Stellen wir uns eine Paviangruppe in der afrikanischen Savanne vor: Ranghohe Männchen verteidigen ihre Position mit Drohgebärden und gelegentlichen Prügeleien, rangniedere Tiere gehen ihnen lieber aus dem Weg. Das soziale Klima ist – vorsichtig ausgedrückt – „angespannt“, kurz: das typische Bild einer Pavianhierarchie.
Doch manchmal schreibt die Natur unerwartete Geschichten. Eine davon beschreibt eine Studie von Robert Sapolsky und Lisa Share aus dem Jahr 2004. Sie zeigt, dass selbst bei Pavianen eine Art friedliche Kultur entstehen kann.
Die Geschichte beginnt in den 1980er-Jahren in Kenia. Eine Paviangruppe, in der Studie als „Forest Troop“ bezeichnet, lebte in der Nähe einer Touristenlodge. Dort gab es eine offene Müllgrube, die bald zu einem beliebten Futterplatz wurde. Besonders einige der kräftigen, dominanten Männchen machten sich regelmäßig auf den Weg dorthin, um im Abfall nach Essbarem zu suchen.
Das Problem: In diesem Müll befand sich auch mit Tuberkulose infiziertes Fleisch. Zwischen 1983 und 1986 kam es zu einem Krankheitsausbruch, der zahlreiche Tiere tötete – darunter fast alle Männchen, die regelmäßig am Müllplatz gefressen hatten. Insgesamt starben rund 46 Prozent der erwachsenen Männchen der Gruppe.
Und hier wird es interessant: Gerade jene Tiere, die besonders aggressiv und konkurrenzstark gewesen waren, also diejenigen, die sich am Müllplatz gegen andere Paviane durchgesetzt hatten, gehörten zu den Opfern.
Zurück blieb eine Paviangruppe mit deutlich weniger erwachsenen Männchen und einem ungewöhnlich hohen Anteil an Weibchen.
Als die Forschenden Jahre später wieder intensivere Beobachtungen an dieser Gruppe durchführten, stellten sie fest, dass sich das soziale Klima drastisch verändert hatte.
Die männlichen Paviane verhielten sich deutlich weniger aggressiv als in anderen Gruppen. Ranghohe Tiere bedrängten rangniedere deutlich seltener. Stattdessen konzentrierten sich die Auseinandersetzungen eher auf Rivalen mit ähnlichem Rang, also auf echte Konkurrenzsituationen, anstatt auf das gelegentliche „Schikanieren“ der Schwächeren.
Auffällig war auch, dass die Männchen häufiger soziale Kontakte pflegten, etwa durch gegenseitige Fellpflege (Grooming), und sich öfter in der Nähe anderer Gruppenmitglieder aufhielten – besonders bei Weibchen und Jungtieren.
Kurz gesagt: Das Klima war entspannter. Es gab weniger Drohungen und mehr soziale Nähe. Weniger Stress für die Rangniederen.
Für Pavianverhältnisse beinahe eine kleine Revolution.
Diese Veränderungen waren nicht nur im Verhalten, sondern auch in der Physiologie der Tiere sichtbar.
Normalerweise haben rangniedere Pavianmännchen deutlich höhere Spiegel von Stresshormonen (Glucocorticoiden). Das liegt daran, dass sie häufiger attackiert oder verdrängt werden. Dauerstress kann langfristig zu gesundheitlichen Problemen führen – ähnlich wie beim Menschen.
In der veränderten Paviangruppe war das anders: Rangniedere Männchen zeigten keine erhöhten Stresshormonwerte mehr.
Mit anderen Worten: Die weniger aggressive soziale Umgebung wirkte sich messbar auf die Gesundheit der Tiere aus.
Auch das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis, denn sie zeigt, wie stark soziale Strukturen das Wohlbefinden beeinflussen können.
Nun könnte man vermuten, dass diese friedlichere Atmosphäre nur eine Übergangsphase war, da Tiere sterben und neue nachkommen. Bei Pavianen beispielsweise verlassen junge Männchen ihre Geburtsgruppe und schließen sich später anderen Gruppen an.
Doch genau das machte die Sache so spannend.
Als die Forschenden die Gruppe erneut untersuchten, war kein einziges Männchen mehr am Leben, das die Tuberkulose-Zeit selbst erlebt hatte. Alle männlichen Tiere waren später zugewandert. Trotzdem verhielten sie sich genauso friedlich wie ihre Vorgänger.
Das bedeutet, dass die neue soziale Atmosphäre von den Neuankömmlingen übernommen wurde. Mit anderen Worten: Sie wurde kulturell weitergegeben.
Die Forschenden untersuchten verschiedene mögliche Erklärungen.
– Werden neue Männchen von anderen aktiv „erzogen”?
– Beobachten sie das Verhalten der Gruppe und passen sich an?
– Oder ziehen besonders friedliche Männchen gezielt in diese Gruppe?
Die Daten sprechen vor allem für eine andere Möglichkeit: Die Weibchen spielen eine Schlüsselrolle.
Neu zugewanderte Männchen wurden von den Weibchen dieser Gruppe deutlich schneller freundlich aufgenommen als von den Weibchen anderer Paviangruppen – etwa durch Fellpflege oder Nähe.
Diese soziale Offenheit könnte ein „Standardklima“ schaffen, in dem aggressives Verhalten schlicht weniger notwendig oder weniger erfolgreich ist.
Oder anders gesagt: Wenn niemand ständig Streit sucht, lohnt es sich auch nicht, ständig Streit anzufangen.
Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass soziale Kultur nicht nur beim Menschen existiert. Auch Tiergesellschaften können Verhaltensnormen entwickeln, die über Generationen weitergegeben werden – selbst wenn die ursprünglichen Tiere längst verschwunden sind.
Gleichzeitig macht die Studie deutlich, wie stark soziale Strukturen das Wohlbefinden beeinflussen können. Eine weniger aggressive Umgebung führte bei den Pavianen zu messbar weniger Stress.
Vielleicht steckt darin auch eine kleine, augenzwinkernde Botschaft für uns Menschen.
Manchmal braucht es keine großen Regeln oder strengen Hierarchien, um ein funktionierendes Zusammenleben zu ermöglichen.
Manchmal reicht es, wenn genügend Menschen damit anfangen, ein bisschen netter zueinander zu sein.
Das können offenbar sogar Paviane lernen.
JW und KI
Die original Studie in englischer Sprache können Sie hier nachlesen
Bildquelle: Gil auf Pixabay
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