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Samstag, 25. Juni 2022

25. Juni 2022, 15:13    Webmaster

Unser Wildtier der Woche: Der schöne, scheue Schwarzstorch


Wann haben Sie Ihren letzten Schwarzstorch gesehen? Ich, ehrlich gesagt, noch nie. Das mag daran liegen, dass die großen, schwarzen Vögel namens „Ciconia nigra“ mit den auffallenden roten Schnäbeln und dem weißen Bauch sehr scheu sind. Zumal sie in den paar Monaten, die sie als Zugvögel bei uns verbringen, mit Brüten beschäftigt sind. Also wohl noch heimlicher als sonst.

Dabei muss ihr Anblick wirklich eine Wucht sein. Groß wie ein Weißstorch, glänzen beim Männchen im Prachtkleid  Kopf, Hals und Brust metallisch in der Sonne, grünlich und purpurfarben. Es gibt weiße Federn an Bauch, Achseln und Schwanz, und die langen Beine schauen aus wie rot lackiert.

Schwarzstörche balzen zwar schon im Winterquartier, aber auch noch bei uns. Dann kann man sie im März bei Balzflügen beobachten, wobei ihre kreuzartige Silhouette mit gestrecktem Hals, langem Schnabel und nach hinten ausgestreckten Beinen sowie brettartigen breiten Flügeln sie sehr deutlich als Störche ausweist. Die Beine beim Fliegen die ganze Zeit auszustrecken, stellt sich der Laie unendlich anstrengend vor, aber manche Vögel haben hier einen interessanten Einrast-Mechanismus, der hilft. Wenn Störche zum Beispiel auf einem Bein stehen und das andere ins Gefieder rauf ziehen, um es zu wärmen, müssen sie überhaupt nicht aufpassen, dass ihr gestrecktes Bein nicht einknickt. Das Kniegelenk ist fest; sie müssen vielmehr die Haltung ändern, um es wieder flexibel zu kriegen.

Störche flirten, indem sie synchron fliegen, sich gegenseitig putzen oder mit dem Schnabel klappern. Die Männchen tanzen auch für die Weibchen. Ihre Rufe sind leise fauchend oder zischend, im Flug auch flötend. Obwohl die Schwarzstörche große Vögel sind und ihre Nester, die sie manchmal über Jahre hinweg nutzen und verbessern, umfangreich und schwer, sind sie doch Baumbrüter (ja, es kommt vor, dass so ein Storchennest dann irgendwann samt dem Ast abstürzt…!).

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Glaubt man dem Landesamt für Umwelt in Bayern, dann ist die Situation des Schwarzstorchs nicht wirklich bedrohlich: Der „sehr seltene Brutvogel“ ist in Bayern nicht gefährdet, regional verbreitet, und sein Brutareal hat sich seit Ende der 1990er-Jahre wesentlich vergrößert. Davor habe sein Bestand seit Mitte der 1970er um über 50 Prozent zugenommen, und die aktuellen Zählungen von 300 bis 350 Brutpaaren dürften noch lückenhaft, die Dunkelziffer (wie passend, schließlich isser ja schwarz…) also ziemlich hoch sein. Man mag kaum glauben, dass es diesem einst ausgerotteten, seltenen Schreitvogel tatsächlich so gut gehen sollte.

Dagegen spricht zum Beispiel schon sein hoher Anspruch an Lebensräume: Alte, ausgedehnte Laub- und Mischwälder mit Altholzbeständen sowie nahrungsreichen Fließgewässern, Grünlandbereichen und Feuchtgebieten. Der Schwarzstorch gilt als Profiteur von der Aktivität des Bibers, also aufgestauten Gewässern mit all ihrer Vielfalt. Sollten wir übersehen haben, dass diese vielfältigen Lebensräume bei uns noch in großer Zahl vorhanden sind? Dort braucht der Vogel mit seiner Spannweite von knapp zwei Metern dann auch noch Schneisen für einen freien Anflug zum Nest. Wer sich viel mit Auerhühnern befasst, die ebenfalls solche Schneisen brauchen, der weiß, dass sie nicht gerade reich gesät sind. Auf Zerschneidung der Lebensräume durch Straßen- und Wegebau, auf Baumaßnahmen und „deutliche Veränderungen der Strukturen an Brutplätzen und Nahrungsflächen“ (LfU) reagiert der Vogel überaus empfindlich. Wie auch sonst auf jede Störung seiner Brutplätze.

Ein so empfindlicher Vogel bietet eine große Bandbreite an Möglichkeiten, wie man ihm etwas Gutes tun kann: Von Nisthilfen über die Anlage und Renaturierung von Gewässern, das Entfernen von Drähten, Zäunen und die Entschärfung gefährlicher Strommasten bis hin zur Lenkung von Besuchern und Einrichtung von 300 Meter-Schutzzonen rund um die Nester. Bisher musste auch beim Bau von Windkraftanlagen in einem Radius von 10.000 Meter geprüft werden, ob der Schwarzstorch Habitate nutzt und dabei womöglich beeinträchtigt wird.

Das ist jetzt aber vorbei: Dank Putins Angriff auf die Ukraine ist der Bedarf an Windkraftanlagen so dringlich, dass wir keine Rücksicht mehr auf störungsempfindliche Waldvögel nehmen können. Gemeinsam mit 19 anderen Arten ist Ciconia nigra deshalb von der Liste der zu berücksichtigenden Vogelarten geflogen, wie übrigens auch das Auerhuhn. Zugleich werden jetzt immer mehr Wälder für den Bau von Windkraftanlagen geöffnet werden. Schade, ich hätte vielleicht doch ganz gerne irgendwann mal einen Schwarzstorch gesehen.

 

Bildquelle: Wildes Bayern - Tier der Woche: Der Schwarzstorch (c)Naturfotografie Hofmann




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