Diese Wissenschaftsmeldung aus den USA kommt für uns in Bayern punktgenau, denn gerade hat es in der Rhön ein Treffen zwischen Jagd und Grundbesitz gegeben, um mögliche Wanderungen der dort in zwei Rotwildgebieten isolierten Hirsche auszuhandeln. Was dabei herauskam, findet Ihr in Kürze in einem anderen Blog, hier aber erstmal das Ergebnis aus den USA. Es ist für Jäger vielleicht nichts ganz neues, aber es untermauert die wichtige Rolle der Muttertier-Kalb-Beziehung und vor allem der alten tradierten Wanderwege.
Jeden Frühling brechen Tausende Maultierhirsche im Westen der USA zu einer beeindruckenden Reise auf: Sie wandern bis zu 240 Kilometer zwischen Winter- und Sommerrevieren, quer durch Wildnis, Berge, Zäune und menschliche Siedlungen. Diese Wanderungen sind überlebenswichtig, denn sie ermöglichen den Tieren, immer dort zu sein, wo frisches Grün wächst und die Nahrung am besten ist.
Doch wie wissen die Hirsche eigentlich, wann und wohin sie gehen sollen? Eine neue Studie aus den USA hat herausgefunden: Die Migrationsrouten sind nicht angeboren, sondern werden gelernt. Und zwar vor allem von der Mutter! Maultierhirsche übertragen das Wissen um den besten Zeitpunkt und die besten Wege auf ihre Jungen, eine Form des „kulturellen Gedächtnisses“, die über Generationen weitergegeben wird.
Forscher*innen haben über zehn Jahre 72 Hirschkühe mit GPS-Halsbändern begleitet und ihre Wanderwege genau verfolgt. Das überraschende Ergebnis: Die Route aus dem Vorjahr war für ein Tier viel aussagekräftiger als Umweltfaktoren, wie Schneehöhe, Vegetation oder das Terrain. Anders gesagt: Die Tiere verlassen sich beim Wandern fast komplett auf das, was sie früher von ihren Müttern gelernt haben.
Obwohl manche Tiere schon 70 Tage vor Frühlingsbeginn aufbrechen und andere sich bis zu 52 Tage vorher Zeit lassen, kommen fast alle innerhalb weniger Tage im Sommerrevier an. Frühstarter wandern gemütlicher und machen öfter Pause, Nachzügler sind schneller unterwegs. Diese Flexibilität im Wanderverhalten zeigt: Maultierhirsche nutzen eine „mentale Landkarte“, die ihre Mutter ihnen während des ersten Lebensjahrs zeigt.
Was bedeutet das für den Schutz der Tiere? Die Studie zeigt deutlich: Geht eine Herde verloren, verschwindet auch das Wissen um die Wanderroute. Andere Tierarten brauchen Jahrzehnte, um solche Wandertraditionen wieder zu lernen, sofern die Bedingungen stimmen. Naturschutz ist deshalb mehr als der Erhalt von Lebensräumen, es geht auch darum, das Wissen der Tiere, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, zu bewahren.
Ein Wanderkorridor hilft nur dann, wenn die Hirsche wissen, wie sie ihn nutzen können. Deshalb sollte beim Schutz der Tiere darauf geachtet werden, erfahrene Hirschkühe möglichst zu erhalten.
Die Ergebnisse sind ein klares Signal für alle, die sich für Naturschutz einsetzen: Wir müssen nicht nur Flächen bewahren, sondern auch das Wissen und die Traditionen der Tiere schützen. Denn Wanderkultur ist ein kostbarer Schatz, der Generationen braucht, um sich zu formen, aber in wenigen Jahren verschwinden kann. Wer sich für den Schutz der Maultierhirsche und anderer wandernder Wildtiere einsetzt, schützt damit also auch ihr kulturelles Erbe. Das macht Naturschutz umso wertvoller!
Maultierhirsche (Odocoileus hemionus) sind enge Verwandte des Weißwedelhirsches. Sie leben überwiegend im Westen der USA und sind vor allem daran gut zu erkennen, dass ihre Ohren so auffällig groß wirken wie bei Maultieren im Vergleich zu Pferden…
EK
Eine deutsche Übersetzung der original Zusammenfassung der Studie findet Ihr hier
Ein wunderbares kurzes Erklärvideo zum Thema findet Ihr hier in englischer Sprache
Hier findet Ihr auch einen Beitrag über das Thema in der englischsprachigen Online-Veröffentlichung „Conservation Frontlines“
Bildquelle: patteybleecker/Pixabay
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