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Donnerstag, 23. Juli 2026

Scrollicon
Am Ufer eines Flusses weidet eine Herde junger brauner Rinder frei, im Hintergrund steht Wald
23. Juli 2026, 13:22    office@wildes-bayern.de

Wie Biber und Weidetiere unsere Natur wiederherstellen können


Manchmal liegt die Lösung für ein riesiges Problem nicht in einer neuen Technologie oder einem dicken Förderprogramm, sondern in Tierarten unserer Landschaft, auf die wir im ersten Moment gar nicht kommen. Klingt zu einfach? Keineswegs, wie ein Team um Markus Handschuh vom Nationalpark Schwarzwald jetzt in einem wissenschaftlichen Perspektivbeitrag aufgezeigt hat.

Ein Gesetz mit großen Ambitionen

Die EU hat sich vorgenommen, bis 2030 mindestens 20 Prozent ihrer Land- und Meeresflächen ökologisch wieder herzustellen. Das ist Ziel der sogenannten Wiederherstellungsverordnung (kurz WVO), eines zentralen Bausteins des European Green Deal. Anders als viele frühere Naturschutzgesetze der EU gilt sie unmittelbar in allen Mitgliedstaaten – kein Umweg über nationales Recht, kein Verwässern in endlosen Gesetzgebungsverfahren. Ein solches Einschreiten ist dringend nötig! Rund zwei Drittel der Arten und etwa drei Viertel der Lebensraumtypen in Deutschland befinden sich derzeit in einem ungünstigen Zustand. Das ist ein deutliches Alarmsignal.

Doch große Gesetze brauchen praktische Werkzeuge. Und genau hier kommen zwei alte Bekannte ins Spiel, die in der Naturschutzdebatte oft unterschätzt werden. Der Biber und die extensive Beweidung mit großen Pflanzenfressern.

Der Biber: erstaunlich wirkungsvoll

Der Biber gilt nicht ohne Grund als Ökosystemingenieur. Wo er sich niederlässt, verändert sich die Landschaft, und zwar meist aus ökologischer Sicht zum Besseren. Er staut Gewässer, schafft Mäander und Seitenarme, vernässt trockengelegte Flächen und bringt damit etwas zurück, das in unserer Kulturlandschaft chronisch fehlt: Wasser, das bleibt, statt einfach abzufließen.

Die Zahlen dazu sind beeindruckend. In Gewässern, die von Bibern beeinflusst werden, finden sich rund 300 Prozent mehr Wasserkäferarten und über 600 Prozent mehr Individuen als in unbeeinflussten Referenzgewässern. Eine Meta-Analyse über Gewässerpflanzen, Libellen, Krebse, Fische und Amphibien zeigt: Wo der Biber baut, verdoppelt sich die Artenvielfalt, und die Abundanz – also Häufigkeit der Individuen – versechsfacht sich nahezu.

Und das ist noch nicht alles: Biberteiche wirken wie natürliche Filter, binden Sedimente und Nährstoffe, puffern Hochwasserspitzen und Dürreperioden ab und tragen sogar zur Kohlenstoffspeicherung bei. In Tschechien schuf eine einzige Biberfamilie binnen kurzer Zeit ein Feuchtgebiet, dessen technische Renaturierung zuvor mit rund 1,2 Millionen Euro veranschlagt worden war. Der Biber hat den Job kostenlos und als persönliche Lebensaufgabe übernommen.

Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. Wo Biber zum Beispiel auf bedrohte Arten wie die Bachmuschel treffen, kann es zu Konflikten kommen, die ein durchdachtes Management erfordern.

Wenn Kühe und Pferde Landschaft gestalten

Während der Biber sich um Wasserlebensräume kümmert, übernehmen große Pflanzenfresser die Arbeit an Land. Robuste Rinderrassen, Wasserbüffel, Pferde, Wisente, sie alle prägen durch Fressen, Tritt, Wälzen und Dung die Vegetation und schaffen genau jene strukturreichen, mosaikartigen Lebensräume, die unsere überdüngte, übermähte Agrarlandschaft so dringend braucht. Im Vergleich zur klassischen Mahd entsteht durch Beweidung etwas, das der Mensch mit dem Mähbalken nie schaffen kann: stabile, kleinräumige Vielfalt. Offene Bodenstellen für Insekten, Blütenreichtum für Bestäuber, lichte Übergänge zwischen Wald und Offenland für scheue Vogelarten. Auch hier sprechen die Studien eine klare Sprache: Extensive Beweidung fördert nachweislich Insekten, Vögel und seltene Pflanzenarten, und sie tut das nachhaltiger als technische Pflegeeingriffe.

Ein schönes Beispiel liefert das Naturschutzgebiet Geifitze (der Name kommt von Kiebitz!) im Zollernalbkreis: Dort hat jahrzehntelange Biberaktivität ein artenreiches Kalkflachmoor entstehen lassen, während die angrenzenden, weiterhin gemähten Flächen im Vergleich strukturarm und unauffälliger wirken. Mit einer extensiven Beweidung durch Rinder oder Wasserbüffel ließe sich dieses Potenzial noch nutzen.

Warum diese Kombination so besonders ist

Was diese beiden Maßnahmen so attraktiv macht, ist nicht nur ihre ökologische Wirkung, sondern auch ihre Effizienz. Beide sind vergleichsweise günstig, beide wirken flächendeckend, und beide erledigen nach der Einrichtung viel von der Pflegearbeit gleich mit. Anders gesagt: Man muss nicht jedes Jahr von Neuem Geld und Maschinen in die Landschaft schicken.

Eine Analyse für Baden-Württemberg macht das greifbar. Von 63 Arten und Lebensraumtypen, die im ersten nationalen Wiederherstellungsplan als besonders dringlich gelten, profitieren 59 von mindestens einer der beiden Maßnahmen, 41 vom Biberschutz, 57 von extensiver Beweidung, und 39 sogar von beidem zusammen. Das sind keine Nischenlösungen, das ist beinahe die ganze Bandbreite der bedrohten Natur im Land. Und es gibt noch einen Bonus, den man leicht übersieht: Beide Maßnahmen schaffen auch für uns Menschen etwas. Naturnahe Weidelandschaften und Biberreviere sind schön, sie laden zum Spazierengehen ein, sie tun nachweislich der mentalen Gesundheit gut.

Ein Perspektivwechsel, der sich lohnt

Die Wiederherstellungsverordnung verlangt schnelle, kostengünstige und flächenwirksame Lösungen. Wir müssen sie nicht alle neu erfinden. Manchmal reicht es vielleicht schon, dem Biber seinen Lebensraum zu lassen und Rinder oder Pferde wieder ganzjährig auf die Flächen zu bringen, die sie früher selbstverständlich geprägt haben.

Natürlich ersetzt das kein durchdachtes Management, keine rechtlichen Rahmenbedingungen und keine Auseinandersetzung mit Zielkonflikten zwischen Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Naturschutz. Aber als Werkzeugkasten für die kommenden Jahre sind Biberschutz und extensive Beweidung zwei der unterschätztesten Verbündeten, die wir haben.

EK und KI

Den vollständigen wissenschaftlichen Beitrag können Sie sich hier downloaden

Einen weiteren spannenden Artikel der „Riffreporter“ zum Wirken des Bibers als Landschaftsgestalter finden Sie hier

Bildquelle: Arthur Pawlak/Pixabay.de




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