Immer wieder hören oder lesen wir, dass sich Arten an den Klimawandel „nicht schnell genug anpassen“ könnten. Aber was heißt das genau? Eine neue Studie klärt auf und zeigt, dass wir diesen Arten vielleicht helfen können, denn entscheidend ist nicht nur ihre Genetik, sondern auch der Zustand unserer Landschaft. Die Studie liefert einen seltenen experimentellen Beleg dafür, dass ökologische Degradation Anpassungsfähigkeit aktiv ausbremst, und zwingt dazu, bestehende Naturschutzstrategien neu zu bewerten.
Wissenschaftler aus den Niederlanden und der Schweiz haben das Thema am Beispiel des Knutts (Calidris canutus islandica) untersucht. Der Knutt ist ein Watvogel und ein Langstreckenzieher, der im Frühjahr im Wattenmeer rastet.
Die Studie zeigt zunächst eine wichtige Differenzierung: Der Beginn der Zugvorbereitung von Vögeln, also der Start von Fettaufbau und Mauser, bleibt selbst bei stark erhöhter Nahrungsverfügbarkeit unverändert. Dieser Zeitpunkt ist offenbar durch den inneren Jahresrhythmus der Tiere festgelegt.
Doch ab diesem Moment entscheidet nicht mehr der innere Takt, sondern die Umwelt darüber, wie schnell Tiere tatsächlich migrationsbereit werden. Vögel mit besserem Zugang zu Nahrung konnten im Rahmen der Studie deutlich schneller Körperreserven aufbauen, waren bei der Freilassung schwerer und verließen das Rastgebiet früher.
Entscheidend ist hierbei nicht das absolute Körpergewicht, sondern die Geschwindigkeit der Energieaufnahme: Je schneller ein Vogel Energie speichern konnte, desto früher trat er den Zug an, im Mittel mehrere Tage früher pro zusätzlichem Gramm täglicher Gewichtszunahme. Wildtierökologisch betrachtet ist das ein klassisches Beispiel für einen limitierenden Umweltfaktor: Die Anpassungsfähigkeit der Tiere ist vorhanden, wird aber durch äußere Bedingungen gebremst.
Migration ist damit kein rein verhaltensbiologisches oder genetisches Phänomen, sondern unmittelbar an funktionierende Ökosysteme gekoppelt. Im naturschutzfachlichen Kontext ist das von großer Tragweite: Rastgebiete werden in Planungs- und Schutzkonzepten häufig als „Zwischenräume“ behandelt, Flächen, die nur saisonal genutzt werden und daher leichter beeinträchtigt oder überformt werden können.
Die Studie macht deutlich, wie entscheidend der Umgang mit diesen Rastgebieten ist. Wenn Tiere in kurzer Zeit nicht ausreichend Energie aufnehmen können, verzögert sich ihre Migration – mit potenziell gravierenden Folgen für Fortpflanzung und Populationsentwicklung.
Nahrungsverfügbarkeit ist darüber hinaus nicht nur eine Frage des Vorkommens von Beutetieren. Auch Störungen durch Freizeitnutzung, Licht, Lärm oder dauerhafte Beunruhigung wirken funktional wie Habitatverlust: Nahrung, die nicht ungestört aufgenommen werden kann, ist ökologisch wertlos. Damit rücken Störungsarmut und Prozessschutz stärker in den Fokus wildtierökologischer Bewertung.
Für uns bedeutet das, dass der Erhalt von Arten nicht allein über Flächenschutz oder formale Gebietsausweisungen erreicht werden kann. Entscheidend ist, ob Lebensräume ihre ökologische Funktion erfüllen, ob sie produktiv, störungsarm und in der Lage sind, kurzfristig hohe energetische Anforderungen zu decken. Rastgebiete zum Beispiel sind keineswegs Randthemen des Naturschutzes, sondern zentrale Stellschrauben für die Anpassungsfähigkeit von Wildtieren in einer sich rasch verändernden Umwelt.
EK
Zur vollständigen Studie in englischer Sprache gelangen Sie hier
Bildquelle: David Maw/Pixabay.de
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