Blogpost
Dienstag, 01. September 2026

Scrollicon
Adler im Flug vor einer Berglandschaft
01. September 2026, 09:27    office@wildes-bayern.de

Junge Steinadler verraten Wichtiges über Nesthocker


Der Steinadler ist im Aufwind, die Art besetzt in den Alpen gerade so ziemlich alle verfügbaren Reviere. Wann und wie fällt ein Jungadler unter solchen Bedingungen die Entscheidung, den elterlichen Horst zu verlassen und sein Lebensglück auf eigene Faust zu suchen? Dieser Frage ist ein internationales Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, der Universität Konstanz, der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (Schweiz), der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien (Österreich) und des Centro Italiano Studi Ornitologici (Italien) nachgegangen.

Junge Steinadler in den Alpen lernen in den ersten Monaten ihres Lebens, wie man zwischen den Bergen navigiert und Thermiken für das Aufsteigen in große Höhen nutzt. Das sind essenzielle Fähigkeiten für ihr Überleben. Man könnte meinen, dass sie ihren „Elternhorst“ hinter sich lassen, sobald sie gut genug darin sind. Aber weit gefehlt: Die neue Studie des IZW zeigt, dass sich ihr Abwandern deutlich darüber hinaus hinzieht. Warum ist das so?

Wenn ein junger Steinadler (Aquila chrysaetos) endgültig das Revier seiner Eltern verlässt, lässt er das einzige Sicherheitsnetz zurück, das er je gekannt hat. Biologinnen und Biologen gingen bislang davon aus, dass Adler diesen Schritt wagen, sobald sie gut genug fliegen können, um ohne Hilfe zu überleben.

Die neue Studie, in der 92 junge Steinadler in den Alpen über sechs Jahre hinweg mittels GPS-Sendern verfolgt wurden, zeigt jedoch, dass das Geschick beim Fliegen fast nichts damit zu tun hat. Bereits wenige Monate nachdem junge Adler flügge werden, können sie ebenso geschickt fliegen – schnell aufsteigen, enge Radien beim Kreisen in der Thermik fliegen, wechselnde Winde nutzen – wie erwachsene Adler. Trotzdem bleiben viele danach noch fast ein ganzes Jahr lang im Revier ihrer Eltern. In der Lage zu sein, auf eigene Faust zu überleben, und diesen Schritt tatsächlich zu wagen, sind offenbar also zwei unterschiedliche Dinge.

Erste Ausflüge schon nach drei Monaten

Die meisten Adler unternahmen ihre erste Reise außerhalb des elterlichen Reviers innerhalb von etwa drei Monaten nach der Besenderung und legten dabei bis zu 77 Kilometer zurück, teilweise in mehrtägigen Exkursionen. Studien aus anderen Regionen deuteten darauf hin, dass Steinadler in genau diesem Alter ihre volle Flugfähigkeit als Erwachsene erreichen. Eine Abwanderung folgte jedoch nicht; viele Vögel verließen ihre Eltern erst fast ein Jahr nach der Besenderung und oft erst, nachdem der Winter vorbei war. Keine der detaillierten Messgrößen für das Fluggeschick der Adler ließ vorhersagen, wann Adler ihre ersten langen Reisen weg von ihrem Heimatgebiet unternahmen und dieses endgültig verließen.

Was beides vorhersagte, war ein anderer Faktor, nämlich, wie weit sich Adler bei ihren alltäglichen Ausflügen vom Revier entfernten und wie hoch sie in den Himmel stiegen. Besonders hohe und weite Flüge spiegelten also Motivation, Konkurrenz, Nahrungsangebot und Wetter gleichzeitig wider, und daraus ließ sich die Entscheidung zum Aufbruch ablesen. Aber wie erklärt sich das?

Im sicheren Horst statt im Konkurrenzkampf

Die vom Team untersuchte Alpenpopulation der Steinadler ist gesättigt, was bedeutet, dass fast jedes geeignete Revier bereits besetzt ist und es nur wenige freie Reviere gibt, die junge Adler nutzen könnten. Die Forscher vermuten, dass dies erklären könnte, warum so viele junge Adler ihren Auszug hinauszögern, selbst wenn sie bereits voll flugfähig sind: Sie nutzen das Revier ihrer Eltern so lange wie möglich, anstatt sich in eine kompetitive, überfüllte Landschaft zu begeben, in der es keine Garantie dafür gibt, einen eigenen Platz zu finden.

Diese Entkopplung von Fertigkeiten und Unabhängigkeit könnte möglicherweise nicht nur bei Adlern zu beobachten sein. Ähnliche Muster wurden bei Geradschnabelkrähen (Corvus moneduloides) beschrieben, die bis zu einem Jahr benötigen, um den Umgang mit Werkzeugen zu lernen, aber erst ein weiteres Jahr danach ihr Elternhaus verlassen.

Für einen jungen Adler kann das elterliche Revier noch Monate, nachdem er das Fliegen beherrscht, der sicherste Ort bleiben. Dort zu bleiben, solange die Eltern dies noch dulden, kann ihm Zeit für kleine, aber bedeutende Verbesserungen seiner Fähigkeiten und Erfahrungen verschaffen, bevor er sich in eine Landschaft begibt, in der der Platz knapp und die Risiken hoch sind. Letztlich versucht er auf diese Weise, seine Überlebenschancen zu verbessern.

 

Die vollständige Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung über die Studie finden Sie hier

Die Studie in englischer Sprache können Sie hier nachlesen

Bildquelle: Monika Baudrexl




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

Wie Wildtiere Spurenelemente verteilen

Käferstudie zeigt, wie sich Elternfürsorge auszahlt

Aale brauchen Lebensraum, aber vor allem Beute

Was ein Wehr für einen Jungfisch bedeutet

Eichhörnchen sind eine Leitart für Stadtnatur

Wölfe – nicht die Jagd bewegt sie, sondern die Beute!

Entwurmungsmittel bringt Nahrungskette durcheinander

Amerikanische Bisons als Blaupause für unser Wild UPDATE

Braunkehlchen, so zäh wie winzige Ironmen…

Mehrjährige Grashalme als Hotspots der Insektenvielfalt

UPDATE Katastrophe am Gewässergrund: Massensterben von Muscheln

Wer einen Vogel hat, ist klarer im Kopf

Archäologie im Bartgeierbett

Das Hermelin – im Klimawandel bald gefährdet?

Rotwild-Genetik-Studie: Kanibers Hütchenspieler

Spannender Podcast über Wild am Berg mit Dr. Christine Miller

Allmende – Weiden für unser aller Artenvielfalt

Unordnung im Wald zahlt sich in Arten aus

Wenn der Weg das Ziel ist – was Staudämme mit Flussfischen machen

Fördert der Mensch als „Schutzschild“ den Goldschakal?

Zum Tag der Wanderfische: Mehr Schutz durch die Bonner Konvention!

Nicht jeder Mischwald ist gut fürs Ökosystem

Auen und Weidetiere – eine fruchtbare Symbiose

Ein Managementplan für Stadtbienen

Wespenspinne: Rasante Verbreitung durch Anpassung

Forschungsprojekt: Verbiss gegen Feuer und für die Vielfalt

US-Studie zur Nutztierhaltung: Keiner will das

Eichhörnchen in der Stadt – besser oder schlechter dran?

Hummeln, die heimlichen Rock´n Roller

Wiesen sind jetzt No-Go-Areas






Aktuelle Informationen



Wie Wildtiere Spurenelemente verteilen Spurenelemente kennt wohl jede(r) von uns aus der täglichen Ernährung: lebenswichtige Mineralien, von denen wir aber nur winzige Mengen benötigen.…

Mittwoch, 02. September 2026
Jetzt lesen
UPDATE Wal und Hirsch - warum ist die Wahrnehmung so unterschiedlich? Keine Sorge, wir ziehen den toten Wal "Timmy" jetzt nicht nochmal an die Oberfläche - allerdings hat die Zeitschrift "Jäger"…

Mittwoch, 02. September 2026
Jetzt lesen
Wie ein hässlicher Räuber zur Fee wird Hier kommt mal wieder eine Art zum Staunen: Der Ameisenlöwe – besser gesagt, die ziemlich hässliche, räuberische und listige Larve…

Dienstag, 01. September 2026
Jetzt lesen

Mitglied werden