Kaum eine andere Tiergruppe ist so eng mit der Qualität unserer Gewässer verknüpft und gleichzeitig so stark bedroht wie die Muscheln. Lebensraumverlust, Verschmutzung, der Rückgang ihrer Wirtsfische und invasive Arten setzen ihnen weltweit zu (s. dazu auch unseren älteren Blog unten). Hitzesommer wie der heurige, in dem Gewässer sich massiv erwärmen oder sogar trockenfallen, dürften für massive Verluste unter den Wasserbewohnern sorgen.
Auch in der Schweiz nehmen ihre Bestände stetig ab. Jetzt gibt es aus der Abteilung Aquatische Ökologie an der Eawag eine neue Studie zur Genetik von Muscheln und wie diese helfen kann, sie besser zu schützen. Denn rein optisch ähneln sich manche Muscheln wie ein Ei dem anderen. Dabei gehören sie womöglich anderen Arten oder zumindest Populationen an, und das macht einen riesigen Unterschied.
In der Veröffentlichung zur Studie heißt es: „Die Daten verraten nicht nur, zu welcher Art ein Individuum gehört, sondern auch, wie eng verschiedene Individuen und Populationen miteinander verwandt sind. Dadurch wird sichtbar, wie stark sich Muscheln aus verschiedenen Seen oder Flüssen genetisch voneinander unterscheiden – ein Hinweis darauf, wie isoliert Populationen sind oder wie stark sie über längere Zeiträume hinweg miteinander in Kontakt standen.“ (Kleine Anmerkung am Rande: Falls Ihnen das seltsam vertraut vorkommt – ja, beim Rothirsch sieht das ganz genauso aus!)
Die neue Studie zur Genetik der Muscheln finden Sie hier
Meldung vom 7. April 2026
Ein Spaziergang am Fluss – kaum etwas ist so entspannend. Das Plätschern des Wassers, Libellen über der Oberfläche, vielleicht ein Reiher am Ufer. Was wir dabei nicht sehen: Unter der Wasseroberfläche spielt sich eine ökologische Krise ab, die kaum jemand bemerkt.
Eine aktuelle Studie unter Beteiligung bayerischer Forscher zeigt, dass Massensterben von Süßwassermuscheln in Europa dramatisch zunehmen. Die Forschenden haben europaweit über 200 Massensterben dokumentiert, Tendenz steigend, besonders seit den 2000er Jahren. Bei einem einzigen Ereignis sterben oft hunderte bis tausende Muscheln. Betroffen sind auch stark gefährdete Arten wie die Flussperlmuschel.
Doch die Tiere sind elementar wichtig. Süßwassermuscheln sind echte Ökosystem-Ingenieure. Als Filtrierer reinigen sie das Wasser, schaffen Lebensraum für andere Arten und halten Nährstoffkreisläufe in Balance. Wenn sie verschwinden, gerät das ganze System ins Wanken.
Die Hauptursachen für die Massensterben sind meist menschengemacht:
Muscheln sind besonders verwundbar, weil sie nicht einfach fliehen können, wenn sich ihre Umwelt verändert. In vielen Fällen bleibt die genaue Ursache unklar. Krankheiten und Schadstoffe sind schwer nachzuweisen, spielen aber vermutlich eine größere Rolle als bisher angenommen.
Am 3. März berichteten Experten bei einer Fachtagung für Muschelschutz in Freising-Weihenstephan über die Situation am Gewässergrund. Ihr Thema lautete: „Aquatische Invasionen und Muschelschutz: ökologische Wechselwirkungen und Managementansätze“. Zu diesen invasiven Arten zählen unter anderem verschiedene Krebse, Waschbären, Nutrias und auch invasive Muschelarten wie die Quagga-Muschel.
Invasive Arten breiten sich aufgrund unterschiedlicher Faktoren, wie dem Klimawandel oder anthropgener Landschaftsveränderungen, zunehmend aus. Sie führen in aquatischen Lebensräumen zu erheblichen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen. Diese Neuankömmlinge verändern Ökosysteme grundlegend. Sie fressen heimische Arten, konkurrieren um Nahrung und Lebensraum und verschieben ganze Nährstoffkreisläufe.
Prominente Beispiele sind die invasiven Dreikantmuschelarten Zebramuschel und Quaggamuschel. Während die Zebramuschel bereits eine Vielzahl bayerischer Gewässer bewohnt, schreitet aktuell die Ausbreitung der Quaggamuschel voran.
Die invasiven Muscheln sind dabei ein doppeltes Problem: Durch ihre enorme Filtrationsleistung verdrängen sie heimische Arten und verursachen gleichzeitig immense wirtschaftliche Schäden, wenn sie Wasserleitungen, Kraftwerke und Rohre besiedeln.
Das Management ist schwierig. Zwischen Einwanderung und sichtbarer Ausbreitung vergehen oft Jahre. Wenn die Arten bemerkt werden, ist es häufig schon zu spät. Hinzu kommt, dass sich viele Muschelarten zum Verwechseln ähnlich sehen.
Auf der Tagung wurden am Beispiel aquatischer Invasionen Probleme und Managementmaßnahmen vorgestellt und diskutiert.
Aus Forschung und Praxis ergeben sich klare Ansätze:
Das Massensterben von Süßwassermuscheln ist kein Nischenthema. Es zeigt, wie sehr unsere Gewässer unter Druck stehen. Die gute Nachricht: Die Ursachen sind beeinflussbar. Wenn wir rechtzeitig handeln, können wir ökologische Katastrophen verhindern.
Falls Sie eine verdächtige Muschelart entdecken, melden Sie den Fund gerne an aliens@tum.de. Wichtig dabei: Fundort dokumentieren, Fotos machen und wenn möglich die Schale aufbewahren.
Die original Studie zum Massensterben von Süßwassermuscheln in Europa finden Sie hier
Die bayerische Koordinationsstelle für Muschelschutz hat ein Betreuernetz amtlicher und ehrenamtlicher Muschelschützer ins Leben gerufen. Falls Sie sich daran beteiligen möchten, können Sie in Kürze bei der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege einen Lehrgang zum Muschelberater machen! Alle Informationen dazu finden Sie hier
Viele weitere Informationen finden Sie hier auf der Seite der Koordinationsstelle für Muschelschutz
Bildquelle: Kurt Bouda/Pixabay.de
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