Als 1986 der Reaktor in Tschernobyl havarierte, richteten die Behörden eine Sperrzone von 30 Kilometern ein, um die Menschen vor der Strahlung und dem Fallout zu schützen. Dörfer wurden evakuiert – aber die Tiere blieben drin. Dadurch bietet sich der Forschung heute unter anderem die seltene Gelegenheit, zu beobachten, wie Hausrinder verwildern und ihre ursprüngliche ökologische Rolle im dortigen Gebiet „reaktivieren“. Ukrainische Wissenschaftler haben eine Herde genauer unter die Lupe genommen.
Die Geschichte dieser besonderen Herde begann durch einen Zufall im Jahr 2016, im Dorf Lubjanka. Nach dem Tod des damaligen Besitzers blieb eine kleine Gruppe von sieben Ukrainischen Schwarzbunten Milchrindern sich selbst überlassen. Ohne menschlichen Schutz, Zäune oder Fütterung begannen die Tiere ein völlig autonomes Leben in den Auen des Flusses Illja. Die Herde passte sich so erfolgreich an, dass sie bis zum Jahr 2022 auf zwanzig Tiere anwuchs.
Die Rinder bewiesen schnell, dass sie über komplexe Überlebensstrategien verfügen. Sie bildeten eine soziale Hierarchie: Die Herde wird meist von erfahrenen Kühen angeführt, während der dominante Bulle vor allem in Gefahrensituationen eine schützende Position an der Spitze oder am Rand der Gruppe einnimmt. Gegenüber Fressfeinden, wie Wölfen oder Bären, zeigen die Tiere beeindruckende Instinkte: Sobald eine Gefahr erkannt wird, bildet die gesamte Gruppe eine enge Schutzformation, in der die Kälber sicher im Zentrum stehen, während die erwachsenen Tiere die Bedrohung nach außen hin abwehren. Sie zeigen damit ein Verhalten, welches man auch bei wilden Rinderarten beobachten kann.
Das Überleben in der Wildnis erfordert eine enorme Anpassungsfähigkeit, insbesondere im harten Winter. Da Rinder den Schnee nicht wie Pferde mit den Hufen wegscharren können, stellen sie ihre Ernährung bei viel Schnee fast vollständig auf holzige Pflanzen, Zweige und Baumrinden um. Eine entscheidende Hilfe sind die Überreste der menschlichen Siedlungen: Die Tiere nutzen weiterhin die verlassenen Ställe und Scheunen als Schutz vor Wind, Kälte oder Sommerhitze.
Trotz der erfolgreichen Anpassung sank die Zahl der Tiere aufgrund der russischen Invasion bis Anfang 2025 wieder auf zwölf Individuen. Die Forscher gehen davon aus, dass dieser Rückgang primär auf kriegsbedingte Einflüsse zurückzuführen ist und nicht auf ökologische Grenzen des Lebensraums. Für den Naturschutz liefert diese „unbeabsichtigte Auswilderung“ aber wertvolle Erkenntnisse, da es zeigt, wie Hausrinder auch ohne aktives Management wieder ihre ursprüngliche Rolle im Ökosystem übernehmen können. Um das langfristige Überleben zu sichern, wird überlegt, die genetische Vielfalt durch die Einkreuzung robuster lokaler Rassen wie dem Ukrainischen Grauvieh zu stärken.
MW und KI
Die original Studie in englischer Sprache können Sie hier nachlesen
Bildquelle: Michael Reichelt/Pixabay.de (Symbolbild)
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