Naturschutz an Fließgewässern folgt seit Jahrzehnten einer einfachen Annahme: Man muss einfach den Lebensraum wiederherstellen, dann kommen die Fische von selbst zurück. Uferstrukturen schaffen, Totholz einbringen, Ufer bepflanzen – und die Bestände bedrohter Prädatoren sollen den neuen Raum füllen. Eine gerade im Journal of Applied Ecology erschienene Studie zeigt jedoch, dass das nur die halbe Geschichte erzählt.
Ein Forschungsteam nutzte ein zehnjähriges natürliches Experiment am neuseeländischen Waituna Creek, um zu untersuchen, was mit dem Langflossenaal (Anguilla dieffenbachii) passiert, wenn sich nicht der Lebensraum, sondern das Nahrungsangebot verändert. Die Art gilt als IUCN-gelistet und kann über 100 Jahre alt werden.
Der Waituna Creek mündet in eine Küstenlagune, die sich periodisch zum Meer hin öffnet und wieder schließt, teils für bis zu zwei Jahre am Stück. Bei jeder Öffnung wandern junge, salz- und süßwasserliebende Fische, die Īnanga (Galaxias maculatus), aus dem Meer flussaufwärts. Für viele räuberische Arten, wie den Aal, sind sie ein hervorragendes Beuteangebot. Bleibt die Lagune geschlossen, bleibt dieser Zuzug jedoch aus. Über ein Jahrzehnt entstand so der seltene Fall eines gebietsweiten Reglers für ein Beuteangebot, der nichts mit der Habitatqualität zu tun hat.
Das Team erfasste die Biomasse der Aale, ihre Nahrungszusammensetzung und ihr individuelles Wachstum entlang dieses natürlichen Gradienten, mittels stabiler Isotope und Otolithenringen, den Jahresringen der Fische. Parallel lief in einigen Gewässerabschnitten eine Lebensraumverbesserung. So konnte die Auswirkung der Stellschrauben „Nahrungsangebot“ und „Lebensraumoptimierung“ direkt verglichen werden.
Die Habitatrestaurierung erwies sich dabei als kein Nebenschauplatz: Die Biomasse der Aale in den renaturierten Abschnitten stieg um mehr als das Dreifache an. Der Bestand litt also tatsächlich unter schlechten und zu wenigen Lebensräumen. Doch der Nahrungsnachschub aus dem Meer lieferte den deutlich stärkeren Impuls: In Jahren mit längerer Lagunenöffnung verschob sich das Nahrungsspektrum großer Aale hin zu den Īnanga. Sie wuchsen dadurch bis zu 350 Prozent schneller.
Damit produzierte der Waituna Creek pro Kilometer Fließstrecke etwa zehnmal mehr Aalbiomasse als vergleichbare, unbefischte Gewässer im neuseeländischen Conservation Estate. Und das nicht etwa, weil der Lebensraum zehnmal besser war, sondern weil das Futter da war.
Langflossenaale sind semelpar, das heißt, sie pflanzen sich am Ende ihres langen Lebens nur ein einziges Mal fort und sterben danach. Damit wird die individuelle Wachstumsrate zu einem direkten Hebel für den Erhalt der Art: Ein schneller wachsender Aal erreicht die Fortpflanzungsgröße früher und ist über einen kürzeren Zeitraum Risiken ausgesetzt. Dieselbe Logik gilt für alle rund fünfzehn rezenten Aalarten weltweit, von denen fünf bereits laut IUCN als bedroht gelten.
Dazu zählt auch der Europäische Aal (Anguilla anguilla), der durch die Donau in Bayern zieht und auch den Rhein hinauf, und dessen Bestände im gesamten Verbreitungsgebiet seit Jahrzehnten dramatisch zurückgehen. Das bayerische und deutsche Aalmanagement konzentriert sich fast ausschließlich auf zwei Hebel, die auch die Waituna-Autoren als historisch dominant benennen, nämlich bessere Durchgängigkeit an Wehren und Wasserkraftanlagen sowie geringerer Fischereidruck. Beides ist notwendig. Keines der beiden Konzepte hinterfragt jedoch, ob die Aale, die es flussaufwärts schaffen, dort auch genug zu fressen finden.
Die Waituna-Studie erinnert daran, dass Habitatstruktur und Nahrungsangebot in einem durch Entwässerung und den Verlust kleiner Wanderfische geprägten Flusssystem zwei getrennte limitierende Faktoren sind. Eines zu beheben, löst das andere nicht automatisch mit, und für eine Gattung mit nur noch wenigen tragfähigen Jahrzehnten ist diese Lücke kein Nebendetail.
UC & KI
Die original Studie in englischer Sprache können Sie hier nachlesen.
Bildquelle: Symbolfoto Congeraal von Martin Str/Pixabay.de
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