Im Forstamt Lauterberg im Harz spielen sich offenbar erschreckende Szenen ab. Darüber berichtete der Harzer Kurier seit dem vergangenen November mehrfach. Trotz eisigem Winter mit hohem Schnee und Dauerfrost wurden im Januar noch Drückjagden durchgeführt – mit dramatischen Folgen für Hirsche, Rehe und Wildschweine. Interne Kritiker, die sich schon nach dem Winter 2025 zu Wort gemeldet hatten, wurden laut der Zeitung systematisch unter Druck gesetzt. Die Vorwürfe wiegen schwer und werfen grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Wild in Deutschland auf.
Der aktuelle Winter im Harz ist hart: Seit Wochen herrschen eisige Temperaturen, der Schnee liegt hoch, und die unteren 20 Zentimeter sind stark vereist. Für Wildtiere eine existenzielle Bedrohung. Sie können kaum noch an den Boden gelangen, um Nahrung aufzunehmen, und leben fast ausschließlich von ihren Energiereserven. Rothirsche und Rehe haben ihren Stoffwechsel drastisch heruntergefahren – ein überlebenswichtiger Mechanismus, der es ihnen ermöglicht, mit minimalem Energieverbrauch durch den Winter zu kommen.

Noch im Februar liegt Bad Lauterbach unter Schnee.
Ausgerechnet in dieser kritischen Phase führte das Forstamt Lauterberg Drückjagden durch. Wenn die Vorwürfe stimmen, die Mitarbeiter laut dem Medienbericht anonym erheben, dann war es eine perfide Taktik, gleich zwei Jagden hintereinander anzusetzen. Ziel dabei war es, den hohen Schnee auszunutzen und das Wild, das aus dem ersten Gebiet flüchten konnten und sich dabei völlig erschöpft hat, im zweiten Gebiet dann umso leichter erlegen zu können.
Besonders perfide ist auch, dass die Drückjagden Ende Januar stattfanden, wenn viele Wildschweinmütter gerade kleine Frischlinge zur Welt gebracht haben. Die Gefahr bei solchen Jagden ist hoch, dass Muttertiere entweder geschossen oder durch den Einsatz von Treibern und Jagdhunden aus ihrem Unterschlupf gescheucht und so von den kleinen Frischlingen getrennt werden. Die Jungtiere erfrieren dann binnen kurzem. Auch bei Hirschen und Rehen kommt es immer wieder vor, dass Muttertiere erlegt werden, während ihre Kälber zurückbleiben und einen qualvollen Hungertod sterben.
Die Kritik geht aber über die winterlichen Jagden hinaus. Ein Insider wirft Forstamtsleiter Stefan Fenner in den Zeitungsberichten eine systematische Verfolgung des Rotwildes vor. Statt das Schwarzwild zu regulieren, das in den Ortschaften massive Schäden anrichtet, würden gezielt Hirsche und Rehe geschossen. In Wieda etwa soll ein Förster einen regelrechten „Trophäenjagdwettbewerb“ mit dem Berufsjäger veranstaltet haben: Vier Hirsche allein im August, während Wildschweine bewusst verschont wurden.
Die Niedersächsischen Landesforsten weisen diese Vorwürfe zurück. Nach einer Prüfung sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass die Jagd im Forstamt Lauterberg im Einklang mit dem Jagdkonzept erfolge und der Bestand an Wild reguliert werden solle. Forstamtsleiter Fenner bezog in einem Interview mit dem Harzer Kurier Anfang Januar Stellung zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen – so jedenfalls wurde das Interview angekündigt. Tatsächlich verbreitete sich der Förster zuerst und vor allem über den Zustand des Waldes und seine waldbaulichen Ziele. Klarer hätte er kaum darstellen können, wie untergeordnet sein Interesse an einem Wohlergehen des Wildes, an Natur- und Tierschutz ist.
Doch es gibt noch eine weitere beunruhigende Dimension: Mitarbeiter, die auf die Missstände hinweisen, werden laut Harzer Kurier offenbar systematisch unter Druck gesetzt. Ein Kollege, der verdächtigt wurde, interne Informationen nach außen gegeben zu haben, befinde sich seit Monaten im Krankenstand, heißt es da – er sei Opfer eines „regelrechten Vernichtungsfeldzugs“ geworden.
Bemerkenswert: Selbst die Landesjägerschaft Niedersachsen hatte angesichts der extremen Winterbedingungen um besondere Umsicht gebeten und zu verantwortungsbewusstem Handeln aufgerufen. Mancherorts wurden von den Niedersächsischen Landesforsten Jagden abgesagt, anderswo durchgeführt – je nach lokalen Bedingungen, die die Forstamtsleiter einschätzen sollten.
Doch ausgerechnet im Forstamt Lauterberg, wo die Situation für das Wild besonders kritisch ist, liefen die Jagden weiter. Die Ergebnisse waren übrigens „recht mau“, wie laut Zeitungsbericht aus dem Forstamt verlautet: In Walkenried zwei Rehe, in Lauterberg zwei Rehe und ein Wildschwein, am Knollen vier Wildschweine. Für diesen mageren Ertrag wurde den ohnehin geschwächten Tieren massiver Stress zugemutet.
Der Fall, der sich in eine Reihe mit Vorkommnissen in Bayern, Sachsen und anderen Bundesländern einordnet, wirft grundsätzliche Fragen auf: Darf man Wildtiere im Winter, wenn sie am verwundbarsten sind, mit Drückjagden verfolgen? Ist es vertretbar, Muttertiere zu erlegen und ihre Jungen dem sicheren Tod zu überlassen – mal davon abgesehen, dass es sich dabei um eindeutige Straftaten handelt, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden können? Und wie geht man mit Mitarbeitern um, die auf solche Missstände hinweisen? Das sogenannte Hinweisgeber-Schutz-Gesetz müsste verpflichtend auch in einem staatlichen Forstbetrieb beachtet werden.
Die Antwort sollte klar sein. Staatliche Betriebe – ja sogar Forstbetriebe – müssen sich auch und besonders um die Einhaltung von Gesetzen und Regeln bemühen. Und schließlich: Wild verdient unseren Respekt – gerade in Zeiten, in denen es ohnehin ums Überleben kämpft. Die Schonzeiten für viele Wildtiere beginnen in Niedersachsen mit dem 1. Februar. Doch winterliche Drückjagden im Januar, wenn Schnee und Eis den Tieren ohnehin zusetzen, sind mit einem Grundgedanken von ethischer Jagd und mit dem gesetzlich verankerten Tierschutz kaum zu vereinbaren. Es braucht dringend ein Umdenken – im Harz wie auch anderswo. Wildtierschutz muss vor Abschusszahlen und vor den Jagdvergnügen einer ganze Berufskaste stehen. Immer. Auch Staats- und Landesforste sind kein rechtsfreier Raum!
Bildquelle: Screenshot von snowtrex.de, abgerufen 3.2.2026, Symbolbild: Gerald Friedrich/Pixabay, Screenshot Webcam Panoramic Hotel Bad Lauterbach
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