Zwei seltene Tagfalterarten profitieren stark von wühlenden Wildschweinen. Man könnte sogar sagen, sie sind von ihnen abhängig, denn wenn sonst niemand offene Rohbodenstellen schafft, können sich die Larven der Falter nicht entwickeln. Eine aktuelle Studie der Uni Osnabrück hat mal wieder Zusammenhänge aus der Ökologie offengelegt, die wir gerne verdrängen, weil wir zu fokussiert oder zu separiert auf Arten und ihre Bedrohungen schauen.
Die Studie hat Zusammenhänge im Nationalpark Hainich untersucht. Dort besteht ein besonders diffiziles Konstrukt, wie wir es leider an mehreren Stellen in Deutschland finden: Der Nationalpark (7600 ha) ist zugleich auch FFH-Gebiet (ca. 15.000 ha), und damit steht hier schonmal der Prozessschutz („Natur Natur sein lassen“) dem Bewahren von Arten und Lebensräumen, wie es die FFH-Richtlinie vorschreibt, konträr entgegen.
Im Hainich gibt es zudem die absolut nicht nationalparktaugliche Vorgabe, das Schwarzwild streng zu bejagen, um Schäden auf umliegenden Äckern zu vermeiden. Hier wird rund ums Jahr und um die Uhr Dampf gemacht auf die Sauen. Doch was, wenn ausgerechnet diese Art einen wesentlichen Schutzzweck des FFH-Gebiets erfüllen hilft? Wenn ausgerechnet die Sauen den Lebensraum so gestalten, dass er für andere, bedrohte Arten absolut geeignet ist?
Die Forscher der Uni Göttingen untersuchten die Zusammenhänge zwischen den Wühlaktivitäten der Schweine im Kalkmagerrasen und den Bruten von Goldener Scheckenfalter und Ehrenpreis-Scheckenfalter. Der Goldene Scheckenfalter ist in der Roten Liste Deutschlands als stark gefährdet gelistet. Weil er zudem in Anhang II der FFH-Richtlinie aufgeführt ist, ist er streng geschützt, und es sind eigene Schutzgebiete für ihn einzurichten.
In Thüringen liefen über Jahre hinweg eigene, Hunderttausende Euro schwere Projekte „Maßnahmen zur Bestandsverbesserung des Skabiosen-Scheckenfalters in Thüringen“, und eins der Projektgebiete war der Hainich. Für den Falter wurden Landschaften gerodet, entbuscht, mit Ziegen beweidet; es wurden seine Wirtspflanzen ausgesät und mehr.
Die Wissenschaftler haben die Anzahl und Häufigkeit von Raupengespinsten der Scheckenfalter-Arten an Wildschwein-Wühlstellen und an zufällig ausgewählten Kontrollstichproben ermittelt und in Zusammenhang mit den Umweltbedingungen gebracht. Die in der Fachzeitschrift „Global Ecology and Conservation“ veröffentlichte Studie zeigt, dass beide Arten für ihre Reproduktion in den brachliegenden Magerrasen stark auf die Wühlaktivität der Wildschweine angewiesen sind.
Raupengespinste des Goldenen Scheckenfalters wurden an den Wildschwein-Wühlstellen fünfmal so häufig angetroffen wie in den angrenzenden Strukturen. Die des Ehrenpreis-Scheckenfalters wurden sogar ausschließlich an Wühlstellen gefunden. Beide Arten profitieren vom durch die Schweine aufgerissenen Boden, der Wärme absorbiert und so den Larven das optimale warme Mikroklima für ihre Entwicklung bietet. Darüber hinaus sind für die beiden spezialisierten Tagfalterarten natürlich ihre Wirtspflanzen von entscheidender Bedeutung. Sie müssen in ausreichender Zahl und Biomasse verfügbar sein – und das sind sie, wenn Schweine hier wühlen können. Denn die harten Rüssel der Sauen räumen dominante Gräser und die dichte Streuschicht entfernt werden weg. Davon profitieren zahlreiche lichtliebende Pflanzenarten und eben auch die regionalen Haupt-Wirtspflanzenarten der beiden Falterarten Tauben-Skabiose und Mittlerer Wegerich.
Wer in diesen Bereichen die Wildschweine zu eliminieren versucht, räumt also wichtige Landschaftsgestalter aus dem Weg, die kostenlos genau jene Strukturen schaffen, die wir für Artenvielfalt und -schutz brauchen. Falls Ihnen das bekannt vorkommt: Ja, genau, beim Rotwild und Auerwild im Nationalpark Schwarzwald ist es ganz genau das Gleiche.
Den Bericht über die Studie im Nationalpark Hainich könnt Ihr hier nachlesen
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