Blogpost
Donnerstag, 04. Juni 2026

Scrollicon
Ein Reh mit grauem Winterfell, aus dem stellenweise das rote Sommerfell leuchtet, steht zwischen Baumstämmen vor hellgrüner Bodenvegetation
04. Juni 2026, 12:23    office@wildes-bayern.de

„Schädling“? Das Reh ist der Sündenbock der Forstlobby


Es gibt ein Tier, auf das sich in Deutschland alle einigen können – beim Draufhauen. Der Förster schimpft über den „Verbiss“, der Politiker fordert mehr Abschüsse, und der Jäger steht dazwischen und soll liefern. Schuld ist, wie immer, das Reh. Bequem, dieses Feindbild – nur falsch.

Denn was als „modernes Schalenwildmanagement“ durchs Land getragen wird, hat mit dem lebenden Tier nichts zu tun. Es hat mit einer Zahl zu tun – dem Verbissprozent – und mit der politischen Macht, die sich daraus pressen lässt. Mit dem Reh selbst, mit seiner Biologie, seinem Verhalten, seiner erstaunlichen Geschichte, beschäftigt sich kaum jemand. Höchste Zeit, das zu ändern!

Genau das hat ein Fachvortrag von Dr. Christine Miller bei der Hegegemeinschaft Zusamtal in Dillingen getan – und das Thema vom Kopf auf die Füße gestellt.

Wer hier wirklich „überhöht“ auftritt

Fangen wir mit den großen Zahlen an, weil sie so unbequem sind: Der Mensch stellt 0,01 Prozent aller Wirbeltiere – und hat 83 Prozent aller wildlebenden Säugetiere ausradiert. In Deutschland sind 41 Prozent der Säugetierarten gefährdet oder bereits weg. Iltis, Baummarder, Gamswild stehen auf der Vorwarnstufe der Roten Liste. Und angesichts dieser Bilanz reden wir von „überhöhten Wildbeständen“. Wohlgemerkt: ohne Daten. Wie immer.

Das Reh – ein Erfolgsmodell, das längst unter Druck steht

Das Reh ist das häufigste Wildtier Mitteleuropas und gleichzeitig das am schlechtesten beleumundete. Dabei ist seine Geschichte bemerkenswert: Es überdauerte die Eiszeiten in südeuropäischen Rückzugsräumen und besiedelte den Kontinent neu – genetisch vielfältig, anpassungsfähig, ein Überlebenskünstler.

Doch dieses Erfolgsmodell wankt. Nicht wegen der Jagd – wegen des Klimas. Je heißer und trockener die Sommer, desto schlechter entwickeln sich die Kitze. In französischen Langzeitstudien schwanken die Kitzgewichte von Jahr zu Jahr um bis zu 30 Prozent. Und es geht um Wochen: 80 Prozent der Kitze werden in einem Fenster von drei Wochen rund um den 22. Mai gesetzt – genau dann, wenn die Natur die beste Äsung liefern soll. Doch der frühere Frühling bringt die Geißen rund zwei Wochen „außer Takt“. Den „Silberlöffel-Effekt“ nennt man das: Wer schwer geboren wird, hat eine Chance. Wer leicht bleibt, hat sie nicht. In den ersten Monaten sterben ohnehin 20 bis 80 Prozent der Kitze.

Das ist die Wahrheit über das Reh. Es ist kein Schädling, der das Land überrennt. Es ist ein Tier, dem der Klimawandel an die Substanz geht – während wir es mit Mindestabschüssen traktieren.

 „Verbiss“ – das Zauberwort ohne Beweis

Kommen wir zum Lieblingswort der Forstlobby. „Verbiss“ klingt nach Schaden, nach Zerstörung, nach Schuld. Tatsächlich ist Verbiss erst einmal nur eines: die Lebensäußerung eines Tieres, das äst, weil es essen muss.

Und was sagt die Wissenschaft zum großen Sündenfall? Die Wilddichte erklärt gerade einmal ein Viertel der Unterschiede beim Anwachsen junger Bäume. Drei Viertel sind Licht, Wasser, Konkurrenz, Beschattung – alles, nur nicht das Reh. Der Forstwissenschaftler Dr. Marco Heurich vom Nationalpark Bayerischer Wald bringt es trocken auf den Punkt: man wisse effektiv nicht, was ein bestimmtes Verbissprozent für die Waldentwicklung überhaupt bedeute. Übersetzt: Man verurteilt das Reh für ein Verbrechen, dessen Tatbestand niemand definieren kann.

Dabei gibt es die andere Seite der Medaille, über die niemand spricht: den Wildnutzen. Langzeitstudien über 30 Jahre zeigen, dass die Pflanzenvielfalt dort höher ist, wo Schalenwild lebt – höher als hinter dem Zaun. Wild düngt, fördert genetische Vielfalt durch selektiven Verbiss, dämpft Mäusekalamitäten. Und 99 Prozent aller Keimlinge sterben ohnehin – an Licht-, Wasser- und Nährstoffmangel, an Pilzen und Schnecken. Nicht am Reh.

Das Forstliche Gutachten: teuer, aber wertlos

Das zentrale Steuerungsinstrument der bayerischen Jagd ist das Forstliche Verbissgutachten. Es erhebt Verbissprozente ohne Vegetationsdichten, definiert Vergleichsflächen ohne Grenzwerte und unterstellt einen Zusammenhang zwischen Wilddichte und Verbiss, statt ihn nachzuweisen. Aus wissenschaftlicher Sicht erfüllt es sein eigenes Ziel nicht. Man muss es so hart sagen, wie es ist: Millionen Euro teuer, aber wertlos. Seinen einzigen „Wert“ hat es als forstpolitisches Machtmittel.

Und das Recht? Steht auf der Seite des Wildes

Das Jagdrecht ist in Deutschland an Grund und Boden gebunden – und damit an eine Pflicht. Wer jagen darf, muss für den lebenden Bestand sorgen, artgerechte Bedingungen schaffen, das Tierschutzgesetz achten. Stattdessen erleben wir: Nachtjagd auf längst nachtaktiv gewordenes Wild. Schonzeitaufhebungen ohne räumliches Konzept. Mindestabschüsse ohne jeden Bezug zur lebenden Population. Grundgesetz (Art. 20a), Tierschutzgesetz, Bundesjagdgesetz – sie alle setzen Grenzen. Die nur leider kaum jemand kontrolliert.

Was es bräuchte, ist nicht kompliziert

Wer ein Tier bejagt, muss es kennen: Zahl, Struktur, Verhalten, natürliche Sterblichkeit – sie gehören erfasst, bevor ein Abschussplan entsteht, nicht danach ausgewürfelt. Lebensräume müssen gestaltet werden: Hecken, Waldränder, Ruhezonen, störungsfreie Äsung wirken oft besser als jede Abschussvorgabe. Und die Jagd muss aufhören, sich am Streckenfetisch zu berauschen – soundsoviele tote Rehe pro 100 Hektar – und endlich nach Raumnutzung, Struktur und Verhalten planen.

Klingt radikal? Ist aber nur das Minimum

Das Reh verbeisst nicht aus Boshaftigkeit. Es äst, weil es leben muss. Ob daraus Schaden wird, entscheiden Lebensraum, Bewirtschaftung und die Art, wie wir jagen – nicht das Tier. Die Gesellschaft hat ein Recht auf erlebbare Wildtiere. Und die Wildtiere haben ein Recht auf Menschen, die sie kennen, statt sie zum Sündenbock zu erklären.

Mit Erich Kästner gesprochen: „Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.“ Aber ohne Wild bleiben sie es. Denn das Wild ist die Seele der Landschaft.

 

Den vollständigen Fachvortrag von Dr. Christine Miller mit allen Studien und Belegen finden Sie hier




Ludwig Fegg schrieb:


Danke für die Zahlen, Fakten und Darstellungen.
Wo und wie leben wir eigentlich? Das wahre Problem unserer Erde und unserer Enkel sind wir Menschen.
Das Prinzip von Urvölkern war ganz einfach. Zu jagen und zu pflanzen, was man zum Leben brauchte.
Damit war man zufrieden.
Wie geht es uns Menschen heute?
Immer mehr, immer höher immer weiter und immer schneller ins Verderben.
Traurig.
Mit Erich Kästner gesprochen: „Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.“ Aber ohne Wild bleiben sie es. Denn das Wild ist die Seele der Landschaft.

Antworten
Habakuk schrieb:


Dem Reh ergeht es demnach genauso wie dem Förster. Der ist nämlich der Böse, der das Reh als Schädling bekämpft. Alle anderen wollen ihm offenbar nur Gutes. Obwohl eines klar ist: jagen tun die Jäger. Und damit haben sie vieles in der Hand und viel Einfluss darauf, ob, wo, was und wie viel das Wild verbeißt, ob es in sich in seinem Lebensraum wohlfühlt oder unter (Jagd-)Stress leidet und ob es nachtaktiv sein muss oder nicht und vieles andere mehr.

Antworten
Waidmann schrieb:


Jagen Förster etwa nicht?

Antworten
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

Jan Haft: Der Weide gehört die Zukunft!

Unordnung im Wald zahlt sich in Arten aus

UPDATE: Über 150 Verbände fordern mehr Unterstützung für Beweidung

Der Buchdrucker – Mahner für den Mischwald

Petition zum Erhalt einer Wildtierstation

Rotwildinitiative Schönbuch fordert Abschussstop

Totes Wild melden hilft Tierleben retten! UPDATE

Tagung Jagd & Artenschutz: Positionspapier jetzt im Landtag

Kitze zermäht – mehrere Anzeigen gegen Landwirte

Tierschutzdrama bei Pfingst-Festival: Zwei Kitze tot

Petition: Finger weg von unseren Stadtwäldern!

Gastbeitrag: Zwischen Hegeauftrag und Waidgerechtigkeit

Nicht alle Insekten sind der Stadt gewachsen

Nicht jeder Mischwald ist gut fürs Ökosystem

Vorträge zu „Naturschutzbeweidungen im Wald“ jetzt online

Auen und Weidetiere – eine fruchtbare Symbiose

Künstliches Licht irritiert ganze Ökosysteme

Die Buche – Zukunftsbaum oder Todeskandidat?

Wilde Gärten-Vortrag im Schwarzwald

Wildereifälle am Chiemsee – wer hat was gesehen?

„Sündenbock Reh“ – Film über Wild und Forst in der Mediathek

Rechtzeitig anmelden: Tagung zu Waldnaturschutz

Treffpunkt Wurzelteller: Das „Marktcafé“ der Waldtiere

Linktipp: Artikel über Österreichs Jagdpolitik

Update gArtenvielfalt: Internetseite mit tollen Tipps

Großartiges Video über Winzlinge im Wald

Reh, Rothirsch, Damwild… wer ist was?

„Rehfriedhof“ im Wald bei Anger UPDATE

Und wieder knallts in einer Eigenbewirtschaftung UPDATE

Eiskalte Tötung eines geretteten Rehs?






Aktuelle Informationen



Rote Karte für ausgedehnte Rotwildjagdzeiten Das Bayerische Verwaltungsgericht Bayreuth hat mit einem Urteil vom 2. Juni der Schonzeitaufhebung und Nachtjagd auf Rotwild in drei Staatsjagdrevieren…

Mittwoch, 24. Juni 2026
Jetzt lesen
Vormerken: Online-Seminar zur Wiedervernässung Die österreichische Initative "Zukunftsraum Land" lädt am 21. September vormittags zu einem Webinar „Mit Wiedervernässung und Wasserrückhalt Biodiversität und Landwirtschaft…

Mittwoch, 24. Juni 2026
Jetzt lesen
Unbändige Hitze - Wasser für Tiere nötig! Ein Hitzehoch hält uns gerade in seinen glühenden Klauen. Pfützen trocknen aus, ebenso wie manche Gräben oder Tümpel, und Wasser…

Mittwoch, 24. Juni 2026
Jetzt lesen

Mitglied werden