Die Bestände seltener Tier- und Pflanzenarten schrumpfen in den meisten Teilen Europas drastisch. Deshalb berichten wir hier nochmal über ein Naturschutzkonzept, das auf eine simple Lösung setzt, und das wir Ihnen schon mehrfach vorgestellt haben: Die wilden Weiden. Auf großflächigen Weidelandschaften, auf denen nur wenige Rinder und Pferde das ganze Jahr über grasen, entstehen wieder Lebensräume, die für viele aktuell abnehmende Arten wichtig sind.
Der große Unterschied zur herkömmlichen Beweidung liegt in der Tierdichte: Auf wilden Weiden leben, je nach Fläche, vier- bis zehnmal weniger Tiere. Rinder und Pferde schaffen es deshalb nicht, die Vegetation komplett herunterzufressen. Ein Teil bleibt immer stehen. Im Gegensatz zu Mähwiesen, auf denen nach dem Schnitt schlagartig alle Blüten verschwinden, blüht auf wilden Weiden durchgehend etwas. Von diesem kontinuierlichen Blütenangebot profitieren Insekten, wie Schmetterlinge, Wildbienen, Heuschrecken und Zikade. Die Weidetierhaltung verhindert zudem, dass Mähmaschinen nicht nur Insekten töten, sondern auch Gelege von Bodenbrütern zerstören und Reptilien wie die Ringelnatter und auch Rehkitze und Junghasen niedermähen.
Bei den sogenannten wilden Weiden werden nicht nur durch das Fraßverhalten der Tiere neue Lebensräume gebildet, sondern auch durch die schweren Hufe der Rinder und Pferde die Landschaft aktiv verändert. Wenn sich die Großsäuger im Sand wälzen und den Boden aufscharren, entstehen offene Sandstellen. Davon profitieren Wildbienenarten und Grabwespen, die dort ihre nur wenige Millimeter großen Bruthöhlen graben.
An feuchten Stellen können sich die Trittspuren mit Wasser füllen. In diesen Kleinstgewässern finden Amphibien, wie Unken und Frösche, dann Unterschlupf. Dornige Gebüsche werden von den Rindern eher weniger bevorzugt. Sie wachsen mit der Zeit heran und bieten seltenen Vogelarten Lebensraum: Neuntöter und Dorngrasmücke finden darin Brutplätze, das Braunkehlchen Sitzwarten und Deckung.
Ein unterschätzter Baustein des Ökosystems sind die Hinterlassenschaften der Weidetiere. Im Dung entwickeln sich Unmengen von Fliegen, und Schmetterlinge wie Bläulinge nehmen dort Mineralien auf. Die Mistkäfer setzt dabei den Großteil der Dungmasse um und machen ihn auf weiterem Weg für die Natur nutzbar. Voraussetzung ist, dass die Rinder zuvor nicht mit Antiparasitika behandelt werden, deren Rückstände die Dungfauna schädigen.
Diese Fülle an Insekten bildet die Nahrungsgrundlage für Reptilien, Amphibien, Fledermäuse und Vögel. Mit den extensiven Dorfweiden war sie früher selbstverständlich, heute ist sie massiv zurückgegangen.
In Deutschland wird schon seit vielen Jahren mit großflächigen Weidelandschaften gearbeitet, dazu haben wir bereits im Juli einen Blogbeitrag veröffentlicht. Nun fasst das Konzept auch in der Schweiz Fuß. Der Verein „Wilde Weiden“ will 2027 und 2028 vier Pilotprojekte mit insgesamt 2,5 Quadratkilometern aufbauen. Welches Potenzial in dem Konzept steckt, zeigt schon eine kleine Fläche: Auf dem 17 Hektar großen, extensiv beweideten Leukerfeld im Wallis konnten bereits eine für die Schweiz neue Zikadenart sowie mehrere sehr seltene Arten nachgewiesen werden.
Der Beitrag ist die Zusammenfassung eines Beitrags des SRF, den Sie hier einsehen können
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