Seit diesem Jahr darf in Bayern seit dem 15. April auf Rehböcke und einjährige Stücke gejagt werden. Nicht jeder findet das eine Bereicherung. Hier einige Gedanken zu diesem Thema von Martin Kurz, Inhaber der Jagdagentur MKHunt, Jagdbegleiter und Jagdausbilder. Er sagt über sich: „Von Kindesbeinen an verbindet mich eine tiefe Liebe zur Natur und all ihren Lebewesen.“ Und obwohl der Sohn eines Berufsjägers nie etwas anderes kannte und wollte als die Jagd, hat der frühe Jagdbeginn auf den Bock in ihm mehr als gemischte Gefühle ausgelöst, wie er in seinem Newsletter darlegt.
„Es ist der 15. April und ich bin grade mit meinen zwei Söhnen am Bärlauch sammeln. Es klingelt das Telefon, mein Jagdherr ist dran. „Servus Martin, na wie schauts aus? Kommst du morgen zur Jagd?“
Ich bin völlig erstaunt, denn ich habe es nicht mitbekommen, dass die Jagd auf Rehwild nun schon ab dem 16. April losgeht. Ich bin im ersten Moment schockiert und frage mich, was das soll?
Egal welche Meinung und Intentionen dahinterstecken, welcher Nutzen und welcher Schaden dadurch entsteht. Lassen wir mal alle Emotionen dieser Diskussion außen vor, mich stört es einfach, ich möchte es nicht machen. Meine Antwort ist ein ganz klares „Nein!“
Ich versuche nichts zu ergründen, ein für und wider abzuwägen, oder sonst irgendetwas. Für mich fühlt es sich nicht richtig an.
Am 16. April überprüfe ich unseren MK-Hunt-Instagram-Account und es überkommt mich ein ganz widerwärtiges Gefühl. Ich sehe viele Bilder von Bastböcken und die stolzen Erleger dahinter. Auch dies fühlt sich für mich nicht richtig an und ganz ehrlich, ich habe danach bis zum 1. Mai Instagram nicht mehr aufgemacht.
Jeder ist für das, was er macht, verantwortlich und jeder hat sein eigenes Gewissen. Ich möchte hier nicht verurteilen oder sonstiges, ich beschreibe lediglich meine Gefühle.
Ich setzte mich in meinen alten Ledersessel und krame aus dem Bücherregal Ortega y Gasset „Meditationen über die Jagd“ heraus.
Ich möchte meine Gefühle nutzen, um in ihnen eine Antwort zu finden, dieses kleine Büchlein, hat mir schon öfters aus dem Herzen gesprochen. Ich lese mit Genuss und schweife in eine andere jagdliche Welt. Natürlich stimme ich mit einigen Ansichten des Autors auch nicht überein, aber der Grundtenor ergreift mich jedes Mal wieder aufs Neue.
So dreht sich meine Frage um die Jagdgesetzänderung:
Mit dem neuen Bayerischen Jagdgesetz beginnt seit dem Jagdjahr 2026/27 die Jagdzeit auf Rehböcke und Schmalrehe bereits am 16. April – und nicht mehr wie traditionell am 1. Mai.
Die Änderung wurde offiziell mit veränderten Vegetations- und Klimabedingungen begründet. Frühere Austriebe, dichtere Deckung und der Wunsch nach flexiblerem Wildmanagement standen dabei im Mittelpunkt der politischen Argumentation.
Doch kaum eine Änderung der vergangenen Jahre hat unter Jägern eine so emotionale Debatte ausgelöst.
Denn die Frage lautet nicht nur: „Darf man früher jagen?“
Sondern vielmehr: „Sollte man?“
Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset schrieb einst sinngemäß: Der Mensch jagt nicht, um zu töten – sondern tötet, um gejagt zu haben.
In diesem Gedanken liegt eine tiefe Wahrheit der Waidgerechtigkeit verborgen. Für Ortega y Gasset war die Jagd niemals bloße Wildbewirtschaftung. Sie war eine Prüfung des Menschen:
Der wahre Jäger zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er alles darf, sondern dadurch, dass er freiwillig auf manches verzichtet. Gerade deshalb berührt die neue Apriljagd einen empfindlichen Nerv der Jagdkultur.
Die Befürworter der Gesetzesänderung führen mehrere sachliche Gründe an.
1. Frühere Vegetation durch Klimawandel: Durch milde Winter beginnt der Austrieb vieler Pflanzen inzwischen deutlich früher. Rehwild findet bereits Mitte April ausreichende Deckung. Die Regierung argumentiert daher, dass die traditionelle Jagdzeit nicht mehr zu den natürlichen Gegebenheiten passe.
2. Effektiveres Wildmanagement: In manchen Regionen Bayerns bestehen erhebliche Verbissprobleme. Eine frühere Jagdzeit soll helfen:
3. Mehr Flexibilität für Revierinhaber: Viele Jäger begrüßen, dass sie nun selbst entscheiden können, ob sie bereits Mitte April beginnen oder bewusst bis Mai warten möchten. Die neue Regelung zwingt niemanden zur frühen Jagd – sie erlaubt sie lediglich.
4. Günstige Sichtbedingungen: Im April ist der Wald vielerorts noch offener. Rehböcke lassen sich besser ansprechen, bevor dichter Bewuchs die Jagd erschwert.
Doch gerade traditionsbewusste Jäger äußern erhebliche Bedenken.
1. Jagd auf Bastböcke: Mitte April tragen viele Böcke noch Bast. Genau dies galt über Generationen hinweg als etwas, das ein Waidmann möglichst vermeidet. Nicht aus Sentimentalität allein, sondern weil der Bock noch „unreif“ erscheint. Für viele ältere Jäger gehört der verfegte Bock zum Start in das neue Jagdjahr. Der Anblick eines noch im Bast stehenden Stückes weckt eher den Eindruck von Wachstum als von Reife.
2. Verlust jagdlicher Kultur: Der 1. Mai war für viele mehr als ein Termin. Er war:
Mit ihm verbanden sich:
Viele befürchten, dass aus Jagd zunehmend bloß effiziente Wildbewirtschaftung wird.
3. Gefahr technokratischen Denkens: Hier trifft Ortega y Gasset besonders ins Zentrum der Debatte. Wenn Jagd nur noch nach Effizienz bewertet wird – nach Abschusszahlen, Verbissgutachten und Verwaltungslogik – geht möglicherweise etwas verloren: Die innere Haltung des Jägers. Denn Waidgerechtigkeit entsteht nicht allein aus Gesetzen, sondern aus freiwilliger Selbstbegrenzung.
4. Schwierigeres Ansprechen: Im frühen Frühjahr sind Alters- und Qualitätsmerkmale vieler Böcke noch schwerer zu erkennen. Besonders unerfahrene Jäger könnten dadurch Fehlabschüsse riskieren.
Vielleicht liegt die eigentliche Frage also gar nicht darin, ob der 16. April biologisch vertretbar ist. Sondern darin, wie der einzelne Jäger mit dieser Freiheit umgeht. Denn waidgerechtes Jagen war immer mehr als das Ausnutzen gesetzlicher Möglichkeiten. Es war eine Haltung.
Der verantwortungsvolle Jäger weiß: Nicht alles, was gesetzlich legal ist, muss deswegen auch etisch vertretbar sein. Und vielleicht liegt genau darin die zeitlose Wahrheit Ortega y Gassets: Die Würde der Jagd zeigt sich nicht in der Macht über das Wild – sondern in der Fähigkeit zur freiwilligen Grenze.
Ich persönlich bin bekennender Romantikjäger und muss kein eigenes Revier bewirtschaften. Es ist mir daher nicht gestattet, ein Urteil über etwas zu fällen, was ich nicht selbst umzusetzen habe.
Mir ist jedoch gestattet, meine Meinung darüber kundzutun, dass ich zum Appell aufrufe, Dinge kritisch zu hinterfragen. Sei es der überzogene Einsatz diverser technischer Mittel und deren Ausreizung auf ein Maximum, sowie auch die innere Einstellung dem Wilde gegenüber.
Wie steht es so schön bei Natascha Illum Berg in „Ströme aus roter Erde“? „Werde niemals hart dem Wild gegenüber!““
Die Internetseite von Martin Kurz´Jagdreiseagentur finden Sie hier
Bildquelle: Martin Kurz
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