Eingang. Der Betriebsleiter Jann Ö. und ein paar Helfer waren vor Ort. Um 13:06 Uhr wurden zwei Überläufer angeliefert, dann kamen immer mehr Autos und Pickups, meist von Betriebsangehörigen, die Tiere vorbei brachten. Bei einem der ersten Rehe fehlte das Haupt. Anhand des Spiegels war es aber als Rehbock anzusprechen. Zwei Rehkitze waren recht zerschossen, zum Beispiel mit abgeschossenem Vorderlauf. Nach zwei Rotkälbern (so meine Vermutung) kamen jeweils getrennt zwei weibliche Stücke Rotwild. Ob es sich dabei um Alttiere oder um starke Schmaltiere handelte, war nicht eindeutig zu erkennen.

Inzwischen hatten mich die Personen vor der Kühlkammer entdeckt. Es wurde aufgeregt telefoniert, und jetzt wurde auch ich mehrmals fotografiert. Ein weiteres Alttier/Schmaltier wurde um kurz vor 14 Uhr angeliefert. Die Pickups wurden nun so vorgefahren, dass man nur in dem schmalen Bereich zwischen Heckklappe und Eingang zur Kühlkammer die angelieferten Stücke versorgen konnte. Somit hatte ich jeweils nur einen kurzen Zeitraum, in dem ich das Stück in voller Größe sehen konnte, bis es am Haken in die Kühlkammer geschoben wurde.

Von den Schützen waren nur einige wenige vor Ort. Strecke legen oder Bekanntgabe der Strecke war bei dieser Jagdveranstaltung, wie auch bei den beiden vorangegangen Jagdveranstaltungen in der Kürnach, nicht vorgesehen. Wo und was in der Zwischenzeit der beflissene jagende Herr W. von der Regierung kontrollierte, war mir nicht ersichtlich. Im Bereich der Kühlkammer war er jedenfalls nicht zugegen.

Mittlerweile wurde auch vom Berufsjäger Arno Bl.der Staatsforsten, wo der sogenannte „Abschusspool“ geführt wird, die Streckenliste für Gamswild bekanntgegeben. Angeblich war eine Geiß oder ein Jährling erlegt worden. Die Angaben von Herrn Bl. waren widersprüchlich. Was aber tatsächlich an dem Tag geschossen wurde, was frei war und was nicht, das weiß wohl keiner. Vertrauen in die vorbildliche Jagdausübung und die Kontrolle durch Behörden ist mir nach diesem Jagderlebnistag allerdings vollends verloren gegangen.

Bildquelle: (c)Wildes Bayern, (c)Wildes Bayern - privat




Annette Flemming-Stürmer schrieb:


Vielen Dank für den Bericht, was da passiert ist, ist ein absolutes „no go“ und es ist Zeit, dass solche Vorkommnisse an die Öffentlichkeit gelangen. Leider ist Ähnliches ja von verschiedenen Seiten zu hören. Bei ordnungsgemäßem Jagdverlauf dürfte ja kein Geheimnis sein, was in die Kühlkammern gelangt. Ohne Strecke legen bleibt unklar welche und wieviel Tierköper überhaupt verwertungsfähig waren.

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Unbekannt schrieb:


Leider wird der Autor von dem Artikel nicht genannt. Auf einer seriösen Homepage ist dies Gang und Gebe. Hier wohl nicht.
Da frage ich mich natürlich was entspricht von dem geschilderten der Wahrheit?!

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Christine Miller schrieb:


Der Autor ist erkenntlich: Dr. Christine Miller

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Christian Schönnagel schrieb:


Der Versuch, das Geheimnis der Kühlkammer zu lüften, erfordert schon ein gewisses Maß an Mut, der bewundert werden muß, aber unabdingbar ist, wenn man dieses offensichtlich ziemlich planlose und unreglementierte Abschießen von Wildtieren aufdecken und anprangern will. Der Sichtschutzzaun vor der Kühlkammer allein spricht schon Bände und weist zweifelsfrei darauf hin, das nicht alles, was dahinter passiert in Ordnung ist.

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