Blogpost
Montag, 04. August 2025

Scrollicon
Ein farbiger Vogel jagt an einem Gewässer auf Fische
04. August 2025, 11:25    office@wildes-bayern.de

Funktionieren Fischschwärme wie neuronale Netzwerke?


Größere Fischschwärme können deutlich besser zwischen realer Gefahr und Fehlalarm unterscheiden als kleinere. Das ist das erstaunliche Ergebnis einer Studie des Exzellenzclusters „Science of Intelligence“ sowie der Humboldt-Universität zu Berlin und des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei an Schwefelfischen in den heißen, schwefelhaltigen Quellen des Flusses El Azufre im mexikanischen Bundesstaat Tabasco.

Die kollektive Abwehrstrategie der Schwefelfische ist besonders interessant, weil sie unter extremen Bedingungen leben: Sauerstoffmangel, hohe Temperaturen und Raubvögel wie Eisvögel oder Kiskadees, die die Fische regelmäßig jagen. Wenn ein Raubvogel angreift, zählt für Fische jede Sekunde: abtauchen oder bleiben? Eine falsche Entscheidung kann tödlich enden.

Bei über zweihundert dokumentierten Ereignissen verglichen die Forschenden das Verhalten der Schwärme bei echten Angriffen und bei harmlosen Vogelüberflügen. Ihr Fokus lag dabei auf dem Kiskadee, einem besonders schwer zu erkennenden Räuber: Statt mit lautem Eintauchen attackiert er im Flug, wobei nur der Schnabel kurz das Wasser berührt, was optisch kaum von harmlosen Bewegungen anderer Vögel zu unterscheiden ist.

In der Entscheidungstheorie geht man oft von einem Dilemma aus: Wer schnell reagiert, macht mehr Fehler. Wer zu lange zögert, verpasst die Chance zur Flucht. Doch die Schwefelfisch-Schwärme wurden nicht nur genauer, sie wurden auch schneller. Je größer der Schwarm, desto kürzer die Zeitspanne zwischen dem ersten Abtauchen und der kollektiven Entscheidung zur weiteren Verteidigung. In den größten Schwärmen waren die Erkennungsraten fast perfekt, nahezu 100 Prozent der Kiskadee-Angriffe wurden korrekt identifiziert.

Als nächstes steht natürlich die Frage im Raum, wie das möglich ist, bzw. wie das funktioniert. Bisherige Modelle besagen: Ein Tier reagiert erst, wenn eine bestimmte Zahl an Artgenossen ebenfalls reagiert. Doch bei Schwärmen mit zehntausenden oder gar hunderttausenden Fischen ist es unwahrscheinlich, dass jedes Tier alle anderen beobachtet. Stattdessen vermuten die Forschenden einen selbstorganisierten, komplexeren Mechanismus – fast wie ein neuronales Netzwerk. Ein besseres Verständnis solcher Gruppenprozesse könnte nicht nur biologische, sondern auch künstliche Systeme inspirieren: von Robotik bis Schwarmintelligenz. Und es hilft, eine der grundlegendsten Fragen der Evolutionsbiologie zu beantworten: Warum leben Tiere überhaupt in Gruppen?

Die original Veröffentlichung der Studie findet Ihr hier

Bildquelle: Korbinian Pacher/IGB & SCIoI




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

US-Studie zur Nutztierhaltung: Keiner will das

25. April Vogelstimmenwanderung im Bayerwald

Eichhörnchen in der Stadt – besser oder schlechter dran?

Hummeln, die heimlichen Rock´n Roller

Rehkitze markieren bringt wichtige Daten UPDATE

Junge Rotmilane mögen Schlaf-WGs

Biber – die besten Helfer der Biodiversität

Katzen halfen beim Mäusemonitoring Schweiz

Katastrophe am Gewässergrund: Massensterben von Muscheln

Der stille Kollaps: Was die globale Fischkrise für Bayerns Flüsse bedeutet

Fatal attraction: Windkraftanlagen als Magnet für Fledermäuse

Vögel und Bäume machen Lärm erträglicher

Was bringt der Biber?

protectAlps: Schlechte Neuigkeiten für alpine Insekten

Ohne Wildschweine weniger Artenvielfalt UPDATE

Soziale „Revolution“ bei Pavianen in Kenia

Schmelzendes Eis: Nicht alle Eisbären leiden gleichermaßen

Gänsestudie: Fressen ist wichtiger als fürchten

Dem Bösewicht auf der Spur: Erster Waldschädling entdeckt

Diese Fische brauchen den Schutz der Bonner Konvention!

Weniger Wintervögel in den Gärten

Beringte Vögel bitte unbedingt melden!

Mit eDNA seltene Fische in der Donau aufgespürt

Kühe – so viel intelligenter als gedacht * VIDEO*

Hirsche im Kanton Aargau oder: Guter Wille zum Wildmanagement

Mehr Licht in der Nacht – weniger Vogelnachwuchs UPDATE

Wie schlau sind Wölfe wirklich? * VIDEO *

Photovoltaik – die ungenutzte Chance für die Biodiversität – UPDATE

Vogelgrippe: Das kann helfen, Ansteckung zu verhindern

UPDATE Gefährdete Gefährder – das Katzendilemma * PETITION






Aktuelle Informationen



Ein paar Gedanken zum Tag der Erde Heute, am Earth day, wollte ich mich fünf Minuten auf dem Balkon sonnen - und musste prompt miterleben, wie meine…

Mittwoch, 22. April 2026
Jetzt lesen
Morgen Online-Vortrag über Waldameisen und ihr Reich Waldameisen zählen aufgrund ihrer auffälligen Nesthügel zu den bekanntesten Insekten Mitteleuropas. Aber diese Hügel  sind weit mehr als nur Haufen…

Mittwoch, 22. April 2026
Jetzt lesen
UPDATE Rotwildforum in Niedersachsen als VIDEO Die Landesjägerschaft Niedersachsen veranstaltete am 18. April ein Wildtierforum mit einem Schwerpunkt auf den Themen Vernetzung und Genetik bei Rotwild.…

Mittwoch, 22. April 2026
Jetzt lesen

Mitglied werden