Viele Jäger und Landwirte kennen die Situation nur allzu zu gut: Wiese oder Acker sind frisch eingesät, erste grüne Spitzen lassen sich blicken – und morgens stehen die Gänse darauf. Man fährt hinaus, vergrämt, vielleicht fällt auch ein Schuss. Die Vögel streichen ab. Und ein oder zwei Tage später stehen sie wieder da. Oder auf dem Nachbarfeld. Da stellt sich die Frage: Reicht der Druck nicht? Gewöhnen sich die Tiere daran? Oder folgen sie schlicht ihren eigenen Regeln?
Diesen Fragen ist ein Forscherteam um Isla L. Patterson von der Universität Exeter auf der schottischen Insel Islay nachgegangen. Sie konnten auf eine umfangreiche Datengrundlage aus den Jahren 2005 bis 2019 zurückgreifen, in denen sowohl die Verteilung der Gänse als auch Orte von Vergrämungsschüssen aufgezeichnet wurden. Daraus erarbeiteten sie die Faktoren, die im Winter bestimmen, wo die Gänse in Relation zu den angebotenen Lebensräumen und den Störungen durch Schüsse ihre Nahrung aufnahmen.
Auch wenn die Gänse wie fast alles Wild gerade Schonzeit haben, lohnt sich genau jetzt ein nüchterner Blick auf ihr Verhalten. Denn wer die kommende Saison besser einschätzen will, muss verstehen, warum Gänse bestimmte Flächen nutzen, und warum sie trotz Störungen häufig zurückkehren.
Für Gänse zählt vor allem eines: Energie. Und deshalb überwiegt die Gier nach Futter oft die Furcht. Gänse sind im Winter darauf angewiesen, große Mengen hochwertiger Nahrung aufzunehmen, um ihre Energiebilanz zu halten. Frisch eingesäte Wiesen, junges Grünland oder auch intensiv bewirtschaftete Flächen bieten genau das: leicht zugängliches, energiereiches Futter.
Die Wissenschaftler zeigten auf: Wenn eine Fläche aus Sicht der Gänse „lohnend“ ist, nehmen sie Störung in gewissem Maß in Kauf. Sie reagieren sensibel auf Schüsse, fliegen auf, sind wachsamer und unterbrechen das Fressen. Doch solange die Fläche attraktiv bleibt und erreichbar ist, kehren sie häufig zurück.
Für die Praxis bedeutet das eine wichtige Erkenntnis: Störung verändert zwar das Verhalten der Tiere, aber nicht automatisch ihre grundsätzliche Nutzung einer Fläche. Gänse lernen nur dann dauerhaft, Orte zu meiden, wenn Störung regelmäßig und eindeutig ist.
Jagd ist und bleibt deshalb ein wichtiges Instrument im Wildtiermanagement. Ihre Wirkung hängt jedoch stark davon ab, welches Ziel verfolgt wird. Ob eine Regulierung von Beständen durch Bejagung erreicht werden kann, ist nicht eindeutig nachgewiesen. Die räumliche Vergrämung, also das gezielte Fernhalten von Flächen, ist nochmal deutlich anspruchsvoller.
Entscheidend ist das Zusammenspiel in der Landschaft: Wo gibt es störungsarme Bereiche, in die sich die Tiere zurückziehen können? Wo wird gezielt Druck aufgebaut? Wie attraktiv sind die jeweiligen Flächen aus Sicht der Gänse? Ohne klare Ruhezonen verteilen sich die Vögel oft einfach neu und nutzen weiterhin landwirtschaftliche Flächen, nur an anderer Stelle. Gerade in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft profitieren viele Gänsearten von guten Nahrungsbedingungen.
Ein langfristig wirksames Management muss daher die gesamte Landschaft betrachten. Nahrungsangebot, Ruhebereiche, Jagddruck und jahreszeitliche Dynamik greifen ineinander. Einzelmaßnahmen wirken selten isoliert.
Für uns als Verein Wildes Bayern bedeutet das vor allem: Wer in der kommenden Saison wirksam handeln will, sollte das Verhalten der Tiere bereits jetzt mitdenken. Nur wenn wir ihre ökologischen Zwänge kennen, lassen sich Lösungen entwickeln, die sowohl landwirtschaftliche Interessen als auch den Schutz wildlebender Arten beinhalten.
EK
Die originale Studie in englischer Sprache finden Sie hier
Bildquelle: Markéta Klimešová auf Pixabay
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