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Donnerstag, 20. November 2025

Scrollicon
Ein kleiner dunkelgrüner See in den Bergen
20. November 2025, 15:59    office@wildes-bayern.de

Stumme Gewässer: Wie der Klimawandel den „Herzschlag“ der Seen stoppt


In den Alpenregionen sind Seen wie der Gardasee, Comer See oder Lago Maggiore seit jeher dynamische Lebensräume, in denen sich Schichtung und Durchmischung der Wasserschichten als natürliche Prozesse regelmäßig abwechseln. Während der warmen Jahreszeit bildet sich typischerweise eine stabile Sprungschicht, die das wärmere Oberflächenwasser vom kälteren Tiefenwasser trennt.

Diese Schichtung wird normalerweise von Zeit zu Zeit durchbrochen, wenn im Herbst und Winter kältere Temperaturen und Wind das gesamte Wasser durchmischen und Sauerstoff in die Tiefe transportiert wird, ein essenzieller Vorgang für die Tierwelt im See.

Durch den Klimawandel hat sich dieser natürliche Kreislauf jedoch verschoben: Die Sprungschicht bleibt nun oft jahrelang unverändert stabil, die wichtige Durchmischung unterbleibt viele Jahre in Folge. Beobachtungen, wie sie am Crater Lake in den USA und in mehreren großen Alpenseen gemacht wurden, zeigen, dass sich dieses inzwischen global verbreitete Muster durch den Klimawandel drastisch verstärkt hat und zur ernsthaften Herausforderung für die Ökosysteme wird.

Was bedeutet „Mischen“ für Seen und Wildtiere?

Das Mischen von Seen ist ein natürlicher Prozess, der durch Wind, Temperaturunterschiede und saisonale Veränderungen ausgelöst wird. Im Herbst und Winter sinkt das abgekühlte Oberflächenwasser ab, wodurch Sauerstoff und Nährstoffe bis in die Tiefen des Sees transportiert werden. Dieser „Herzschlag“ ist essenziell für das Überleben vieler Organismen, besonders für Fische, die auf sauerstoffreiches Tiefenwasser angewiesen sind.

Wenn Seen nicht mehr mischen, bleibt das Tiefenwasser ohne Sauerstoff. In Italien wurden bereits Seen wie der Lago Iseo beobachtet, in denen die tiefen Schichten seit über 20 Jahren sauerstofffrei sind. In solchen Zonen sterben Fische und andere Sauerstoffverbraucher ab, nur spezialisierte Bakterien können dort überleben. Die Folge: Die Lebensräume der Fische schrumpfen dramatisch, und die gesamte Nahrungskette wird gestört.

Fische im Wandel: Stress, Krankheiten und Artensterben

Fische wie Felchen oder Seesaiblinge benötigen kalte, sauerstoffreiche Tiefen zum Laichen und Überleben. Fehlt ihnen der Sauerstoff, müssen sie in wärmere, seichtere Zonen ausweichen, dort sind sie aber anfälliger für Krankheiten und Konkurrenz. Langfristig droht der Rückgang oder gar das Verschwinden ganzer Populationen. Die Auswirkungen reichen bis zu Wasservögeln und anderen Tieren, die direkt oder indirekt von der Fischfauna abhängen.

Die Seen als Klima-Archive: Was wir von Crater Lake lernen können

Der Crater Lake in Oregon gilt als eines der besten Beispiele für die Auswirkungen des Klimawandels auf Seen. Dort werden seit 1886 regelmäßig Messungen durchgeführt, darunter die berühmte Secchi-Tiefe, die die Wasserklarheit misst. Seit 2010 zeigt sich: Die Seen werden klarer, weil weniger Algen und Organismen leben, die das Wasser trüben. Doch diese Klarheit ist trügerisch, sie ist ein Zeichen für einen gestörten Ökosystemkreislauf.

Was bedeutet das für unsere Alpenseen?

Die Alpenseen sind nicht nur Erholungsorte und Trinkwasserreservoirs, sondern auch Hotspots der Biodiversität. Die Stagnation der Seen ist ein Warnsignal: Ohne wirksamen Klimaschutz und angepasste Bewirtschaftung könnten auch unsere Seen zu biologisch verarmten Gewässern werden. Der Schutz der natürlichen Durchmischung ist daher ein zentraler Punkt im Artenschutz und im Erhalt der Ökosysteme.

EK

Einen spannenden und mit tollen Fotos illustrierten Artikel über die Seenforschung am Crater Lake in den USA von der Seite quantamagazine.org finden Sie hier

Bildquelle: Vivienne Klimke




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