Wenn bei uns plötzlich irgendwo ein Wolf auf einer Wildkamera auftaucht, ist er meist auch schnell wieder weg. Denn die Wölfe, die wandern und dabei neue Gebiete erschließen, sind oft jung und auf der Suche. Aber was bestimmt, ob sie auf Wanderung gehen, und wo siedeln sie sich lieber an als anderswo? Das haben jetzt Forscher in Idaho, USA untersucht.
Die Abwanderung von jungen Wölfen aus ihrem Geburtsrudel, die sogenannte natale Emigration, ist weit mehr als nur ein Umzug. Es ist ein wichtiger ökologischer Prozess, der die genetische Vielfalt sichert und das Überleben der Population langfristig ermöglicht. Für den einzelnen Wolf ist es jedoch eine riskante Entscheidung: Bleibt er als „Helfer“ bei der Familie, um die Überlebenschancen seiner Verwandten zu sichern, oder riskiert er die Gefahren einer Wanderung, um ein eigenes Territorium zu gründen?
Die Wissenschaftler analysierten für ihre Studie die DNA von insgesamt 595 Wölfen, die zwischen 2017 und 2023 erlegt wurden. Da Wolfswelpen bis zum Alter von zwölf Monaten ihr Rudel fast nie verlassen, dienten die Fundorte von 371 dieser Jungtiere als biologische Marker für das jeweilige Geburtsrevier. Ein Wolf wurde erst dann als Abwanderer definiert, wenn er über ein Jahr alt war und mehr als 29,6 Kilometer entfernt von seinem Geburtsrudel angetroffen wurde.
Von den untersuchten 224 Wölfen im Alter von über einem Jahr waren 86 solche Abwanderer, während 138 in ihrem Rudel geblieben waren. Dabei zeigte sich überraschenderweise, dass Wölfe aus Gebieten mit hoher Beutedichte deutlich häufiger abwanderten. Diese Tiere befinden sich wahrscheinlich in einer besseren körperlichen Verfassung und verfügen über die nötigen Jagdfähigkeiten, um die energetischen Kosten und Risiken einer langen Reise zu überstehen.
Im Gegensatz dazu wirkte eine hohe Wolfsdichte in der Umgebung wie ein „sozialer Zaun“: Je mehr Wölfe in benachbarten Revieren lebten, desto seltener verließen Jungtiere ihre Reviere. In gesättigten Landschaften, in denen kaum freie Territorien verfügbar sind, bietet die Sicherheit des eigenen Rudels Schutz vor tödlichen Konflikten mit fremden Artgenossen.
Und noch eine Überraschung hielten die Daten bereit: Es gab keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Abwanderungswahrscheinlichkeit oder der zurückgelegten Distanz. Fähen ziehen also fast ebenso häufig vom Rudel weg wie Rüden. Abwandernde Wölfe legten im Schnitt eine Strecke von 81,8 Kilometern zurück. Einen absoluten Rekord schaffte eine Wölfin, die sich 339 Kilometer von ihrem Ursprungsrudel entfernt hatte.
Diese Erkenntnisse verändern den Blick auf das Wildtiermanagement. Da belegt wurde, dass Wölfe vor allem aus Gebieten mit hoher Beutedichte abwandern, können Wissenschaftler die Besiedlung neuer Regionen nun besser vorhersagen. Die Verfügbarkeit von Nahrung ist ein verlässlicherer Indikator für Wanderbewegungen als die Intensität der Bejagung, die laut der Studie kaum Einfluss auf die Entscheidung zur Abwanderung hatte. Auch das ist ein wichtiger Aspekt für das zukünftige Wolfsmanagement.
Die vollständige Studie in englischer Sprache können Sie hier nachlesen
Bildquelle: Istvan Karoly Böcs/Pixabay.de
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