Blogpost
Donnerstag, 16. April 2026

Scrollicon
Ein Hirsch im Bastgeweih dreht sich nach dem Betrachter um.
16. April 2026, 09:46    office@wildes-bayern.de

Rotwild – Tier des Jahres oder Spielball von Forst und Jagd?


Ein Gastbeitrag von Wildmeister Dieter Bertram

Jahrhunderte alt sind die Wechsel der Hirsche zwischen Eifel und Ardennen. Doch die Willkommenskultur hirschgerechter Jäger in großen Revieren ist dem kaufmännischen Rechnungswesen erlegen. Lebensräume wurden nach Art von Bauparzellen aufgeteilt.

Sang- und klanglos ist das Birkhuhn verschwunden und hat sich in das Hohe Venn auf der belgischen Seite zurückgezogen.

Ist nunmehr das Rotwild „im Wege“? Eine brüchige Forst- und Jagdwirtschaft greift um sich. In einer über hundertjährigen Waldgeschichte der Nordeifel von Landforstmeister Alfred Hirsekorn (*11.06.1903, †18.11.1996) ist die Forstgeschichte niedergeschrieben, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Das geflügelte Wort vom Waldsterben ist keine Neuerscheinung. Hunderttausende Hektar Forstflächen wurden im Laufe der Geschichte durch Insektenfraß, Windwurf, Trockenheit und Nässe an ungünstig gewählten Standorten vernichtet – ein Umstand, der lange als unausweichliches Schicksal hingenommen wurde.

Pachtreviere als Wirtschaftsgüter

Das Rotwildproblem begann in den achtziger Jahren zu eskalieren. Als Beispiel für Verpachtungen im gesamten Bundesgebiet kann das Eifelstädtchen Monschau dienen. Die vormals großen Reviere wurden nicht nach Wildtierlebensräumen, sondern nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten buchhalterisch aufgeteilt – mit dem Ziel höchstmöglicher Erlöse. Nicht nur die Jagdpresse, sondern auch Tageszeitungen berichteten darüber, als 1983 bei der Stadt Monschau eine regelrechte Goldgräberstimmung aufkam: Vier Kleinreviere wurden für insgesamt 150.000 Mark verpachtet.

Diese Preise kamen durch Hunderte von Angeboten zustande, da die Verpächterin hohe Rotwildbestände als Qualitätsmerkmal sowie hohe Abschusszahlen in Aussicht stellte. Das „größte“ Revier Höfen Süd (241 ha, Abschuss 15 Stück Rotwild) erzielte inklusive Wildschadenspauschale die Summe von 47.000 Mark. Das kleinste Revier Kalterherberg Venn (164 ha, Abschuss 9 Stück Rotwild) wurde für 24.000 Mark vergeben. Die Stadtväter machten dabei von dem neuen Jagdgesetz Gebrauch und verpachteten nur noch auf neun Jahre.

Menschendruck – Schadensanstieg

In den folgenden Jahren litt das Rotwild nicht nur unter dem zunehmenden Freizeitdruck Erholungssuchender, sondern auch unter intensivem Jagddruck – Tag und Nacht. In Kleinstrevieren war die Begegnung mit Jägern für das Wild nahezu unvermeidlich, es wurde unsichtbar.

Sichtbar hingegen wurden die Wildschäden im Wald. Da es noch keine Beschränkungen bei der Wildfütterung gab, konnte jeder Revierinhaber nach eigenem Ermessen – oft auch bei unzureichender Sachkenntnis – füttern oder gegenfüttern. Dies diente nicht immer der Verbesserung der Nahrungsgrundlage, sondern häufig der Erfüllung von Abschussplänen.

Es kam, wie es kommen musste: Nicht nur Fütterungsexzesse, sondern die gesamte Winterfütterung geriet in Misskredit, wurde eingeschränkt oder verboten.

Das Pendel schlägt zurück

Annähernd 50 Jahre später haben viele Waldbesitzer aus diesem Verpachtungssystem offenbar nicht gelernt und bedienen sich nun eines neuen Konzepts, um den Schadfaktor Wild auszuschalten. Am 23.11.2023 führte der Unterzeichner ein Gespräch mit dem Kreisjagdberater Karl-Heinz Kückelkorn von der Jägerschaft Aachen Stadt und Land über eine neue Jagdstrategie der Gemeinde Simmerath/Eifel:

„Unsere Reviere werden an keinen Jäger mehr langfristig vergeben, da die Pächter sich nicht ausreichend für den Wald interessieren. Die Jagdfläche der Gemeinde wird stattdessen in 15 Pirschbezirke aufgeteilt und jährlich vergeben. Zusätzlich wird ein Berufsjäger eingestellt, der die Leitung übernimmt, um die Überpopulation an Rotwild in den Griff zu bekommen. Die Gemeinden Rötgen, Nettersheim und der öffentliche Wald verfahren bereits ähnlich. Langfristige Jagdpachtverträge haben sich nicht bewährt.“

Diese Nachricht wurde an fünf jagdliche Organisationen weitergeleitet. Stellung genommen hat lediglich Dr. Christine Miller von „Wilden Bayern“.

Die neue Jagd: seelenlos und rationell

Sollte dieses Konzept der „neuen Jagd“ Schule machen, wären weder Jäger im klassischen Sinne noch Jagdzeitungen, Wildforschung oder Jagdverbände erforderlich – sondern lediglich „Abschussnehmer“ mit entsprechender Erlaubnis.

Die Inhalte der Jagd würden dann nicht mehr von einer geistigen Elite aus Forst- und Landwirtschaft getragen, sondern von einem industrialisierten Tötungshandwerk: seelenlos, rationell, hygienisch – Zahl vor Wahl, Wald vor Wild.

Trotz hochqualifizierter Forst- und Jagdwissenschaft, namhafter Wildbiologen und der seit über 60 Jahren bestehenden Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung in Nordrhein-Westfalen ist es in der Nordeifel innerhalb eines halben Jahrhunderts nicht gelungen, Wald und Wild in Einklang zu bringen. Dies berichtete auch die Kölnische Rundschau am 11.04.2026 über die Gemeinden Blankenheim, Dahlem, Hellenthal und Nettersheim.

Der Wildverbiss bleibt

Stellvertretend für eine andere Herangehensweise steht das Forstamt Bebenhausen in Baden-Württemberg. Dort sollte aufgrund untragbarer Rotwildschäden ein Totalabschuss durchgeführt werden. Der neu eingesetzte Forstdirektor verweigerte dies jedoch. In Zusammenarbeit mit der Wildbiologischen Gesellschaft München wurde ein Bejagungskonzept entwickelt, das sowohl den forstlichen Anforderungen als auch den Lebensansprüchen des Wildes gerecht wurde. Das Rotwild wurde wieder tagaktiv und für die Bevölkerung sichtbar – ein gesellschaftlicher Anspruch.

Es ist ein Armutszeugnis unserer Zeit, dass sich Vertreter von Wald und Kommunen um Drohnenpiloten und technische Lösungen als vermeintliche Heilsbringer scharen. Trotz intensiver Bejagung scheint das Wild dem menschlichen Einfluss oft überlegen zu sein. Der Wildschaden bleibt bestehen. Wie lange noch?

Im Vertrauen auf Künstliche Intelligenz wird es womöglich in einigen Jahren eine neue Versammlung ratloser Entscheidungsträger geben. Drohnen könnten dann nicht nur zur Zählung, sondern auch – nach militärischem Vorbild – zum Abschuss eingesetzt werden. Eine Bankrotterklärung.

Wild ist ein allgemeines Kulturgut

Wild ist kein Eigentum der Forstwirtschaft, sondern ein allgemeines Kulturgut. Deshalb sind nicht nur die Jägerschaft, sondern auch Gesellschaft und Tierschutz gefordert, einen verantwortungsvollen Umgang mit Wildtieren einzufordern.

Jagdethiker und Meinungsforscher stellen seit Jahren alarmierende Entwicklungen fest. So bereits Prof. Dr. Werner Beutelmeyer in einem Vortrag auf der DJV-Hauptversammlung 2012.

Geben wir den Wildtieren eine Stimme, damit unser Ehrenkodex der Waidgerechtigkeit nicht nur in Hubertusmessen seinen Platz findet.

Prof. Monika Reiterer formulierte es treffend:
„Wenn man ein Volk – auch ein Jägervolk – zerstören will, muss man ihm seine Bräuche, seine Riten, seine Kultur, auch die Jagdkultur nehmen.“

Der Beitrag ist erschienen beim Forum lebendige Jagdkultur

Bildquelle: Monika Baudrexl




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

18. April Rotwildforum in Niedersachsen ONLINE

Bayern braucht eine Jagdpräsidentin UPDATE

Linktipp: Artikel über Österreichs Jagdpolitik

UPDATE Weilheim: Schonzeit fürs Rotwild gilt wieder!

Vorfall Kanisfluh 2022: Drohnenpilot verurteilt

Reh, Rothirsch, Damwild… wer ist was?

Hessen: Vorbildliches Lebensraumkonzept für Rotwild

Jungjäger zum achtsamen Jagen bringen

Rotwild retten? – die Mehrheits-Politiker im Bundestag sagen Nein!

Vom Umgang mit Notzeit und Fütterung

Vorarlberg: Gellender Hilfeschrei aus Jagd und Waldbesitz

Jagd oder Wilderei – wo sind hier die Grenzen?

Hirsch äst am Silo – abgeknallt

24. Februar – ein Stündchen Webinar über den Hirsch

Rottach-Egern: Das Hungern nimmt kein Ende * VIDEO*

Jetzt anmelden: Tagung Jagd & Artenschutz

Offener Brief von Wildes Bayern an Miesbacher Kandidaten UPDATE

UPDATE Rottach-Egern: Jagdgenossen gehen auf die Barrikaden

Jagdskandal im Harz: Wildtiere leiden unter fragwürdigen Methoden

Petition in Sachsen: Drückjagden ab Ende Dezember einstellen!

Was uns Jagdunfälle lehren müssen

Hirsche im Kanton Aargau oder: Guter Wille zum Wildmanagement

Das unterirdische Ende der Fahnenstange – Rotwildprozess in Kärnten

UPDATE Jagdgesetz: Das Marode wird zementiert

Wildes Bayern-Vorsitzende sprach über den Schutz von Säugetieren

FILMTIPP: Berührende Gedanken zur Jagd auf Gams

Wildes Bayern setzt Maßstäbe! UPDATE

Rothirsch ist Tier des Jahres 2026

RotWildes Deutschland: Gesellschaft für Wildbiologie gegründet

Warum kein Gamsbock zwischen 4 und 12 Jahren sterben sollte






Aktuelle Informationen



21. April: ein Stündchen Schmetterlings-Webinar Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt ihre einstündigen Webinare am Abend fort und bietet am 21. April von 18 bis 19…

Mittwoch, 15. April 2026
Jetzt lesen
Ausbau an Fellhorn & Co.: Massiver Umweltprotest Morgen, Donnerstag den 16. April, befindet der Umweltausschuss des Bayerischen Landtags über die Petition "Rettet die Berge", die im vergangenen…

Mittwoch, 15. April 2026
Jetzt lesen
Trockenwiesen-Botschafter Warzenbeißer * TAGUNG Das Insekt des Jahres 2026 ist der Warzenbeißer. Sie haben ihn bestimmt schonmal gesehen: Eine kompakte, grasgrün bis bräunliche, nicht…

Mittwoch, 15. April 2026
Jetzt lesen

Mitglied werden