Wenn wir an den Klimawandel denken, stehen meist Wälder, Moore oder Ozeane im Mittelpunkt. Tiere spielen in diesen Diskussionen dagegen oft nur eine Nebenrolle. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch, dass gerade große Pflanzenfresser einen entscheidenden Einfluss auf den Kohlenstoff- und Nährstoffkreislauf von Ökosystemen haben – und dass dieser Einfluss in den meisten Klima- und Vegetationsmodellen bislang kaum berücksichtigt wird.
Tiere bewegen mehr als nur sich selbst
Große Pflanzenfresser, wie Hirsche, Elche, Bisons, Wisente oder Elefanten, verändern ihre Umwelt auf vielfältige Weise. Wie stark sie Landschaften prägen, hängt unter anderem von ihrer Körpergröße, ihrem Nahrungsspektrum, ihrer Populationsdichte und ihrem Wanderverhalten ab.
Sie fressen Gräser, Kräuter, Blätter und junge Bäume und beeinflussen dadurch, welche Pflanzen sich durchsetzen können. In Gebieten mit hoher Dichte an Pflanzenfressern können so offene Landschaften, wie Grasland oder Savannen, erhalten bleiben. Gleichzeitig schaffen sie durch Verbiss, das Umknicken von Gehölzen oder das Zertrampeln des Bodens immer wieder neue Strukturen und Lebensräume für viele andere Tier- und Pflanzenarten.
Ihr Einfluss geht aber noch viel weiter. Große Pflanzenfresser transportieren Samen über weite Entfernungen und verteilen mit Kot und Urin wichtige Nährstoffe, wie Stickstoff und Phosphor, in der Landschaft. Nach ihrem Tod gelangen auch ihre Kadaver wieder in den Stoffkreislauf und liefern Nährstoffe für zahlreiche Organismen. Dadurch beeinflussen sie nicht nur das Pflanzenwachstum, sondern auch die Speicherung von Kohlenstoff im Boden und in der Vegetation.
Forschende fassen all diese Prozesse unter dem Begriff Zoogeochemie zusammen – einem noch jungen Forschungsgebiet, das untersucht, wie Tiere die Stoffkreisläufe der Erde beeinflussen.
Tiere verbinden ganze Landschaften
Besonders spannend ist, dass große Pflanzenfresser Nährstoffe nicht nur lokal verteilen. Viele Arten legen auf ihren Wanderungen täglich oder saisonal große Entfernungen zurück. Dabei transportieren sie Nährstoffe aus einem Lebensraum in einen anderen. So können beispielsweise Mineralstoffe aus nährstoffreichen Flussauen in höher gelegene Gebiete gelangen oder umgekehrt. Tiere wirken damit wie natürliche Transportmittel, die verschiedene Ökosysteme miteinander verbinden. Dieser Transport wird in heutigen Klimamodellen bislang kaum berücksichtigt – obwohl er entscheidend dafür sein kann, wie fruchtbar Böden bleiben oder wie viel Kohlenstoff dauerhaft gespeichert wird.
Klimamodelle unterschätzen den Einfluss von Wildtieren
Obwohl bekannt ist, dass große Säugetiere ihre Lebensräume maßgeblich formen, berücksichtigen die meisten computergestützten Klima- und Vegetationsmodelle bislang fast ausschließlich Pflanzen, Böden und klimatische Faktoren. Tiere werden häufig gar nicht oder nur stark vereinfacht dargestellt. Dadurch fehlen wichtige Wechselwirkungen zwischen Tierpopulationen, Vegetation und Kohlenstoffspeicherung. Modelle können zwar berechnen, wie sich Pflanzen unter veränderten Klimabedingungen entwickeln, berücksichtigen jedoch oft nicht, dass große Pflanzenfresser diese Entwicklung erheblich verändern können.
Gerade vor dem Hintergrund des weltweiten Artenrückgangs kann das problematisch sein. Verschwinden große Pflanzenfresser aus einer Landschaft, verändern sich nicht nur Pflanzenbestände, sondern häufig auch Nährstoffkreisläufe und die Fähigkeit eines Ökosystems, Kohlenstoff zu speichern.
Rewilding verändert ganze Ökosysteme
In vielen Ländern Europas werden deshalb große Pflanzenfresser wieder angesiedelt oder ihre Bestände nehmen nach Jahrzehnten der Verfolgung wieder zu. Wisente, Wildpferde oder Elche sollen natürliche Prozesse zurückbringen und die Dynamik von Landschaften fördern.
Die Studie macht deutlich, dass solche Wiederansiedlungen weit mehr bewirken können als die Rückkehr einzelner Tierarten. Durch ihren Einfluss auf Vegetation, Böden und Nährstoffkreisläufe verändern sie ganze Ökosysteme. Genau deshalb sollten diese Prozesse künftig berücksichtigt werden.
Mehr Forschung für realistischere Prognosen
Um zukünftige Entwicklungen besser vorhersagen zu können, fordern die Autoren und Autorinnen, Tierpopulationen künftig als festen Bestandteil von Vegetations- und Klimamodellen zu integrieren. Dafür müssen jedoch noch einige Herausforderungen gelöst werden. Zum einen fehlen langfristige Datensätze darüber, wie stark unterschiedliche Pflanzenfresser ihre Umwelt tatsächlich verändern. Zum anderen sind viele tierische Prozesse – etwa Wanderbewegungen oder Fraßverhalten – deutlich schwieriger mathematisch zu beschreiben als das Wachstum von Pflanzen. Außerdem müssen neue Methoden entwickelt werden, um die verbesserten Modelle mit Beobachtungen aus der Natur zu überprüfen.
Eine engere Zusammenarbeit zwischen Wildtierökologie, Biogeochemie und Modellierung könnte helfen, diese Wissenslücken zu schließen.
MW
Die vollständige Studie in englischer Sprache können Sie hier einsehen
„Wenn schon, dann mich zuerst“ – Rotwildjagdzeit beginnt
Rote Karte für ausgedehnte Rotwildjagdzeiten UPDATE
Rotwild-Genetik-Studie: Kanibers Hütchenspieler
Sikawild soll als invasive Art ausgerottet werden
Jan Haft: Der Weide gehört die Zukunft!
Rotwildinitiative Schönbuch fordert Abschussstop
Totes Wild melden hilft Tierleben retten! UPDATE
„Schädling“? Das Reh ist der Sündenbock der Forstlobby
Nicht jeder Mischwald ist gut fürs Ökosystem
Künstliches Licht irritiert ganze Ökosysteme
Save the date: 18. bis 20. Juni Rotwildsymposium in Hamburg
UPDATE Rotwildforum in Niedersachsen als VIDEO
„Sündenbock Reh“ – Film über Wild und Forst in der Mediathek
Rotwild – Tier des Jahres oder Spielball von Forst und Jagd?
UPDATE Weilheim: Schonzeit fürs Rotwild gilt wieder!
Reh, Rothirsch, Damwild… wer ist was?
Hessen: Vorbildliches Lebensraumkonzept für Rotwild
Rotwild retten? – die Mehrheits-Politiker im Bundestag sagen Nein!
Vom Umgang mit Notzeit und Fütterung
Hirsch äst am Silo – abgeknallt
24. Februar – ein Stündchen Webinar über den Hirsch
Hirsche im Kanton Aargau oder: Guter Wille zum Wildmanagement
München: Wildes Bayern stoppt Baumfällungen UPDATE
Neue Wildtier-Studie: Ungeahnte Schlüsselakteure der Artenvielfalt!
Notzeiten gibt´s nicht nur im Winter – Tagungsband erschienen
Hirsche schützen heißt auch Wanderungen bewahren!
Fair Trade und Artenvielfalt – hängt das zusammen?
Rotwild-Forum Werra-Fulda fordert Jagdbeginn nicht vor 1. Mai
Maul- und Klauenseuche: Gefahr scheint gebannt
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen