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Mittwoch, 22. Juli 2026

Scrollicon
Auf einer grünen Wiese im Sonnenschein steht ein Hirsch im Bastgeweih, weiter hinten im Schatten am Waldrand ein weiterer, beide schauen den Betrachter an.
22. Juli 2026, 07:13    office@wildes-bayern.de

Pflanzenfresser als Faktor in Klimamodellen berücksichtigen!


Wenn wir an den Klimawandel denken, stehen meist Wälder, Moore oder Ozeane im Mittelpunkt. Tiere spielen in diesen Diskussionen dagegen oft nur eine Nebenrolle. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch, dass gerade große Pflanzenfresser einen entscheidenden Einfluss auf den Kohlenstoff- und Nährstoffkreislauf von Ökosystemen haben – und dass dieser Einfluss in den meisten Klima- und Vegetationsmodellen bislang kaum berücksichtigt wird.

Tiere bewegen mehr als nur sich selbst

Große Pflanzenfresser, wie Hirsche, Elche, Bisons, Wisente oder Elefanten, verändern ihre Umwelt auf vielfältige Weise. Wie stark sie Landschaften prägen, hängt unter anderem von ihrer Körpergröße, ihrem Nahrungsspektrum, ihrer Populationsdichte und ihrem Wanderverhalten ab.

Sie fressen Gräser, Kräuter, Blätter und junge Bäume und beeinflussen dadurch, welche Pflanzen sich durchsetzen können. In Gebieten mit hoher Dichte an Pflanzenfressern können so offene Landschaften, wie Grasland oder Savannen, erhalten bleiben. Gleichzeitig schaffen sie durch Verbiss, das Umknicken von Gehölzen oder das Zertrampeln des Bodens immer wieder neue Strukturen und Lebensräume für viele andere Tier- und Pflanzenarten.

Ihr Einfluss geht aber noch viel weiter. Große Pflanzenfresser transportieren Samen über weite Entfernungen und verteilen mit Kot und Urin wichtige Nährstoffe, wie Stickstoff und Phosphor, in der Landschaft. Nach ihrem Tod gelangen auch ihre Kadaver wieder in den Stoffkreislauf und liefern Nährstoffe für zahlreiche Organismen. Dadurch beeinflussen sie nicht nur das Pflanzenwachstum, sondern auch die Speicherung von Kohlenstoff im Boden und in der Vegetation.

Forschende fassen all diese Prozesse unter dem Begriff Zoogeochemie zusammen – einem noch jungen Forschungsgebiet, das untersucht, wie Tiere die Stoffkreisläufe der Erde beeinflussen.

Tiere verbinden ganze Landschaften

Besonders spannend ist, dass große Pflanzenfresser Nährstoffe nicht nur lokal verteilen. Viele Arten legen auf ihren Wanderungen täglich oder saisonal große Entfernungen zurück. Dabei transportieren sie Nährstoffe aus einem Lebensraum in einen anderen. So können beispielsweise Mineralstoffe aus nährstoffreichen Flussauen in höher gelegene Gebiete gelangen oder umgekehrt. Tiere wirken damit wie natürliche Transportmittel, die verschiedene Ökosysteme miteinander verbinden. Dieser Transport wird in heutigen Klimamodellen bislang kaum berücksichtigt – obwohl er entscheidend dafür sein kann, wie fruchtbar Böden bleiben oder wie viel Kohlenstoff dauerhaft gespeichert wird.

Klimamodelle unterschätzen den Einfluss von Wildtieren

Obwohl bekannt ist, dass große Säugetiere ihre Lebensräume maßgeblich formen, berücksichtigen die meisten computergestützten Klima- und Vegetationsmodelle bislang fast ausschließlich Pflanzen, Böden und klimatische Faktoren. Tiere werden häufig gar nicht oder nur stark vereinfacht dargestellt. Dadurch fehlen wichtige Wechselwirkungen zwischen Tierpopulationen, Vegetation und Kohlenstoffspeicherung. Modelle können zwar berechnen, wie sich Pflanzen unter veränderten Klimabedingungen entwickeln, berücksichtigen jedoch oft nicht, dass große Pflanzenfresser diese Entwicklung erheblich verändern können.

Gerade vor dem Hintergrund des weltweiten Artenrückgangs kann das problematisch sein. Verschwinden große Pflanzenfresser aus einer Landschaft, verändern sich nicht nur Pflanzenbestände, sondern häufig auch Nährstoffkreisläufe und die Fähigkeit eines Ökosystems, Kohlenstoff zu speichern.

Rewilding verändert ganze Ökosysteme

In vielen Ländern Europas werden deshalb große Pflanzenfresser wieder angesiedelt oder ihre Bestände nehmen nach Jahrzehnten der Verfolgung wieder zu. Wisente, Wildpferde oder Elche sollen natürliche Prozesse zurückbringen und die Dynamik von Landschaften fördern.

Die Studie macht deutlich, dass solche Wiederansiedlungen weit mehr bewirken können als die Rückkehr einzelner Tierarten. Durch ihren Einfluss auf Vegetation, Böden und Nährstoffkreisläufe verändern sie ganze Ökosysteme. Genau deshalb sollten diese Prozesse künftig berücksichtigt werden.

Mehr Forschung für realistischere Prognosen

Um zukünftige Entwicklungen besser vorhersagen zu können, fordern die Autoren und Autorinnen, Tierpopulationen künftig als festen Bestandteil von Vegetations- und Klimamodellen zu integrieren. Dafür müssen jedoch noch einige Herausforderungen gelöst werden. Zum einen fehlen langfristige Datensätze darüber, wie stark unterschiedliche Pflanzenfresser ihre Umwelt tatsächlich verändern. Zum anderen sind viele tierische Prozesse – etwa Wanderbewegungen oder Fraßverhalten – deutlich schwieriger mathematisch zu beschreiben als das Wachstum von Pflanzen. Außerdem müssen neue Methoden entwickelt werden, um die verbesserten Modelle mit Beobachtungen aus der Natur zu überprüfen.

Eine engere Zusammenarbeit zwischen Wildtierökologie, Biogeochemie und Modellierung könnte helfen, diese Wissenslücken zu schließen.

MW

Die vollständige Studie in englischer Sprache können Sie hier einsehen




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