Ein Hubschrauber landet auf dem Meereis vor Spitzbergen. Wissenschaftler nähern sich vorsichtig einem betäubten Eisbären, messen seinen Bauchumfang und schätzen sein Gewicht. Diese Szene wiederholt sich seit 1995 jeden Frühling – und liefert überraschende Erkenntnisse.
Die Eisflächen rund um die Arktis sind der Lebensraum von Eisbären, dem größten Land-Raubtier unserer Erde. So mächtig die Bären auch scheinen, ihre Welt verändert sich rasend schnell. Die Barentsee, zwischen Spitzbergen (Svalbard) und dem norwegischen Festland hat ihr Meereis schneller verloren als jede andere Region mit Eisbären. Zwischen 1979 und 2014 schmolz das Eis vier Tage früher pro Jahr – doppelt so schnell wie anderswo. Eigentlich müssten die Eisbären hier längst ausgehungert und geschwächt sein. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Norwegische Forscher untersuchten über 25 Jahre hinweg den Körperzustand von 770 erwachsenen Eisbären in der Region Svalbard. Ihr erstaunliches Ergebnis: Nach einem anfänglichen Rückgang bis zum Jahr 2000 verbesserte sich die Kondition der Tiere kontinuierlich – trotz dramatischen Eisverlusts.
Die Bären entwickelten unterschiedliche Strategien: „Lokale“ Bären bleiben ganzjährig bei Svalbard, während „pelagische“ Bären dem zurückweichenden Eis hunderte Kilometer bis nach Franz-Josef-Land folgen, das näher am Nordpol liegt. Beide Gruppen kommen erstaunlich gut zurecht.
Der Grund liegt vermutlich in neuen Nahrungsquellen: Eisbären jagen zunehmend Bartrobben im Sommer, plündern Vogelnester und erbeuten sogar Rentiere. Walross-Kadaver und die wachsende Population von Seehunden bieten zusätzliche Energiequellen. „Unsere Erkenntnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Befunde nicht von einer Population auf andere zu übertragen“, betonen die Autoren.
Während Eisbären in der Hudson Bay und der Beaufortsee, also den Polarregion nördlich von Kanada und Alaska, unter dem Eisverlust leiden und dramatisch an Gewicht verlieren, scheinen die „europäischen“ Barentsee-Bären noch Reserven zu haben.
Die Forscher warnen jedoch: „Eisbären kommen nirgendwo vor, wo es keinen Zugang zu Meereis gibt.“ Die gute Kondition könnte trügerisch sein – möglicherweise liegt die Populationsdichte noch unter der sinkenden Tragfähigkeit des Lebensraums. Alter, Jahreszeit und Region spielten ebenfalls eine Rolle. Die Natur reagiert eben nicht wie ein Uhrwerk sondern eher wie ein Geflecht aus vielen Einflüssen. Bei weiterer Erwärmung könnte durchaus ein plötzlicher Einbruch folgen. Die Autoren selbst betonen, wie vorsichtig man mit einfachen Schlussfolgerungen sein muss.
Die Studie zeigt: Klimafolgen sind komplex und regional unterschiedlich. Entwicklungen lassen sich daher nicht leicht vorhersagen und verlaufen auch nicht immer geradlinig.
CM & KI
Wer sich gerne noch ein paar Eisbären-Bilder und -Videos anschauen möchte, kann das hier bei polar bears international und seinen „Polar bear cams“ tun!
Bildquelle: Sepp Friedhuber
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