Wie schon hier im Blog angekündigt, wollen wir in einer Beitrags-Serie über Wildkrankheiten genauer hinschauen, welche Krankheiten derzeit eine Bedrohung für unsere heimischen Wildtiere darstellen, woher sie kommen und was wir gegen sie tun können.
Die Vogelgrippe ist ein besonders eindrückliches Beispiel dafür, wie Wildtiere oft die Folgen tragen müssen, wenn neue Krankheiten entstehen.
Wildvögel leben seit jeher mit Influenzaviren. Doch hochpathogene Varianten der Aviären Influenza (AI) wie H5N1 können sowohl bei Hausgeflügel als auch bei Wildvögeln lebensbedrohliche Erkrankungen mit hoher Sterblichkeit auslösen.
Nicht jedes Vogelgrippevirus ist gefährlich. Problematisch wird es erst, wenn Viren sich verändern und in Haltungen mit vielen empfänglichen Tieren auf engem Raum sehr stark vermehren können. In diesen dicht besetzten Geflügelbetrieben entstehen besonders viele Gelegenheiten für neue, gefährliche Virusvarianten.
Wenn diese hochpathogenen Viren anschließend in die Natur gelangen, treffen sie auf Wildtierpopulationen mit unvorbereiteten Immunsystemen, die ihnen kaum etwas entgegensetzen können. So kann diese Tierseuche zu einem Problem für heimische Arten werden.
In der öffentlichen Debatte gelten Wildvögel oft vor allem als Überträger, die von den Stallungen fernzuhalten sind, damit keine Gefahr für den Betrieb besteht. Dabei sind sie selbst massiv betroffen. Vor allem viele Wasservogelarten, wie Gänse, Schwäne, Möwen oder Kraniche, können schwer erkranken und sterben. Besonders dramatisch wird es an Brutkolonien und Rastplätzen, wo viele Tiere auf engem Raum zusammenkommen.
Wie viele Wildvögel tatsächlich sterben, lässt sich nur schwer beziffern, da eine hohe Dunkelziffer besteht. Klar ist aber, dass die derzeit zirkulierenden H5-Viren schon weltweit große Verluste bei Wildvögeln verursacht haben.
Gerade für kleine, isolierte Populationen kann ein Ausbruch existenzbedrohend sein. Wenn von einer Art nur noch wenige Hundert Tiere leben, können die Verluste durch die Vogelgrippe innerhalb kurzer Zeit den Unterschied zwischen Überleben und Aussterben bedeuten.
Wie ernst die Gefahr inzwischen genommen wird, zeigt ein Blick nach Neuseeland. Dort ist die hochpathogene Vogelgrippe erst vor Kurzem erstmals aufgetreten, dennoch sind bereits mehrere hundert Vögel daran verendet, vor allem Küstenvögel. Als Vorsichtsmaßnahme hat Neuseeland deshalb ein Impfprogramm für rund 300 Individuen besonders gefährdeter endemischer Vogelarten gestartet, darunter der Kakapo, ein flugunfähiger Papagei, und die Takahe, eine stark bedrohte Rallenart, die bereits zweimal für ausgestorben erklärt wurde.
Wie komplex das Geschehen inzwischen ist, zeigen auch Untersuchungen aus den USA. Hier wurde das Virus nicht nur bei Rindern selbst, sondern auch in der Luft und betrieblichen Abwasserströmen gefunden. Dies ist aus Sicht des Wildtierschutzes besonders alarmierend. Abwasserbereiche und Reservoirs können von Wildvögeln und anderen Tieren genutzt werden und so als mögliche Infektionsquelle fungieren.
Laut des Radar-Bulletins des Friedrich-Loeffler-Instituts war die Zahl der HPAI-Nachweise in Europa im Sommer 2026 auf niedrigem Niveau. Doch mit dem herbstlichen Vogelzug ist erfahrungsgemäß wieder mit steigenden Nachweiszahlen zu rechnen.
Die Vogelgrippe zeigt besonders deutlich, warum wir Wildtierkrankheiten nicht isoliert betrachten dürfen. Wildvögel sind nicht einfach die Schuldigen, die Krankheiten in unsere Ställe tragen. Sie sind selbst Opfer eines weltweiten Seuchengeschehens.
Die industrielle Tierhaltung ist dabei Teil des Problems. Deshalb muss sie auch Teil der Lösung sein. Denn wenn wir erst dann reagieren, wenn die letzten wenigen Tiere einer bedrohten Art vorsorglich geimpft werden müssen, ist die Krankheit längst nicht mehr nur ein wirtschaftliches Problem der Geflügelhaltung, sondern eine Gefahr für die gesamte Artenvielfalt.
EZ
Bildquelle: Carsten Brandt/IStockphoto
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