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Donnerstag, 16. Juli 2026

Scrollicon
Porträt einer Hirschkuh
16. Juli 2026, 20:31    office@wildes-bayern.de

Rotwild-Genetik-Studie: Kanibers Hütchenspieler


Vor wenigen Wochen ist sie erschienen, die bereits viel zitierte Rotwild-Genetik-Studie aus München. Prof. Andreas König von der Technischen Universität ist darin den vielen „Gerüchten“ um den genetischen Niedergang unseres heimischen Hirsches auf den Grund gegangen, vermeintlich mit wissenschaftlicher Akribie. Das Ergebnis war so, wie wir es erwartet hatten, und wie es der Auftrag- und Geldgeber wohl auch verlangte: „Dem bayerischen Rotwild geht es prächtig“, so die Pressemeldung der Forstministerin Michaela Kaniber. Aber die Fachleute, die wissen, wie man wirklich untersuchen kann, ob Bayerns Rotwildpopulationen isoliert, genetisch variabel oder ingezüchtet sind und möglicherweise Probleme haben, schüttelten fassungslos den Kopf ob der dreisten Wissenschafts-Simulation aus dem Dunstkreis Kanibers.

In sieben Schritten zur totalen Desinformation

Hier mal ein Überblick über die Schwachstellen, Tricks und Fehler der ministeriell beförderten „Forschung“:

  1. Bayern hat 10 offizielle „genehmigte“ Rotwildvorkommen und eine Reihe von kleinen Populationen, die außerhalb dieser Gebiete leben, zum Beispiel in der Kürnach. Aber nicht alle dieser Rotwildgebiete tragen jeweils eine zusammenhängende Population. Die bayerische Studie hat aus einigen Populationen gar keine Proben untersucht, zum Beispiel aus der Kürnach – hier hat die Forstliche Versuchsanstalt Baden-Württemberg bereits eindeutig die prekäre Lage der kleinen Populationen nachgewiesen. Aus Gebieten, in denen mehrere Populationen leben, die kaum miteinander in Kontakt stehen, wurde dagegen eine bunte Stichprobe genommen. So kann man tatsächliche Verinselung gezielt verschleiern.
  2. Die etwa ein Dutzend seriösen genetischen Untersuchungen zum Rotwild in Deutschland können miteinander verglichen werden, wenn die Zahl der untersuchten Proben je Population etwa in der gleichen Größenordnung liegt. Um die bayerische „Genetik“ besser ausschauen zu lassen, haben die Forst-Forscher aus Weihenstephan und der ministeriellen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft einfach ihre Stichprobenzahl pro Population mal zehn genommen. Nachdem die genetische Vielfalt in Prozentangaben (oder ähnlich abgeleiteten Werten) angegeben wird, lassen sich so die traurigen Resultate aus den isolierten Populationen ganz wunderbar maskieren.
  3. Es gibt in jeder Population Gentypen, die häufiger sind, und welche, die nur selten und bei einigen wenigen Tieren vorkommen. Genetiker sprechen allgemein von Allelen (Gentypen). Je größer die Stichprobe pro Population, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, auch mal seltene Allelvarianten zu entdecken. Die Vielfalt der entdeckten Allele, die die bayerischen Auftragsforscher so besonders stolz hervorheben sind also eine Folge der höheren Stichprobenzahlen und der damit gesteigerten Wahrscheinlichkeit, auch seltenere Allen zu erwischen.
  4. Nachdem Rothirsche, genauso wie alle Tiere, von jedem Elternteil einen Satz Erbanlagen „erben“, gibt es für jedes einzelne Merkmal jeweils ein mütterliches und ein väterliches Allel. Je unterschiedlicher Vater und Mutter sind, desto mehr Merkmale sind „mischerbig“ oder im Fachjargon: heterozygot. Diese Mischung ist eine der grundsätzlichen Überlebensgarantien für Tiere. Je enger miteinander verwandt hingegen Vater und Mutter sind, desto öfter sind auch die beiden Allele je Merkmal gleich. Der so genannte Heterozygotiegrad ist also ein wesentlicher Marker, um zu erkennen, ob sich eine Population auf dem Weg in die Inzucht und damit in die genetische Sackgasse bewegt. Und genau dieser Wert, der Heterozygotiegrad je Population, ist in Bayern genauso traurig bedenklich wie in den stark isolierten Populationen Hessens oder Nordrhein-Westfalens.
  5. Wie in Baden-Württemberg, zeigen auch die bayerischen Rotwildpopulationen – selbst in den getricksten Stichproben (siehe 1 und 2) – erschreckend hohe Inzuchtgrade. In der ministeriellen Presseerklärung findet sich natürlich kein Hinweis darauf. Aber derartige Inzuchtgrade sind nicht nur Zahlenspielereien in komplexen wissenschaftlichen Modellen. Sie sagen etwas direkt über die Gesundheit und Überlebensfähigkeit von Rotwildkälbern aus. Und sie sind ein Beleg, den man weder wegdiskutieren noch weglächeln kann, für die Verletzung der gesetzlichen Verpflichtungen. Als da wären: Gesunde Wildbestände, Erhalt der Biodiversität, Bewahren von überlebensfähigen Populationen.
  6. Die „genetische Buntheit“ des bayerischen Rotwildes wurde in den ministeriellen Lobgesängen auf die bayerische „Forschung“ besonders hervorgehoben. Genetische „Buntheit“ meint hier, dass bestimmte Allelvarianten in den einzelnen untersuchten Populationen gehäuft auftreten: Die eine Population ist grün, um es mal mit Farben auszudrücken, die andere vor allem rot, die nächste vor allem blau und so weiter. Aber die Interpretation der Ministerin ist komplett irreführend. Denn natürliche Rotwildpopulationen, die miteinander in stetem Kontakt stehen, s wie man es zum Beispiel in Nordost-Deutschland noch sieht, haben alle Farben durchmischt und nicht jede fein säuberlich sortiert in ihrem eigenen Topf. Dort gibt es in jeder Population rot, grün, blau und gelb, und nicht pro Region eine Farbe. Je stärker sortiert die Allelvarianten sind, desto weniger Kontakt herrscht zwischen den einzelnen Populationen.
  7. Wie viele Tiere es braucht, damit sich Gene und Allele in einer Population wieder durchmischen, und wie viel Austausch zwischen einzelnen Vorkommen notwendig ist, damit die nicht ins Aus driften, das können Biologen heute recht zuverlässig berechnen und schätzen. Ein Schlüssel, damit sich Populationen weiterentwickeln können, Inzucht vermindert wird und die Tiere gesund bleiben, ist eine artgerechte Sozialstruktur und Populationsaufbau. Hier spielt die Jagd eine Schlüsselrolle!
Kleine Populationen verlieren ihre Fitness

Tatsächlich zeigt selbst die bemüht Ministeriums-freundliche Studie der Forstbeamten Bayerns, dass es dem Rotwild in Bayern grundsätzlich genauso schlecht geht wie in Hessen, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen. Nur dort, wo reger Austausch mit den großen zusammenhängenden Populationen in Tschechien oder Österreich besteht, können sich die Rothirsche noch artgerecht anpassen.

Die kleinen isolierten Populationen von Spessart bis Kürnach, von den Freisinger Isarauen bis in die Hassberge, von der Oberpfalz bis zum Odenwald driften bereits genetisch vor sich hin. Für sie besteht die akute Gefahr, dass sie auch kleine Umweltveränderungen nicht mehr meistern können, da ihre Fitness immer weiter nachlässt.

Der Rothirsch ist krank – auch und vor allem in Bayern. Ob die Autoren der Forstbehörden-Studie überhaupt alle Erkenntnisse und Fakten aus ihrer eigenen Untersuchung erkannt und verstanden haben, darüber kann man spekulieren. Auf jeden Fall waren sie von Anfang an bemüht, ihre Untersuchung so aufzustellen, dass sie ihrer Ministerin das gewünschte Ergebnis apportieren und für die Pressemeldung vor die Füße legen konnten.

Fehler verschleiern heißt das Rotwild riskieren

Derartige Hütchen-Spiele dienen nur dem Zweck, der Bevölkerung die Folgen einer fehlgeleiteten und letztendlich gescheiterten Politik im Umgang mit unseren Naturschätzen zu verschleiern. Und in diesem Sinne ist die von den Autoren König, Peters, Jacobs und Brem vorgelegte Studie zum „Zustand der bayerischen Rotwildvorkommen“ nur der Beweis für den Bankrott einer fehlgeleiteten bayerischen Forstpolitik.

Liebe Bayern – lasst Euch das nicht mehr länger gefallen – im Interesse der Wahrheit, der Demokratie und des Rotwildes!

CM

Bildquelle: Monika Baudrexl




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