Schon letztes Jahr haben wir darüber berichtet, dass der Klimawandel die Durchmischung der Binnengewässer und damit ihre lebenswichtige Versorgung mit Sauerstoff zum Stillstand bringt (s. unten). Jetzt haben Forscher der Universität Bayreuth genauer untersucht, welche Folgen dieser Stillstand hat.
Aus einem Datensatz über 19 Jahre von den vier fränkischen Stauseen Altmühlsee sowie den drei Brombach-Talsperren haben sie die Entwicklung von Wassertemperatur, Schichtungsdauer und Nährstoffzusammensetzung verfolgt. Die Daten zeigen eine alarmierend schnelle negative Entwicklung: Die Wassertemperatur stieg um bis zu einem Grad Celsius pro Jahrzehnt. Außerdem blieben die Kalt- und Warmwasserschichten immer länger unverändert, nämlich um bis zu achtzehn Tage pro Jahrzehnt. Die Zeit, in der das Wasser ohne Sauerstoffversorgung blieb, stieg um bis zu fünfunddreißig Tage pro Jahrzehnt.
In allen Seen sank zudem der gemessene Stickstoffgehalt, während der Phosphorgehalt anstieg. Dieses veränderte Stickstoff-Phosphor-Verhältnis erhöht das Risiko schädlicher Blaualgenblüten. Algen benötigen eigentlich beide Nährstoffe für das Wachstum, und ein sinkender Stickstoffgehalt im Wasser hindert sie. Die giftigen Blaualgen jedoch können den Stickstoff aus der Luft binden und für ihr Wachstum nutzen. Wird er im Wasser knapp, begrenzt das also nur die anderen Algen – Blaualgen haben einen Vorteil und vermehren sich stärker.
Durch erhöhte Wassertemperaturen aufgrund des Klimawandels laufen viele biologische Prozesse schneller ab. Beispielsweise wachsen Algen früher und intensiver, Mikroorganismen bauen organisches Material schneller ab und Stickstoff wird schneller umgewandelt und dadurch verbraucht. Auch die für den Sommer typische Schichtung von Seen – warmes Oberflächenwasser und kaltes Tiefenwasser – beginnt mit zunehmenden Temperaturen früher und hält länger an. Dadurch kommt es kaum zum Austausch zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser, wodurch sich Phosphor im Tiefenwasser anreichert und Sauerstoff nicht in die tieferen Wasserschichten gelangt.
Stauseen enthalten derzeit etwa zehn Prozent des globalen Süßwassers und erfüllen Funktionen von Stromerzeugung über Erholung bis zur Bereitstellung von Trinkwasser. Insbesondere für Letzteres ist eine hohe Wasserqualität besonders wichtig.
Allerdings nehmen weltweit schädliche Algenblüten in Stauseen zu, was zu einer Verschlechterung der Wasserqualität führt und durch die Algengifte, insbesondere von Blaualgen, sogar gefährlich für Menschen werden kann. Bereits bekannt ist, dass der Klimawandel die Wassertemperaturen erhöht und damit die Nährstoffdynamik in Seen und Stauseen verändert.
Bislang waren jedoch die kombinierten Langzeiteffekte veränderter Nährstoffeinträge und der Auswirkungen des Klimawandels auf die Nährstoffverarbeitung innerhalb der Seen nicht hinreichend geklärt. Erst mit Erkenntnissen wie denen aus der Bayreuther Langzeitstudie können langfristige Effekte des Klimawandels auf die Wasserqualität in Stauseen präzise benannt und angepasste Restaurierungsmaßnahmen entwickelt werden.
Die vollständige Pressemitteilung der Universität Bayreuth finden Sie hier
Die Studie in englischer Sprache können Sie hier nachlesen
Meldung vom 20. November 2025
In den Alpenregionen sind Seen wie der Gardasee, Comer See oder Lago Maggiore seit jeher dynamische Lebensräume, in denen sich Schichtung und Durchmischung der Wasserschichten als natürliche Prozesse regelmäßig abwechseln. Während der warmen Jahreszeit bildet sich typischerweise eine stabile Sprungschicht, die das wärmere Oberflächenwasser vom kälteren Tiefenwasser trennt.
Diese Schichtung wird normalerweise von Zeit zu Zeit durchbrochen, wenn im Herbst und Winter kältere Temperaturen und Wind das gesamte Wasser durchmischen und Sauerstoff in die Tiefe transportiert wird, ein essenzieller Vorgang für die Tierwelt im See.
Durch den Klimawandel hat sich dieser natürliche Kreislauf jedoch verschoben: Die Sprungschicht bleibt nun oft jahrelang unverändert stabil, die wichtige Durchmischung unterbleibt viele Jahre in Folge. Beobachtungen, wie sie am Crater Lake in den USA und in mehreren großen Alpenseen gemacht wurden, zeigen, dass sich dieses inzwischen global verbreitete Muster durch den Klimawandel drastisch verstärkt hat und zur ernsthaften Herausforderung für die Ökosysteme wird.
Was bedeutet „Mischen“ für Seen und Wildtiere?
Das Mischen von Seen ist ein natürlicher Prozess, der durch Wind, Temperaturunterschiede und saisonale Veränderungen ausgelöst wird. Im Herbst und Winter sinkt das abgekühlte Oberflächenwasser ab, wodurch Sauerstoff und Nährstoffe bis in die Tiefen des Sees transportiert werden. Dieser „Herzschlag“ ist essenziell für das Überleben vieler Organismen, besonders für Fische, die auf sauerstoffreiches Tiefenwasser angewiesen sind.
Wenn Seen nicht mehr mischen, bleibt das Tiefenwasser ohne Sauerstoff. In Italien wurden bereits Seen wie der Lago Iseo beobachtet, in denen die tiefen Schichten seit über 20 Jahren sauerstofffrei sind. In solchen Zonen sterben Fische und andere Sauerstoffverbraucher ab, nur spezialisierte Bakterien können dort überleben. Die Folge: Die Lebensräume der Fische schrumpfen dramatisch, und die gesamte Nahrungskette wird gestört.
Fische im Wandel: Stress, Krankheiten und Artensterben
Fische wie Felchen oder Seesaiblinge benötigen kalte, sauerstoffreiche Tiefen zum Laichen und Überleben. Fehlt ihnen der Sauerstoff, müssen sie in wärmere, seichtere Zonen ausweichen, dort sind sie aber anfälliger für Krankheiten und Konkurrenz. Langfristig droht der Rückgang oder gar das Verschwinden ganzer Populationen. Die Auswirkungen reichen bis zu Wasservögeln und anderen Tieren, die direkt oder indirekt von der Fischfauna abhängen.
Die Seen als Klima-Archive: Was wir von Crater Lake lernen können
Der Crater Lake in Oregon gilt als eines der besten Beispiele für die Auswirkungen des Klimawandels auf Seen. Dort werden seit 1886 regelmäßig Messungen durchgeführt, darunter die berühmte Secchi-Tiefe, die die Wasserklarheit misst. Seit 2010 zeigt sich: Die Seen werden klarer, weil weniger Algen und Organismen leben, die das Wasser trüben. Doch diese Klarheit ist trügerisch, sie ist ein Zeichen für einen gestörten Ökosystemkreislauf.
Was bedeutet das für unsere Alpenseen?
Die Alpenseen sind nicht nur Erholungsorte und Trinkwasserreservoirs, sondern auch Hotspots der Biodiversität. Die Stagnation der Seen ist ein Warnsignal: Ohne wirksamen Klimaschutz und angepasste Bewirtschaftung könnten auch unsere Seen zu biologisch verarmten Gewässern werden. Der Schutz der natürlichen Durchmischung ist daher ein zentraler Punkt im Artenschutz und im Erhalt der Ökosysteme.
EK
Einen spannenden und mit tollen Fotos illustrierten Artikel über die Seenforschung am Crater Lake in den USA von der Seite quantamagazine.org finden Sie hier
Bildquelle: Vivienne Klimke
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