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Freitag, 06. Januar 2023

06. Januar 2023, 07:47    Webmaster

Jäger, Spinnen, Jagdspinnen – Gastbeitrag von Wolfram Martin


Gehasst oder geliebt? Beim Thema Spinnen scheiden sich häufig die „vielzitierten Geister“. Wir freuen uns über den nachfolgenden spannenden Gastbeitrag von Wolfram Martin mit dem Titel: „Jäger, Spinnen, Jagdspinnen“

Gastbeitrag von Wolfram Martin

Die Verbindung, das Verhältnis von Jägern und Spinnen müsste eigentlich ein enges sein. Doch die meisten Jäger haben wohl, so mein Eindruck, zu Spinnen kein, allenfalls ein ambivalentes Verhältnis. Spinnen werden von uns Jägern entweder so gut wie gar nicht, oder nur ihre hübschen Netze an einem taufrischen Pirschmorgen, oder sie selbst nur „als Ungeziefer“ wahrgenommen. Ich bin – oder besser: war – da keine Ausnahme.

Jede Spinne, die ich früher als Kind und Jugendlicher erreichen konnte – dies muss ich heute schamhaft gestehen – habe ich reflexartig totgeschlagen. Noch als jugendlicher Jäger war – zum Beispiel auf dem Hochsitz – keine Spinne vor mir sicher. Spinnen habe ich zu damaliger Zeit nur als ekliges Ungeziefer empfunden und bei jeder sich bietenden Gelegenheit – draufgehauen.

Dabei hätte ich damals schon, mit nur ein wenig mehr Nachdenken und Empathie für Natur und Tier, darauf kommen können, dass Spinnen und Jäger sich nahe sind, sich nahe stehen müssten, denn beide sind Jäger. Mehr noch: Jagen nicht auch viele Spinnen ähnlich wie wir Jäger indem sie – und wir – Fallen stellen, ansitzen, lauern und überlisten? Doch eigentlich ist es ja umgekehrt: Nicht die Spinnen jagen wie wir, sondern wir jagen wie die Spinnen, denn sie waren schon lange, lange vor uns da.

Kein Geringerer als unser dichtender Jägerfürst Friedrich von Gagern (1882-1947) hat über „die Jagd der Spinnen“ schon reflektiert und sich – einerseits – höchst respektlos, ja eher abfällig geäußert. Das dumpf-dösige, stundenlange, wartende, lauernde Knotzen an ein und demselben Fleck, war für ihn nur „die Jagd der Spinne und des Bussards“, nicht aber die Jagd eines sehenden, empfindenden, gefühl- und niveauvollen Jägers. Das Jagderlebnis, das Beutegeschehen, will erarbeitet sein – so sinngemäß sein Credo, das sich – ebenfalls sinngemäß – mit dem eines José Ortega y Gasset (1883-1955) nahezu deckt. Doch andererseits war seine uskokische Waldheimat sowie sein krainischer Heimatwald ebenso wenig nur eine Ansammlung von Bäumen, wie ein Wildgetier nicht einfach nur Biomasse zu sein hatte: Jeder Wald, besonders der jägerische, wartete auf eine „Beseelung“, eben durch den Jäger, wer denn auch sonst. Und jedes Jagdgeschehen, jede Begegnung mit einem Tier suchte förmlich nach dem Gleichnis.

Und dennoch hat er den Spinnen (und den Bussarden) Unrecht getan – oder kannte die Jagdart der Jagdspinnen noch nicht. Insbesondere bei den (echten), frei jagenden Raubspinnen (und anderen, nicht Netze bauenden Spinnen) sprechen heute sogar nichtjagende Wissenschaftler vom „Pirschgang der Spinnen“.

Ausgerechnet im Jagdland Ungarn, ausgerechnet anläßlich eines Mai-Jagdurlaubs in der ungarischen Tiefebene, da ich in einem Ferienhaus auf einem Sandberg hoch über der Donau untergebracht war, ausgerechnet da sollte meine Einstellung zu den Spinnen eine andere werden…

(c)Wolfram Martin – Südrussische Tarantel mit Jungen

Schon seit ein paar Tagen hatte ich die kreisrunden, wie ausgestanzt aussehenden Löcher im Boden rund ums Ferienhaus bemerkt und schließlich entdeckt, dass dort „merkwürdige Tiere“ hervorkrabbelten. Da tagsüber wenig jagdlich gefordert, noch (oder immer noch) mit „natürlicher Neugier“ ausgestattet und obendrein die gesamte Fotoausrüstung samt Makroobjektiv dabei, legte ich mich eines sonnigen Spätvormittags bäuchlings lauernd vor eines dieser Löcher – und wartete…

Ich staunte nicht schlecht, als vorsichtig und mit leicht ruckartigen Bewegungen sich ein behaartes, fast pelzartiges Gebilde mit zunächst sechs, dann mit acht Augen, denn die beiden seitlich angesetzten sah ich vorerst nicht, immer näher an mein Makroobjektiv schob, aber mit jeder Auslösung der damals noch lauten, analogen Spiegelreflexkamera blitzartig wieder verschwand. Dann, nach mehrmaligem Vor-und-Zurück, blieb die Spinne liegen und ich konnte sie leicht vergrößert sogar in aller Ruhe beobachten und studieren und schließlich erkennen, dass sie ihre gesamte „Brut“ in Form von zahlreichen Jungtieren auf dem Körper mit sich trug. Ich war begeistert, geradezu fasziniert von diesem Tier und konnte mich nicht sattsehen, denn ich fand nichts Ekliges, nichts Widerwärtiges, nichts Bedrohliches. Im Gegenteil: Ich fand sie einfach schön. Die Nähe zu ihr hatte geradezu etwas Intimes, denn mit der Zeit konnte ich mich direkt und quasi unmittelbar vor ihren acht Augen langsam bewegen. Mir schien, dass ich durch meine unmittelbare Nähe unterhalb ihres „bedrohlichen Fokus“ oder ihrer Fluchtdistanz geraten war und sie mich deshalb akzeptierte. Im Übrigen ein Phänomen, dass ich sowohl als Jäger und Tierfotograf bereits bei einigen Vögeln, den Füchsen, Rehen und sogar den Sauen erlebt hatte. Und vor ihren acht Augen die bittere, beschämende Erkenntnis, dass ich von diesem Tier, von Spinnen überhaupt so gut wie keine Ahnung hatte. Ich wußte von ihnen – nichts! Falke, Fuchs und Fledermaus als „tierischen Jägern“, genau wie Wolf, Wiesel oder Waschbär standen mir nahe, doch von den achtbeinigen, achtäugigen Jägern wußte ich – nichts!

Als ich dann wenig später mich schlau gemacht und feststellen mußte, eine „giftige“ Südrussische Tarantel nur zwei Zentimeter vor meinem Objektiv gehabt zu haben, als ich mehr über ihre Lebens- und Jagdweise und ihr mögliches Alter von rund zwölf Jahren erfuhr, kannte mein Respekt keine Grenzen. Seitdem wurde ich zum Spinnenfreund, Spinnenverehrer, seitdem habe ich nie wieder eine Spinne getötet, weder auf dem Ansitz in der Kanzel, noch in der Wohnung. Seitdem habe ich aber auch immer wieder und immer wieder neue Spinnen entdeckt.

(c)Wolfram Martin – Südrussische Tarantel von vorn

Die Südrussische Tarantel – lat. Lycosa singoriensis – kommt vom östlichen Österreich und dem östlichen Mittelmeerraum über Ungarn bis nach Rußland vor. Sie gehört nicht nur zur Familie der Wolfsspinnen, sondern sie ist mit einer Körperlänge von rund 35 Millimetern deren größte Vertreterin. Sie gräbt Wohnröhren, die eine Tiefe von bis zu 50 Zentmetern haben können. Eine Art „Kragen“ oder (schöner, da bildhafter noch) „Burgwall“ oder kleiner „Hag“ (Hege leitet sich übrigens von „Hag“, Hecke oder Umzäunung ab) um die Öffnung scheint für diese Art typisch zu sein.

Mehr noch als ihre imposante Größe und ihr prächtiges Äußeres hat mich ihr unwahrscheinliches Reaktionsvermögen beeindruckt. Tierfotografen mit damals noch analogen Spiegelreflexkameras können ein Lied davon singen, denn nicht selten haben sie ganze Diafilme zusammenfotografiert – und nicht eine Spinne war zu sehen, denn bevor der Spiegel den Belichtungsmechanismus freigab, hatte die reaktionsschnelle Tarantel im Bruchteil einer Sekunde bereits den blitzartigen Rückzug angetreten.

Trotz ihrer sprichwörtlichen „Giftigkeit“ soll sie für den Menschen ungefährlich sein. So ließ DER Spinnenkenner Deutschlands – Dr. Heiko Bellmann (1950 -2014) – verlauten, dass zum Beispiel in der Ukraine sogar Kinder mit den Spinnen spielen. Unsere hübsche Wolfsspinne scheint nämlich ausgesprochen beißunwillig zu sein, denn ein Selbstversuch eines Wissenschaftlers auch mit weiteren zahlreichen Versuchstieren mußte ergebnislos abgebrochen werden. Auch in der ungarischen Landbevölkerung, so mein Eindruck, nimmt die „Giftigkeit“ der Südrussischen Tarantel niemand so richtig ernst. Und dennoch konnte in anderen Versuchen bewiesen werden, dass Mäuse und auch Sperlinge nach einem Biß gelähmt waren.

Der Name Tarantel leitet sich übrigens von der italienischen Stadt Tarent und nicht vom neapolitanischen Nationaltanz Tarantella (auch Tanz des Dionysos; röm. Bacchus) ab, da in der Region um Tarent die Apulische Tarantel – Lycosa tarentula – besonders häufig vorkommen soll.

(c)Wolfram Martin – Gerandete Jagdspinne

Doch auch bei uns in Deutschland gibt es nicht weniger beeindruckende – und uns Jägern nahestehenden – Spinnen. Da ist zum Beispiel die zur Familie der „frei jagenden“ Raubspinnen zählende Gerandete Jagdspinne – lat. Dolomedes fimbriatus – mit einer Körpergröße von 15 Millimetern. Sie ist hauptsächlich in Schilfzonen stehender oder fließender Gewässer sowie in Feuchtgebieten, Mooren, Bruchwäldern und nassen Wiesen zu finden. Sie jagt dort nach Fliegen und anderen Insekten, kann aber auch tauchen und größere Beutetiere wie Kaulquappen, kleinere Fische oder Molche überwältigen. Ein von ihr überwältigter Fisch wird durch Giftbiß blitzartig getötet und zum Verzehr an Land gezogen. Beeindruckend auch ihr etwa ein Zentimeter großer Kokon mit mehreren hundert Jungen, der vom Weib getragen und bewacht wird.

Eine weitere, sogar noch etwas größere Unterart – Dolomedes plantarius – lebt ausschließlich auf dem Wasser und scheint recht selten zu sein.

(c)Wolfram Martin – Listspinne (Waldspinne)

Die dritte der in Mitteleuropa lebenden großen Raubspinnen, die Listspinne – lat. Pisaura mirabilis – ist eine echte Waldspinne, was nicht ausschließt, dass sie sich auch in einem etwas verwilderten Jägergarten wohlfühlt. Überwiegend an Waldrändern, Waldwegen und Böschungen kommt sie bis in eine Höhe von etwa 1000 Metern vor. Mit einer Körperlänge von 11 bis 15 Millimetern ist auch diese Spinne mit ihren langen Beinen ein recht beeindruckendes Wesen. Auch bei dieser Art trägt das Weib ab etwa Mitte Juni ihre Jungen in einem ein Zentimeter großen Kokon etwa 14 Tage mit sich herum. Kurz vor oder nach dem Schlüpfen der Jungen, werden diese in einem Gespinst-Kokon eingesponnen und von der Spinne gegen Fliegen, Hummeln, Wespen, Bienen und Schmetterlinge sowohl mit den langen Vorderbeinen als auch mit den Beißwerkzeugen recht schneidig verteidigt. Bei Gefahr oder einer Störung streben die Jungen blitzartig auseinander, um sich danach aber schnell wieder auf einem Haufen zu klumpen.

Die „Königin“ unserer heimischen Jagdspinnen, die „Gerandete“, wie ich seither in Kurzform nenne, habe nicht ich, sondern ein kleines Mädchen quasi für mich entdeckt, als ich nämlich anläßlich eines Realschulprojektes den jungen „Schmalrehen“ Natur, Tier, Wald, Gebüsch und Hecke näherzubringen versuchte. An einem kleinen Weiher, fast schon inmitten des Schilfes, schallte es plötzlich jungmädchenhaft grell „Igitt! Eklig! Eine Spinne – und was für eine…“ zu mir her. Nach kurzer Inaugenscheinnahme versammelte ich die gackernden Pubertiere und erklärte so gut als möglich, dass diese Spinne – ein wahrhaftiges Prachtexemplar ihrer Gattung – ihre wohl an die 100 Jungen in einem Kokon mit sich herumträgt und erwähnte die Möglich- oder Wahrscheinlichkeit, dass mit einem einzigen unbedachten Schlag an die hundert Spinnen zu töten seien… Da wurde die kichernde und gackernde Schar doch merkwürdig ruhig und nachdenklich.

Diese Spinne habe ich übrigens mit dem Fahrrad tagelang immer wieder aufgesucht und fotografiert. Auf die Frage eines zuständigen Jagdpächters, was mich denn seit Tagen in „seinen Wald“ treibt, habe ich geantwortet: „Ich besuche eine Jagdspinne.“ Daraufhin war ihm anzusehen, dass er mich für bescheuert oder gar völlig durchgeknallt gehalten hat.

Als ich wieder einmal von einer jagdpolitischen und jagdkulturpolitischen Veranstaltung leicht frustriert heimwärts fuhr, da dort erst Nettigkeiten und Schmeicheleien ausgetauscht, später dann nur noch Floskeln und Worthülsen verteilt  wurden, kamen mir die Spinnen in den Sinn. Zunächst nur in Abwandlung eines inzwischen klassischen Asterix-Obelix-Ausspruches: „Die spinnen – die Römer (Jäger)…“ Dann, nach einer kurzen Zeit des nachdenklichen Grübelns und Wunderns, wurde folgende Empfehlung geboren, die ich seitdem in einer Art Kokon mit mir herumtrage. Dass nämlich wir Jäger in unserer (möglicherweise) abgehobenen Verblendung, in unserer grünen Hochsitz- und Hochwild-Philosophie uns von Zeit zu Zeit mal wieder erden, sprich für mehr Bodenhaftung sorgen sollten: Einfach mal wieder bäuchlings auf den Wald- oder Wiesenboden legen, ein Gänseblümchen, eine Spinne, einen Käfer, einen Wurm beobachten, der Erde nahe sein – das täte den Tieren, den Menschen und damit letztlich der Jagd und Jägerei gleichermaßen gut.

Text und Fotos: Wolfram Martin

Bildquelle: (c)Wolfram Martin - Südrussische Tarantel, (c)Wolfram Martin - Gerandete Jagdspinne, (c)Wolfram Martin - Listspinne (Waldspinne), (c)Wolfram Martin - Südrussische Tarantel von vorn, (c)Wolfram Martin - Südrussische Tarantel mit Jungen, (c)Wolfram Martin – Südrussische Tarantel von vorn




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