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Mittwoch, 11. März 2026

Scrollicon
Vor einem abendlichen Himmel sieht man die Silhouetten eines Hirsches und eines weiblichen Tieres
11. März 2026, 09:31    office@wildes-bayern.de

Hessen: Vorbildliches Lebensraumkonzept für Rotwild


Im Jahr 2023 sorgte eine Meldung für Aufsehen, laut der bei einer Befliegung im Werra-Meißner-Kreis riesige Rotwildrudel von bis zu 90 Stück entdeckt worden waren. Der Bestand in dem Gebiet sei höher als gedacht, hieß es damals. Natürlich brandete die Debatte hoch.

Tatsache ist jedoch: Die Befliegung machte vor allem deutlich, wie unterschiedlich dicht verteilt das Rotwild in seinem Lebensraum vorkam. „In Summe wurde durch die Befliegung der Frühjahrsbestand im Jahr 2023 im Rotwildgebiet Meißner-Kaufunger Wald auf 1.266 Stücke Rotwild eingeschätzt“, heißt es in einem neu erschienenen Bericht. „Die mittlere Rotwilddichte liegt bei 6,1 Tiere/100 ha Untersuchungsgebiet, allerdings mit enormen Schwankungen zwischen 1,8 bis 25,7 Tiere pro 100 Hektar.“

Die Gesamtzahl von knapp 1.300 Stück lag außerdem nicht über sondern weit unter den vorherigen Schätzungen. Diese hatten sich aus Streckenrückrechnungen ergeben und lagen bei über 1.800 Stück Rotwild. Darauf hatten bis dato die Abschusspläne basiert. Für den Rotwildring Meißner-Kaufunger Wald war diese Schräglage der Anlass, ihr Lebensraumkonzept für das Rotwild zu überarbeiten. Dieser Bericht ist im Dezember 2025 neu erschienen, und wir können ihn jedem Rotwildring nur zur Nachahmung empfehlen.

Das Konzept umfasst einen Rückblick auf die Entwicklung von Wild und Bewirtschaftung in den letzten Jahrzehnten bis hin zu den Bewirtschaftungsvorgaben, Einflussfaktoren, Strecken- und Bestandsergebnissen der jüngsten Zeit. Der Werra-Meißner-Kreis gehört gemeinsam mit seinen hessischen Nachbarkreisen zu einem der größten zusammenhängenden Vorkommensgebiete des Rotwildes in Hessen. Ein wesentlicher Teil des Kreisgebietes wird dabei durch den Rotwildring Meißner-Kaufunger Wald geprägt. Er ist eine von vier großen Hegegemeinschaften, die sich zum Forum Rotwild Werra-Fulda zusammengetan haben und für ca. 190.000 ha Rotwildgebiet und ca. 30% der hessischen Rotwildstrecke stehen.

Neben vielen Hintergrundinformationen erhebt das neue Lebensraumkonzept unter anderem auch folgende Forderungen (Auszug):

• Waldpflege: Frühe und intensive Durchforstungen, um stabile, lichte Wälder mit vielfältiger Bodenvegetation zu fördern.
• Äsungsflächen: Sturmflächen und Schadflächen für Wildäsung nutzen, dabei Weichholz wie Salweide, Aspe oder Vogelbeere fördern, um Verbiss von jungen Hauptbaumarten zu verringern. Dauerhafte Äsungsflächen (z. B. Wildwiesen, Schneisen) auf 3–5 % der Waldfläche anlegen und regelmäßig pflegen. Mastbäume wie Eiche, Buche und Hasel erhalten. Auf feuchten Standorten Prossholz (Weiden, Pappeln) zur Ablenkung des Wildes anpflanzen.
• Ruhezonen: Gesetzlich vorgesehene Wildruhezonen konsequent umsetzen
• Einbindung von Jagdgästen: Jagdgäste in Rotwildrevieren aktiv über die Empfehlung zur Bejagung des Rotwildes des Rotwildrings informieren, damit diese bei der Jagdausübung berücksichtigt wird

Natur- & Artenschutz
• Akzeptanz: Rotwild als Teil des Ökosystems & großräumig lebende Art anerkennen
• Maßnahmen: Äsungsflächen, Lockerung des Düngungsverbotes, Ruhezonen
• Synergieeffekte nutzen: Äsungsflächen, gestufte Waldränder und Kleingewässer sind zugleich wertvoller Lebensraum für Wildkatze, Fledermäuse, Waldschnepfe, Insekten und Reptilien (z. B. Kreuzotter)
• Bei Umsetzung von Maßnahmen Einverständnis der Naturschutzbehörde einholen

Kernforderung über allem:
Ein angepasstes Rotwildmanagement mit abgestimmten Lebensraum- und Jagdmaßnahmen, um sowohl stabile Wildbestände als auch gesunde Wälder, artenreiche Lebensräume und ein gutes Nebeneinander von Jagd, Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz und Erholung zu sichern.

Übergeordnete Ziele des Konzeptes
• Erhaltung und Förderung eines lebensraumangepassten Rotwildbestandes im Einklang mit ökologischen, ökonomischen und sozio-kulturellen Interessen
• Umsetzung der „Richtlinie für die Hege und Bejagung des Schalenwildes in Hessen“ (23.12.2005) durch ein Lebensraumkonzept als Grundlage für eine angepasste Rotwilddichte
• Stetige Anpassung und Fortschreibung des Konzeptes an neue ökologische und forstwirtschaftliche Gegebenheiten

Wesentliche Forderungen und Maßnahmen
• Lebensraumerhalt und -verbesserung
• Förderung einer reich strukturierten und an Weichhölzern sowie krautreichen Äsungsflächen reichen Vegetation
• Anlage und Pflege von:
o Wildwiesen und Äsungsschneisen (min. 3-5% der Waldfläche), gleichmäßig verteilt, zur Lenkung des Äsungsdrucks
o Prossholzflächen mit Weiden und Pappeln (besonders in Talauen), um Verbiss an forstlichen Hauptbaumarten zu reduzieren
• Erhaltung und Pflege von Tal- und Waldwiesen sowie Mastbäumen
• Förderung strukturreicher Waldränder und Niederwälder

Das vollständige Lebensraumkonzept für das Rotwild im Meißner-Kaufunger Wald können Sie hier herunterladen




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