Es gibt ein Tier, auf das sich in Deutschland alle einigen können – beim Draufhauen. Der Förster schimpft über den „Verbiss“, der Politiker fordert mehr Abschüsse, und der Jäger steht dazwischen und soll liefern. Schuld ist, wie immer, das Reh. Bequem, dieses Feindbild – nur falsch.
Denn was als „modernes Schalenwildmanagement“ durchs Land getragen wird, hat mit dem lebenden Tier nichts zu tun. Es hat mit einer Zahl zu tun – dem Verbissprozent – und mit der politischen Macht, die sich daraus pressen lässt. Mit dem Reh selbst, mit seiner Biologie, seinem Verhalten, seiner erstaunlichen Geschichte, beschäftigt sich kaum jemand. Höchste Zeit, das zu ändern!
Genau das hat ein Fachvortrag von Dr. Christine Miller bei der Hegegemeinschaft Zusamtal in Dillingen getan – und das Thema vom Kopf auf die Füße gestellt.
Fangen wir mit den großen Zahlen an, weil sie so unbequem sind: Der Mensch stellt 0,01 Prozent aller Wirbeltiere – und hat 83 Prozent aller wildlebenden Säugetiere ausradiert. In Deutschland sind 41 Prozent der Säugetierarten gefährdet oder bereits weg. Iltis, Baummarder, Gamswild stehen auf der Vorwarnstufe der Roten Liste. Und angesichts dieser Bilanz reden wir von „überhöhten Wildbeständen“. Wohlgemerkt: ohne Daten. Wie immer.
Das Reh ist das häufigste Wildtier Mitteleuropas und gleichzeitig das am schlechtesten beleumundete. Dabei ist seine Geschichte bemerkenswert: Es überdauerte die Eiszeiten in südeuropäischen Rückzugsräumen und besiedelte den Kontinent neu – genetisch vielfältig, anpassungsfähig, ein Überlebenskünstler.
Doch dieses Erfolgsmodell wankt. Nicht wegen der Jagd – wegen des Klimas. Je heißer und trockener die Sommer, desto schlechter entwickeln sich die Kitze. In französischen Langzeitstudien schwanken die Kitzgewichte von Jahr zu Jahr um bis zu 30 Prozent. Und es geht um Wochen: 80 Prozent der Kitze werden in einem Fenster von drei Wochen rund um den 22. Mai gesetzt – genau dann, wenn die Natur die beste Äsung liefern soll. Doch der frühere Frühling bringt die Geißen rund zwei Wochen „außer Takt“. Den „Silberlöffel-Effekt“ nennt man das: Wer schwer geboren wird, hat eine Chance. Wer leicht bleibt, hat sie nicht. In den ersten Monaten sterben ohnehin 20 bis 80 Prozent der Kitze.
Das ist die Wahrheit über das Reh. Es ist kein Schädling, der das Land überrennt. Es ist ein Tier, dem der Klimawandel an die Substanz geht – während wir es mit Mindestabschüssen traktieren.
Kommen wir zum Lieblingswort der Forstlobby. „Verbiss“ klingt nach Schaden, nach Zerstörung, nach Schuld. Tatsächlich ist Verbiss erst einmal nur eines: die Lebensäußerung eines Tieres, das äst, weil es essen muss.
Und was sagt die Wissenschaft zum großen Sündenfall? Die Wilddichte erklärt gerade einmal ein Viertel der Unterschiede beim Anwachsen junger Bäume. Drei Viertel sind Licht, Wasser, Konkurrenz, Beschattung – alles, nur nicht das Reh. Der Forstwissenschaftler Dr. Marco Heurich vom Nationalpark Bayerischer Wald bringt es trocken auf den Punkt: man wisse effektiv nicht, was ein bestimmtes Verbissprozent für die Waldentwicklung überhaupt bedeute. Übersetzt: Man verurteilt das Reh für ein Verbrechen, dessen Tatbestand niemand definieren kann.
Dabei gibt es die andere Seite der Medaille, über die niemand spricht: den Wildnutzen. Langzeitstudien über 30 Jahre zeigen, dass die Pflanzenvielfalt dort höher ist, wo Schalenwild lebt – höher als hinter dem Zaun. Wild düngt, fördert genetische Vielfalt durch selektiven Verbiss, dämpft Mäusekalamitäten. Und 99 Prozent aller Keimlinge sterben ohnehin – an Licht-, Wasser- und Nährstoffmangel, an Pilzen und Schnecken. Nicht am Reh.
Das zentrale Steuerungsinstrument der bayerischen Jagd ist das Forstliche Verbissgutachten. Es erhebt Verbissprozente ohne Vegetationsdichten, definiert Vergleichsflächen ohne Grenzwerte und unterstellt einen Zusammenhang zwischen Wilddichte und Verbiss, statt ihn nachzuweisen. Aus wissenschaftlicher Sicht erfüllt es sein eigenes Ziel nicht. Man muss es so hart sagen, wie es ist: Millionen Euro teuer, aber wertlos. Seinen einzigen „Wert“ hat es als forstpolitisches Machtmittel.
Das Jagdrecht ist in Deutschland an Grund und Boden gebunden – und damit an eine Pflicht. Wer jagen darf, muss für den lebenden Bestand sorgen, artgerechte Bedingungen schaffen, das Tierschutzgesetz achten. Stattdessen erleben wir: Nachtjagd auf längst nachtaktiv gewordenes Wild. Schonzeitaufhebungen ohne räumliches Konzept. Mindestabschüsse ohne jeden Bezug zur lebenden Population. Grundgesetz (Art. 20a), Tierschutzgesetz, Bundesjagdgesetz – sie alle setzen Grenzen. Die nur leider kaum jemand kontrolliert.
Wer ein Tier bejagt, muss es kennen: Zahl, Struktur, Verhalten, natürliche Sterblichkeit – sie gehören erfasst, bevor ein Abschussplan entsteht, nicht danach ausgewürfelt. Lebensräume müssen gestaltet werden: Hecken, Waldränder, Ruhezonen, störungsfreie Äsung wirken oft besser als jede Abschussvorgabe. Und die Jagd muss aufhören, sich am Streckenfetisch zu berauschen – soundsoviele tote Rehe pro 100 Hektar – und endlich nach Raumnutzung, Struktur und Verhalten planen.
Das Reh verbeisst nicht aus Boshaftigkeit. Es äst, weil es leben muss. Ob daraus Schaden wird, entscheiden Lebensraum, Bewirtschaftung und die Art, wie wir jagen – nicht das Tier. Die Gesellschaft hat ein Recht auf erlebbare Wildtiere. Und die Wildtiere haben ein Recht auf Menschen, die sie kennen, statt sie zum Sündenbock zu erklären.
Mit Erich Kästner gesprochen: „Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.“ Aber ohne Wild bleiben sie es. Denn das Wild ist die Seele der Landschaft.
Den vollständigen Fachvortrag von Dr. Christine Miller mit allen Studien und Belegen finden Sie hier
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