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Scrollicon
Blick von oben auf ein Wasserkraftwerk im Gebirge
03. Juni 2026, 09:47    office@wildes-bayern.de

Wenn der Weg das Ziel ist – was Staudämme mit Flussfischen machen


Stellen Sie sich vor, Sie wollen von München nach Nürnberg, aber auf der Autobahn stehen in regelmäßigen Abständen meterhohe Betonwände quer über alle Spuren. Genau das erleben Fische wie Döbel, Elritze und Gründling in unseren Flüssen jeden Tag – nur dass ihre Hindernisse Staudämme und Wehre heißen.

Eine neue Studie aus Frankreich zeigt jetzt, welche Dämme wirklich zum Problem werden, und wann die Natur selbst hilft.

Mehr als eine Million Hindernisse in Europas Flüssen

Die Zahlen sind ernüchternd: Allein in Europa gibt es über eine Million künstliche Hindernisse in Fließgewässern. Knapp 70 Prozent davon sind sogenannte Niedrigdämme – also Wehre und Staudämme unter zwei Metern Höhe. Klingt harmlos, ist es aber oft nicht. Für einen Döbel oder eine Elritze kann bereits ein kniehoher Betonabsatz eine unüberwindbare Barriere sein, die eine Flussfischpopulation dauerhaft in zwei voneinander getrennte Hälften teilt.

Warum ist das schlimm? Fische müssen sich fortbewegen, um Laichplätze zu finden, günstigere Lebensräume aufzusuchen oder schlicht: um zu überleben. Wenn eine Population jahrzehntelang von ihren Nachbarn abgeschnitten ist, verliert sie genetische Vielfalt – und damit ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten, Klimaveränderungen und anderen Stress-Faktoren. –

Clevere Methode: Genetik statt Kamera

Bisher war es mühsam und teuer herauszufinden, ob Fische einen bestimmten Damm passieren können oder nicht. Aufwändige Telemetrie-Studien oder Videoüberwachung liefern zwar präzise Daten, sind aber für Hunderte von Bauwerken schlicht nicht finanzierbar. Das französische Forschungsteam um Tom Jamonneau setzte deshalb auf einen cleveren Umweg: Genetik.

Die Idee ist verblüffend einfach: Wenn Fische einen Damm regelmäßig passieren, vermischen sich die Gene der Populationen oberhalb und unterhalb. Ist ein Damm hingegen eine echte Barriere, driften die Populationen genetisch auseinander – wie zwei Inseln, zwischen denen kein Austausch mehr stattfindet. Das Team entwickelte dafür den sogenannten „Findex“, einen standardisierten Wert, der angibt, wie stark eine Population durch ein Hindernis vom genetischen Austausch abgeschnitten ist.

Ein Findex-Wert nahe null bedeutet: Die Fische kommen gut an dem Damm vorbei. Werte über 80 Prozent weisen auf eine sehr starke Einschränkung des genetischen Austauschs hin. Mit dieser Methode untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 63 Niedrigdämme in 19 französischen Flüssen und sammelten dabei genetische Proben von drei weitverbreiteten Fischgattungen: dem Döbel, der Elritze und dem Gründling

Was wirklich den Unterschied macht

Die Ergebnisse liefern praktisch verwertbare Erkenntnisse für den Naturschutz:

1. Wo es sogenannte Durchgangshilfen gab – also entweder eigens gebaute Fischpässe oder auch Schleusentore, die Fische opportunistisch nutzen – war die genetische Konnektivität bei allen drei untersuchten Gattungen deutlich besser. Das war bisher nicht zweifelsfrei belegt, vor allem nicht für kleine, unscheinbare Fischarten, wie Elritze und Gründling, die im Naturschutz oft weniger Aufmerksamkeit bekommen als Lachs oder Aal.

Interessant dabei: Auch Schleusentore, die eigentlich gar nicht für Fische gebaut wurden, helfen offenbar beim Passieren von Hindernissen. Allerdings betonen die Autoren, dass noch viel Forschungsbedarf besteht, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen solche ungeplanten Durchlässe wirklich nützlich sind.

2. Die Höhe des Damms ist wichtig – aber nicht das einzige Kriterium. Erwartungsgemäß gilt: Je höher der Damm, desto schlechter ist die genetische Durchlässigkeit. Doch die Studie zeigt, dass die Höhe allein nicht alles erklärt. Entscheidend ist das Zusammenspiel mit einem weiteren Faktor

3. Hochwasser ist ein natürlicher Fischweghelfer. Das Team stellte fest, dass regelmäßige und kräftige Hochwasserereignisse die negativen Auswirkungen von Dämmen teilweise ausgleichen können. Die Logik: Bei Hochwasser steigt der Wasserstand, die Pegelunterschiede an einem Wehr verringern sich oder verschwinden kurzzeitig ganz – und die Fische nutzen genau dieses Zeitfenster zum Durchwechseln.

Beim Döbel war dieser Effekt besonders ausgeprägt: Bei Flüssen mit regelmäßigem kräftigem Hochwasser verschwand der Einfluss der Dammhöhe auf die Genetik fast vollständig. Auch bei der Elritze zeigte sich: Hohe Hochwasserhäufigkeit und -dauer können sogar sehr hohe Dämme für die kleinen Fische überwindbar machen.

4. Der Gründling bleibt ein Rätsel. Bei dieser Art hingegen erklärten weder die Dammhöhe noch die Hochwasserdynamik die gemessenen Unterschiede in der genetischen Konnektivität. Das deutet darauf hin, dass diese bodennah lebende Art über ganz andere Strategien verfügt, um Hindernisse zu überwinden – etwa indem sie raue Oberflächen und Spalten im Mauerwerk nutzt. Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

Was bedeutet das für Bayern?

Auch wenn die Studie in Frankreich durchgeführt wurde, dürften die Erkenntnisse direkt auf Bayern übertragbar sein. Unsere Flüsse – von der Isar über den Inn bis zur Altmühl – sind ebenfalls von unzähligen Wehren, Mühlstauen und Sohlschwellen durchzogen. Döbel, Elritze und Gründling sind auch hier heimische Arten.

Die Studie liefert Naturschutzbehörden und Wasserwirtschaftsämtern ein praktisches Werkzeug: Hohe Dämme ohne Fischdurchlass in Flüssen mit wenig Hochwasserdynamik sind die kritischsten Bauwerke – hier sollte Sanierung Priorität haben.  Die Erhaltung natürlicher Abflussdynamik, also das Zulassen von Hochwasserereignissen statt vollständiger Regulierung, ist nicht nur für Auen wichtig, sondern auch für die genetische Vernetzung von Fischpopulationen. Selbst einfache bauliche Maßnahmen, wie das Offenhalten von Schleusen zur Laichzeit, können messbare Verbesserungen bringen.

Beunruhigender Blick in die Zukunft

Die Autoren weisen auf einen beunruhigenden Zusammenhang hin: Der Klimawandel wird die Hochwasserdynamik in vielen Regionen verändern. In manchen Gebieten werden Hochwasserereignisse seltener und schwächer – wodurch der natürliche Ausgleichsmechanismus für Fischpopulationen wegfällt. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Wasserspeicherung, was Hochwasserspitzen weiter dämpft.

Die Botschaft ist klar: Wer Flüsse renaturieren will, darf nicht nur einzelne Bauwerke im Blick haben. Es braucht eine ganzheitliche Perspektive – auf die Hydraulik, die Ökologie und das Klima.

 

Die Originalstudie in englischer Sprache können Sie hier einsehen




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