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Mittwoch, 01. April 2026

Scrollicon
Ein kleiner Fisch mit langer, flacher Nase liegt auf einer Handfläche
01. April 2026, 09:02    office@wildes-bayern.de

Der stille Kollaps: Was die globale Fischkrise für Bayerns Flüsse bedeutet


Wenn wir an Tierwanderungen denken, stellen wir uns meist Gnus vor, die über die Serengeti donnern, oder Vogelschwärme aus Störchen oder Schwalben, die Kontinente überqueren; selbst an die Wanderungen von Walen in den Ozeanen mögen wir denken. Eher vergessene Wanderrouten liegen jedoch in den Flüssen unserer Erde. Unter der Wasseroberfläche der weltweiten Flüsse spielt sich ein stiller, verzweifelter Kampf ab.

Weltweiter Rückgang großer Wasserwanderer

Ein kürzlich veröffentlichter, von den UN unterstützter Bericht, das „Global Assessment of Migratory Freshwater Fishes“ (Globale Bestandsaufnahme wandernder Süßwasserfische), enthüllt, dass unsere Unterwasserwanderer vor einem katastrophalen weltweiten Rückgang stehen. Dies lässt sich in den meisten großen Wasserwegen vom Amazonas bis zur Donau beobachten. Es ist eine bislang unerkannte Krise, die dringend unsere Aufmerksamkeit erfordert.

Süßwasserfische gehören zu den am stärksten bedrohten Wirbeltieren des Planeten. Obwohl sie etwa die Hälfte der gesamten Fischvielfalt ausmachen, verschwinden sie in einem erschreckenden Tempo.

Den Giganten der Flüsse ist es besonders schlecht ergangen, ihre weltweiten Populationen sind seit 1970 zusammengebrochen. Im Jahr 2022 wurde der Schwertstör offiziell für ausgestorben erklärt und ist damit der erste Fisch, der unter dem Schutz des internationalen Übereinkommens zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten (CMS) stand und für immer verloren ging.

Wie wir Menschen das Aussterben fördern

Der Bericht nennt nicht nur einen, sondern viele Gründe, warum dies durch menschliche Aktivitäten geschieht:

  • Staudämme und Fragmentierung: Millionen von Barrieren blockieren den Fischen den Weg zu ihren Laich- oder Aufwuchsgebieten.
  • Lebensraumzerstörung: Begradigungen, Sand- und Kiesabbau sowie Verschmutzung zerstören die Umgebungen, auf die diese Fische angewiesen sind.
  • Überfischung: Viele Arten werden auf ihren grenzüberschreitenden Wanderungen stark befischt.
  • Die Klimakrise: Veränderte Wassertemperaturen und sich verschiebende Hochwassermuster bringen den Rhythmus der Wanderungen durcheinander.

Eine der größten Herausforderungen bei der Rettung dieser Arten ist, dass Flüsse keine nationalen Grenzen kennen. Zum Beispiel vollbringt der Dorado-Wels aus dem Amazonasgebiet eine gewaltige Wanderung von über 11.000 Kilometern von den Anden bis zum Atlantik. Wenn ein Land den Fisch schützt, aber das Nachbarland einen Staudamm baut, leidet die gesamte Population.

Sofortiges Handeln an der Donau nötig

Wir müssen jedoch nicht bis zum Amazonas schauen, um zu sehen, wie sich diese Krise entfaltet. Sie findet auch direkt hier in den Flüssen Bayerns statt.

Der UN-Bericht hebt speziell das Einzugsgebiet der Donau als eine globale Prioritätsregion hervor, in der sofortiges kooperatives Handeln erforderlich ist. Jahrhundertelang wimmelte es in unseren bayerischen Flüssen – Donau, Isar, Inn und Lech – von wandernden Arten, die sich frei zwischen Hauptflüssen, Laichplätzen in den Nebenflüssen und Flussauen bewegten. Heute haben historische Begradigungen, Tausende von Wehren, Wasserkraftwerke und veränderte Sedimentflüsse diese gemeinsamen Gewässer stark zerschnitten.

Die UN-Bewertung hebt mehrere ikonische heimische Arten hervor, die in großer Gefahr schweben:

  • Der Huchen oder Donaulachs: Einst eine der bekanntesten Arten der bayerischen Flüsse, wird der Huchen heute offiziell als „stark gefährdet“ eingestuft. Diese riesigen Fische benötigen frei fließende Gewässer, um zwischen ihren Nahrungsgründen und den kiesigen Laichplätzen zu wandern, und sie reagieren äußerst empfindlich auf Barrieren und den Verlust des natürlichen Sedimentflusses.
  • Die Nase: Historisch gesehen einer der häufigsten Fische in Bayern und Österreich, wird die Nase nun als „gefährdet“ geführt. Sie unternimmt saisonale Wanderungen zu kiesigen Stromschnellen, um zu laichen, aber Wehre und Flussbegradigungen haben ihre Wege blockiert und ihre Brutgebiete zerstört.
  • Der Europäische Aal: Dieser als „Vom Aussterben bedroht“ eingestufte Fisch durchquert den Ozean, um in der Sargassosee zu laichen. In ganz Europa ist die Menge der jungen „Glasaale“, die in den bayerischen Flusssystemen ankommen, auf einen Bruchteil des historischen Niveaus gesunken – hauptsächlich wegen tödlicher Wasserkraftturbinen, Lebensraumverlust und Barrieren.
  • Störe: Prähistorische Giganten wie der Europäische Hausen (Beluga-Stör) wanderten einst die Donau hinauf, aber Staudämme wie das Eiserne Tor haben ihre Wanderungen abgeschnitten, was zu einem Zusammenbruch des Nachwuchses und dem Status „Vom Aussterben bedroht“ geführt hat.
Diese Maßnahmen können helfen

Der UN-Bericht skizziert einen klaren Weg in die Zukunft für Systeme wie die Donau und betont, dass die Erholung von der Wiederherstellung der Durchgängigkeit abhängt. Um Arten wie dem Huchen und der Nase hier in Bayern eine Chance auf Erholung zu geben, muss der Fokus auf drei Hauptpfeilern liegen:

  • Wiederherstellung der Flussdurchgängigkeit: Wir müssen dem Rückbau veralteter Barrieren Priorität einräumen und bestehende Staudämme mit hocheffektiven Fischtreppen nachrüsten, die auch für große Wanderfische tatsächlich funktionieren.
  • Wiederherstellung der Flussbetten: Wir müssen die natürliche Sedimentdurchgängigkeit wiederherstellen, damit die Fische den sauberen Kies finden, den sie zur Eiablage benötigen.
  • Schutz der Flussauen: Wir müssen Flüsse wieder an ihre Auen anbinden und die ökologischen Abflüsse koordinieren, da diese Gebiete als lebenswichtige Kinderstuben für Jungfische dienen.

Die Wanderungen unserer Süßwasserfische haben Millionen von Jahren überdauert. Dieser globale Bericht ist eine eindringliche Erinnerung daran, dass die Gesundheit der weltweiten Flüsse, und auch unserer bayerischen Gewässer, davon abhängt, dass wir diesen unglaublichen Arten den Raum und die Freiheit geben, die sie zum Gedeihen brauchen.

UC und KI

Die original Studie finden Sie hier

Einen Bericht aus dem englischen Guardian zu diesem Thema finden Sie hier




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