Künstliches Licht in der Nacht, wie Straßenbeleuchtung oder Reklame, ist längst auch in Bayern zu einem flächendeckenden Umweltfaktor geworden, nicht nur in Städten, sondern zunehmend auch in ländlichen Räumen, im Alpenraum, in Wäldern, Schutzgebieten und an Siedlungsrändern. Was dabei häufig unterschätzt wird: Licht in der Nacht wirkt nicht nur auf das Landschaftsbild, sondern greift tief in die Physiologie von Wildtieren ein.
Eine aktuelle experimentelle Freilandstudie an wild lebenden Kohlmeisen unter Leitung der Universität Lund in Schweden liefert hierzu wichtige neue Erkenntnisse, die auch für den Naturschutz, auch bei uns in Bayern, von hoher Relevanz sind. In der Untersuchung wurde ein Teil der Nistkästen über sieben Nächte hinweg mit schwacher LED-Beleuchtung versehen, die im Nest etwa drei Lux erzeugte, eine Lichtintensität, wie sie auch durch Streulicht in Siedlungsnähe oder an beleuchteten Infrastrukturen auftreten kann.
Die Vergleichsgruppe wuchs unter natürlichen Dunkelheitsbedingungen auf. Anschließend wurde bei den Nestlingen eine Immunreaktion ausgelöst, die eine bakterielle Infektion nachahmt, um die Leistungsfähigkeit der angeborenen Immunabwehr zu testen.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass künstliches Licht in der Nacht messbare physiologische Effekte hat. Nestlinge, die dem Licht ausgesetzt waren, wiesen im Durchschnitt rund 49 Prozent niedrigere Melatoninwerte auf als Nestlinge aus dunklen Nächten. Melatonin ist ein zentrales Hormon für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus und spielt zugleich eine wichtige Rolle für die Immunregulation.
Parallel dazu zeigte sich, dass die Immunantwort der lichtbelasteten Jungvögel verändert war: Wichtige Entzündungsmarker reagierten nach der Immunprovokation anders als bei den Nestlingen ohne Lichteinfluss. Zwar ließ sich im untersuchten Zeitraum kein eindeutiger Effekt auf das Wachstum der Nestlinge nachweisen, doch die Studie liefert erstmals einen klaren physiologischen Mechanismus, über den Lichtverschmutzung bereits in frühen Lebensphasen die Gesundheit von Wildtieren beeinflussen kann.
Für uns sind diese Erkenntnisse besonders relevant. Gerade während der Brut- und Aufzuchtzeit sind Jungtiere empfindlich gegenüber Störungen, und viele bayerische Lebensräume, vom Alpenraum über die Mittelgebirge bis zu Auen und Waldgebieten, sind inzwischen durch Lichtquellen fragmentiert. Selbst Schutzgebiete sind häufig nicht mehr wirklich dunkel.
Wenn künstliches Licht die Melatoninproduktion senkt, kann dies Tagesrhythmen stören, die Immunabwehr beeinträchtigen und langfristig die Fitness und Überlebenschancen von Wildtieren reduzieren. Die Studie macht deutlich, dass Lichtverschmutzung kein rein ästhetisches oder stadtökologisches Problem ist, sondern ein ernstzunehmender Stressfaktor mit biologischen Folgen.
Aus naturschutzfachlicher Sicht ergibt sich daraus ein klarer Handlungsbedarf auch in Bayern. Der Schutz der Nacht muss stärker in Planungs- und Genehmigungsverfahren integriert werden. Dunkelzonen und Dunkelkorridore sollten insbesondere in Schutzgebieten, Brutlebensräumen und entlang von Wanderachsen erhalten oder wiederhergestellt werden. Außenbeleuchtung sollte auf das notwendige Minimum reduziert, zeitlich begrenzt und technisch so gestaltet werden, dass Streulicht vermieden wird. Gerade in sensiblen Zeiten wie der Brut- und Aufzuchtphase braucht es besondere Zurückhaltung bei zusätzlichen Lichtquellen, etwa durch Baustellen, Veranstaltungen oder touristische Infrastruktur.
Die original Studie in englischer Sprache finden Sie hier
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Meldung vom 14. April 2025
Eine neue Studie mit Beteiligung der Vogelwarte Sempach hat verglichen, ob im Wald nistende Kohlmeisen genauso viele Jungvögel in die Welt bringen wie solche, die in der Stadt leben. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass prinzipiell mehr Junge schlüpften, wenn die Kohlmeisen während der Nacht konstant die Eier wärmten. Die Studie zeigte jedoch einen starken Unterschied zwischen Stadt und Wald: In der Stadt schlüpften deutlich weniger Junge. Der wahrscheinlichste Grund dafür war die Lichtverschmutzung. Brütende Kohlmeisen in der Stadt waren nachts umso unruhiger, je heller ihre Neststandorte erleuchtet waren, und wärmten deshalb die Eier weniger konstant.
Diese Resultate lassen aufhorchen: Selbst häufige und gut an den Menschen angepasste Vögel wie die Kohlmeise können durch nächtliches Licht gestört werden. Umso wichtiger ist es, dass wir für nachtaktive und weniger anpassungsfähige Tiere wie Eulen und Fledermäuse dunkle Orte erhalten.
Lichtverschmutzung wirkt auch auf andere Weise schädlich auf die Vogelwelt. Jetzt im Frühling kommen die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurück. Sie orientieren sich unter anderem an den Sternen und sind entsprechend auf ihrer Reise auf einen sternenklaren Nachthimmel angewiesen. Gerade in Nächten mit Nebel oder dichten Wolken kann Lichtverschmutzung ihren Orientierungssinn trüben. Der Ausdruck «Ein Unterschied wie Tag und Nacht» entspricht in unserer Zeit immer weniger der Realität. Um Lichtverschmutzung zu verringern, sollte deshalb Licht nur dort eingesetzt werden, wo es wirklich gebraucht wird.
Die Vogelwarte Sempach arbeitet mit ihrem Projekt „Zug bei Lichtverschmutzung“ an der Erforschung der Zusammenhänge. Das Projekt läuft noch bis 2026. Eine weitere Studie, die in diesem Rahmen gelaufen ist, war eine Fallstudie am so genannten Postturm in Bonn – einem nachts hell erleuchteten, 41-stöckigen Hochhaus. An diesem Beispiel konnte gut aufgezeigt werden, dass das Licht der Hauptgrund für zahlreiche Vogelschläge war. Wetter oder andere Faktoren spielten kaum eine Rolle.
Die vollständige Pressemitteilung der Vogelwarte zu den Wald- und Stadtmeisen findet Ihr hier
Eine kurze Info zur Studie am Bonner Postturm findet Ihr hier
Die Studie in englischer Sprache findet Ihr hier
Mehr Infos zum Thema Lichtverschmutzung findet Ihr hier auf unserer Themen-Seite!
Bildquelle: Ruiterlijk/Pixabay
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