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Freitag, 02. Oktober 2026

Scrollicon
Ein dunkler Gamsbock läuft einen steilen Berghang hinunter
02. Oktober 2026, 14:52    office@wildes-bayern.de

Blauzungenkrankheit – von Kollateralschaden und Wächter-Arten


Die Gamsbrunft naht, und wer in dieser Zeit Glück und ein gutes Spektiv hat, kann erregte Gamsböcke beobachten, die mit blauem Lecker die Duft- und Geschmacksstoffe der Geißen aufnehmen. Diese „Blauzungen“ sind keine Gefahr für das Wild – wohl aber die Blauzungen-Viren, die immer weiter von Westen und Süden in unser Land vordringen.

Das BT-Virus (vom englischen Begriff Blue Tongue) ist vermutlich in Afrika entstanden und hat sich mit heute 24 Variationen, sogenannten Serotypen, immer weiter ausgebreitet. Schafe sind besonders empfindlich, wenn sie mit den Viren infiziert werden, während Rinder als Hauptreservoir gelten. Das heisst, in Rindern können sich die Viren vermehren und dort langfristig überdauern, indem sie sich an die Oberfläche von roten Blutkörperchen kleben. Mücken saugen bei einer Blutmahlzeit so die Virenlast auf und übertragen sie beim nächsten Mückenstich auf ein neues Wirtstier.

Blauzungen-Infektion erkennen

Die Symptome sind je nach Serotypen unterschiedlich, aber typisch sind Fieber, Apathie, Absonderung von der Herde, Entzündungen im Bereich Maul, Rachen und Klauen sowie Ödeme um Augen und Maul. Die Entzündung der Klauen kann Lahmheit und andere Bewegungsstörungen verursachen. Die Schwellung und namensgebende Blauverfärbung der Zunge kommen nur manchmal vor. Bei besonders schwer erkrankten Tieren lösen sich teilweise auch die Schleimhäute entlang des Magens und des Verdauungstraktes. Dann färbt sich auch die Losung dunkel. Doch je nach Tierart und Serotyp sind mal keine Symptome  sichtbar, mal erkranken die Tiere schnell und erkennbar. In vielen Fällen führt eine Infektion auch zu Aborten der Tracht.

Für den Menschen ist BT völlig ungefährlich. In sehr seltenen Fällen kann die Krankheit auch auf Fleischfresser übertragen werden. Ob das immer durch Mückenstiche oder auch durch das Fressen von infiziertem Fleisch möglich ist, ist noch unklar. Auf jeden Fall ist Blauzungenkrankheit meldepflichtig.

Wo kommt BT vor?

Das sogenannte „Radar Bulletin“ ist ein Organ unter anderem des Friedrich Löffler-Instituts, das den aktuellen Stand verschiedener Tierseuchen in Deutschland anzeigt. Hier steht BT als eine „neue“ Krankheit seit Wochen auf der Signalstufe „rot“.

Aus Deutschland wurden im August 2026 16 BT-Ausbrüche (Vormonat: 9), vor allem in Rinderbeständen, gemeldet. Die meisten Ausbrüche kamen aus Baden-Württemberg (6) und Bayern (5). Weiterhin wurden zwei Ausbrüche aus Thüringen und je einer aus Niedersachen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gemeldet. In Rheinland-Pfalz war eine Schafhaltung betroffen.

Nach EU-Recht muss um jeden Ausbruchsbetrieb eine Sperrzone mit einem Mindestradius von 150 Kilometern eingerichtet werden. Die Regierungsbezirke Oberfranken und Oberpfalz werden in dieser Zone erfasst, sodass nun ganz Bayern seit dem 19.06.2026 als „nicht-frei“ in Bezug auf BTV-8 – das ist der aktuell seit 2006  in Europa grassierende Serotyp – gilt. In den Alpen schreitet die Blauzungenkrankheit aus der Schweiz kommend über Vorarlberg und Tirol immer weiter nach Osten voran. Nachdem Rinder sehr oft völlig ohne Symptome BT-Viren mit sich herumtragen können, ist es ohne großflächiges Screenings sehr schwierig die Ausbreitung lückenlos zu verfolgen.

Was können die Landwirte tun?

Die einzige Handlungsoption für BTV ist eine Impfung. Allen Schaf-, Rind- und Ziegenhaltern in den BT-Zonen wird dringend empfohlen, ihre Tiere mindestens einmal gegen BTV-3 und BTV-8 (das sind zwei bei uns vorkommende Varianten des BT-Virus) impfen zu lassen. Der Vermehrungszyklus des Virus und die Vektorenaktivität sind von der Umgebungstemperaturen abhängig. Laut Studien erhöht sich das Infektionsrisiko deutlich im April und sinkt wieder im November. Die Tiere sollten deswegen die Impfung im Winter bis zum Beginn der Gnitzensaison (April) erhalten. Eine Auffrischungsimpfung soll nach einem Jahr erfolgen.

Besteht eine Gefahr für Wildtiere oder von Wildtieren?

In  praktisch allen Wiederkäuerarten hat man das Blauzungen-Virus schon gefunden, ob Lama oder Berggazelle, Pronghorn-Antilope oder Bison. Die Schaf- und Ziegenarten sind besonders empfänglich, seien es Bighorn-Schafe in den Rocky Mountains oder Muffelwild in Europa. Auch bei Steinböcken (in Spanien ebenso wie in den Alpen), bei Gämsen und bei Damwild fand man Spuren von erfolgter Infektion mit dem Virus.

Weißwedelhirsche sind vor einigen Jahren in größerer Zahl einer Infektion zum Opfer gefallen. Bei Rehwild hat man so gut wie keine Spuren einer Infektion in den betroffenen Seuchengebieten entdeckt. Bei Rotwild lässt sich das Virus noch einige Zeit im Körper nachweisen – auch wenn es so gut wie keine äußerlich erkennbaren Krankheitssymptome zeigt.

Doch die Befürchtung, dass sich Wildtiere, vor allem das Rotwild, als Viren-Speicher entpuppen, wurde inzwischen widerlegt. Zwar werden die Hirsche rasch angesteckt, wenn zum Beispiel infizierte Rinder in der Nähe weiden. Doch sobald die Erkrankung bei den Nutztieren erkannt wird und die Viren über eine Impfaktion dort ausgemerzt werden, werden sie auch im Wildtierbestand nicht mehr weitergegeben. Selbst wenn noch ein Drittel des mehrjährigen Rotwildes Viren-Material im Gewebe trägt, sind die Schmaltiere und Spießer nicht mehr infiziert. Eine Reihe von Veterinärmedizinern und Epidemiologen schlagen deshalb vor, das Rotwild als so genannte Wächterart zu nutzen: Mit regelmäßigen Proben der Strecke kann so schnell und kostengünstig erkannt werden, wo Blauzungen-Viren in die Natur eingebracht wurden.

Aber auch die scheinbar so robusten Rothirsche sind nicht komplett unverwundbar. Denn einhellig wird in vielen Studien darauf hingewiesen, dass bei Dauerstress auch geringe Infektionen zum Ausbruch von Krankheiten führen kann. Und bei den gefährdeteren Arten Gams-, Stein- und Muffelwild müssen Jäger nicht nur genau hinschauen, sondern auffälliges Wild und Fallwild konsequent zu einer fachkundigen Untersuchung bringen. Auch ein scheinbar unsichtbarer Rückgang der Reproduktionsrate kann bei diesen Arten zum Rückgang und Verlust lokaler Populationen führen.

CM




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