Blogpost
Mittwoch, 06. August 2025

Scrollicon
Ein großes Wildschwein und zwei gestreifte Frischlinge
06. August 2025, 13:49    office@wildes-bayern.de

Ohne Wildschweine weniger Artenvielfalt


Zwei seltene Tagfalterarten profitieren stark von wühlenden Wildschweinen. Man könnte sogar sagen, sie sind von ihnen abhängig, denn wenn sonst niemand offene Rohbodenstellen schafft, können sich die Larven der Falter nicht entwickeln. Eine aktuelle Studie der Uni Osnabrück hat mal wieder Zusammenhänge aus der Ökologie offengelegt, die wir gerne verdrängen, weil wir zu fokussiert oder zu separiert auf Arten und ihre Bedrohungen schauen.

Die Studie hat Zusammenhänge im Nationalpark Hainich untersucht. Dort besteht ein besonders diffiziles Konstrukt, wie wir es leider an mehreren Stellen in Deutschland finden: Der Nationalpark (7600 ha)  ist zugleich auch FFH-Gebiet (ca. 15.000 ha), und damit steht hier schonmal der Prozessschutz („Natur Natur sein lassen“) dem Bewahren von Arten und Lebensräumen, wie es die FFH-Richtlinie vorschreibt, konträr entgegen.

Im Hainich gibt es zudem die absolut nicht nationalparktaugliche Vorgabe, das Schwarzwild streng zu bejagen, um Schäden auf umliegenden Äckern zu vermeiden. Hier wird rund ums Jahr und um die Uhr Dampf gemacht auf die Sauen. Doch was, wenn ausgerechnet diese Art einen wesentlichen Schutzzweck des FFH-Gebiets erfüllen hilft? Wenn ausgerechnet die Sauen den Lebensraum so gestalten, dass er für andere, bedrohte Arten absolut geeignet ist?

Die Forscher der Uni Göttingen untersuchten die Zusammenhänge zwischen den Wühlaktivitäten der Schweine im Kalkmagerrasen und den Bruten von Goldener Scheckenfalter und Ehrenpreis-Scheckenfalter. Der Goldene Scheckenfalter ist in der Roten Liste Deutschlands als stark gefährdet gelistet. Weil er zudem in Anhang II der FFH-Richtlinie aufgeführt ist, ist er streng geschützt, und es sind eigene Schutzgebiete für ihn einzurichten.

In Thüringen liefen über Jahre hinweg eigene, Hunderttausende Euro schwere Projekte „Maßnahmen zur Bestandsverbesserung des Skabiosen-Scheckenfalters in Thüringen“, und eins der Projektgebiete war der Hainich. Für den Falter wurden Landschaften gerodet, entbuscht, mit Ziegen beweidet; es wurden seine Wirtspflanzen ausgesät und mehr.

Die Wissenschaftler haben die Anzahl und Häufigkeit von Raupengespinsten der Scheckenfalter-Arten an Wildschwein-Wühlstellen und an zufällig ausgewählten Kontrollstichproben ermittelt und in Zusammenhang mit den Umweltbedingungen gebracht. Die in der Fachzeitschrift „Global Ecology and Conservation“ veröffentlichte Studie zeigt, dass beide Arten für ihre Reproduktion in den brachliegenden Magerrasen stark auf die Wühlaktivität der Wildschweine angewiesen sind.

Raupengespinste des Goldenen Scheckenfalters wurden an den Wildschwein-Wühlstellen fünfmal so häufig angetroffen wie in den angrenzenden Strukturen. Die des Ehrenpreis-Scheckenfalters wurden sogar ausschließlich an Wühlstellen gefunden. Beide Arten profitieren vom durch die Schweine aufgerissenen Boden, der Wärme absorbiert und so den Larven das optimale warme Mikroklima für ihre Entwicklung bietet. Darüber hinaus sind für die beiden spezialisierten Tagfalterarten natürlich ihre Wirtspflanzen von entscheidender Bedeutung. Sie müssen in ausreichender Zahl und Biomasse verfügbar sein – und das sind sie, wenn Schweine hier wühlen können. Denn die harten Rüssel der Sauen räumen dominante Gräser und die dichte Streuschicht entfernt werden weg. Davon profitieren zahlreiche lichtliebende Pflanzenarten und eben auch die regionalen Haupt-Wirtspflanzenarten der beiden Falterarten Tauben-Skabiose und Mittlerer Wegerich.

Wer in diesen Bereichen die Wildschweine zu eliminieren versucht, räumt also wichtige Landschaftsgestalter aus dem Weg, die kostenlos genau jene Strukturen schaffen, die wir für Artenvielfalt und -schutz brauchen. Falls Ihnen das bekannt vorkommt: Ja, genau, beim Rotwild und Auerwild im Nationalpark Schwarzwald ist es ganz genau das Gleiche.

Den Bericht über die Studie im Nationalpark Hainich könnt Ihr hier nachlesen

 




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

Photovoltaik – die ungenutzte Chance für die Biodiversität – UPDATE

Vogelgrippe: Das kann helfen, Ansteckung zu verhindern

Naturschutz? Aber doch nicht im Oberallgäu! UPDATE

Save the date: Internationale Igelkonferenz in Kopenhagen

München: Wildes Bayern stoppt Baumfällungen UPDATE

UPDATE Artenkenntnis: Naturbindung ist eine Generationenfrage

HEUTE Wildkatzen-Webinar der Wildtier Stiftung

Ausstellung in München: Invasive Arten

UPDATE 21. November – Führung „Neuperlach der Tiere“

Rapsfelder – nur in Maßen gut für die Natur

Neugierige Vögel könnten im Wandel besser bestehen

Wildtierschutz-Interview: gegen den Strich oder auf den Punkt?

No Peak Festival! Wildes Bayern verteidigt Birkhühner gegen Beats – UPDATE

Diese Woche neue Online-Igelvorträge von Ninja Winter

Studie: Laufkäfer brauchen Lebensräume

Die Halloween-Studie: Ratten fressen Fledermäuse * VIDEO

UPDATE Gartenschläfer – alarmierende Studie aus dem Schwarzwald

Das Geheimnis um den ausgestorbenen Nerz

Forscher warnen: Genetische Vielfalt nicht außer Acht lassen! UPDATE

UPDATE Rappenalptal: Natur einfach machen lassen…

Feiern wir das Wilde nur, wenn es uns vertraut erscheint?

Ein tolles Bild von Schrott-Wissenschaft

Insekten brauchen mehr und verlässliche Lebensräume

Neue Wildtier-Studie: Ungeahnte Schlüsselakteure der Artenvielfalt!

Wählen Sie mit: Deutscher Engagementpreis

Plastikmüll vom Acker wandert in Vogelnester

Jetzt Mitglied werden und kostenlos die Messe in Grünau besuchen!

Städtische Mauereidechsen sind toleranter

Neu im Shop: Vogelschutz-Folie für Ihre Fenster daheim! UPDATE

Essay: Vier Punkte für eine bessere Wolfs- und Raubtierpolitik






Aktuelle Informationen



Photovoltaik - die ungenutzte Chance für die Biodiversität - UPDATE Vor rund vier Wochen haben wir hier darüber berichtet, dass Solarparks in der öffentlichen Wahrnehmung oft als reine Technikflächen gelten:…

Freitag, 12. Dezember 2025
Jetzt lesen
Video und Podcast: Bärenforscherin im Interview UPDATE "Ich kann einen Bären nicht erziehen, auch nicht mit Gummigeschossen", erklärt die Wildbiologin Michaela Skuban im Gespräch mit dem "Almfuchs"…

Donnerstag, 11. Dezember 2025
Jetzt lesen
Buchgeschenk für Wildtierfreunde: "Wir retten Rehkitze" Vor wenigen Wochen ist der Verein "Wir retten Rehkitze" aus Neufahrn mit dem Deutschen Tierschutzpreis ausgezeichnet worden. Aus unserer Sicht…

Donnerstag, 11. Dezember 2025
Jetzt lesen

Mitglied werden