Blogpost
Mittwoch, 19. August 2026

Scrollicon
Zwei Dachse in einem Wald kommen auf den Betrachter zu
19. August 2026, 06:36    office@wildes-bayern.de

NCP – was Wildtiere für uns leisten und bedeuten


Die Bedeutung der Natur für den Menschen wurde lange vor allem über den Begriff der „Ökosystemleistungen“ beschrieben. Der neuere, wissenschaftlich etablierte Ansatz nennt sich „Nature’s Contributions to People (NCP)“, und er geht darüber hinaus: Er beschreibt umfassender, wie die Natur die menschliche Existenz stützt, von materiellen Gütern bis hin zu kulturellen Werten. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass diese Beiträge in Europa von 860 Wirbeltierarten getragen werden.

Verbeißen, wühlen, säen

Große Säugetiere gelten als Ökosystem-Ingenieure, weil sie ihre Umwelt aktiv verändern und dadurch Lebensgrundlagen für zahlreiche weitere Arten schaffen. Die Studie nennt unter anderem den Wisent (Bison bonasus), den Rothirsch (Cervus elaphus), das Wildschwein (Sus scrofa), den Biber (Castor fiber), den Dachs (Meles meles) und das Alpenmurmeltier (Marmota marmota). Wisent und Rothirsch halten durch Beweidung und Verbiss halboffene Landschaften offen; das Wildschwein lockert durch sein Wühlen den Boden auf und schafft Keimbetten für Pionierpflanzen. Hinzu kommt die Ausbreitung von Samen, eine Schlüsselleistung für die Regeneration von Wäldern und Gebüschen: 445 europäische Wirbeltierarten sind als Samenausbreiter dokumentiert – über den Verdauungstrakt, durch Anhaftung an Fell und Hufen oder durch das Anlegen von Vorratsverstecken.

Seuchen und Krankheiten vorbeugen

195 Wirbeltierarten tragen zur Kontrolle landwirtschaftlicher Schädlinge bei: Greifvögel und Beutegreifer regulieren Nagetierpopulationen, während 55 Vogel- und Fledermausarten Kalamitäten des Pinienprozessionsspinners eindämmen. 128 Arten erbeuten Tiere, die als Wirte für Zecken dienen, und mindern so das Risiko von Zoonosen wie der Borreliose. Und 67 Aasfresserarten senken das Risiko der Krankheitsübertragung und fördern zugleich den Nährstoffkreislauf.

Nützlinge unter menschlichem Druck

Trotz ihrer Bedeutung für das menschliche Wohlergehen ist die Lage vieler dieser Arten kritisch: Bei jeder NCP gilt rund ein Viertel der beteiligten Arten zumindest als potenziell gefährdet.

Als eine der Hauptbedrohungen benennt die Studie die intensive Landwirtschaft, insbesondere den flächendeckenden Einsatz von Pestiziden: 53 Prozent jener Arten, die für die natürliche Schädlingsbekämpfung in der Agrarlandschaft sorgen, sind davon betroffen. Ein ebenso gravierender Faktor ist die direkte Verfolgung oder nicht nachhaltige Nutzung. Die Zahlen sind hier alarmierend: Bei 74 Prozent der jagdbaren Wildarten und bei 67 Prozent der für den Naturtourismus zentralen Arten wird Verfolgung als relevanter Gefährdungsfaktor geführt.

Auch Tiergruppen mit einer Schlüsselrolle für den Gesundheitsschutz stehen unter diesem Druck – etwa Aasfresser (71 Prozent) sowie Arten, die Zeckenwirte kontrollieren (65 Prozent). Diese Entwicklung gefährdet nicht nur die biologische Vielfalt, sondern schwächt unmittelbar die Widerstandsfähigkeit der Natur gegenüber Krisen wie dem Klimawandel.

Kulturelle und psychologische Bedeutung

Wirbeltiere leisten darüber hinaus einen wesentlichen Beitrag zu den nicht-materiellen Werten der Natur, indem sie Erholung, Inspiration und ein Gefühl von Heimat ermöglichen. Rund 55 Arten, darunter viele Großsäuger, bilden die Grundlage für Naturtourismus und Wildlife Watching in Europa. Auch das psychische Wohlbefinden wird direkt gefördert: Studien belegen, dass Vogelgesang positive Effekte auf die psychische Gesundheit hat und Angstzustände lindern kann. Die Autorinnen und Autoren ordnen diese Leistung 272 europäischen Vogelarten zu – überwiegend Singvögeln, ergänzt um Arten mit markanten Rufen, wie Kranich, Wachtel oder Wiedehopf. Und die 35 europäischen Jagdwildarten spielen eine doppelte Rolle: Sie liefern nicht nur hochwertiges Wildbret, sondern stützen auch Traditionen und prägen das Erleben von Naturverbundenheit.

Eine mögliche Lösung: Mosaiklandschaften

Die Studie zeigt aber auch, dass die Kapazität der Natur, vielfältige Beiträge für den Menschen zu leisten, maßgeblich von der Struktur der Landschaft abhängt. Mosaiklandschaften, in denen Wälder, Gebüsch, Wiesen und extensiv genutzte Äcker vorhanden sind, erreichen die höchsten Multifunktionalitätswerte – deutlich höher als intensiv genutzte Flächen, auf denen die Vielfalt der „Dienstleister“ massiv abnimmt. Bemerkenswert ist, dass auch mittlere Nutzungsintensität besser abschneidet als erwartet, was die Autorinnen und Autoren auf die Hypothese der mittleren Störung zurückführen. Um diese Leistungen langfristig zu sichern, ist laut der Studie ein Umsteuern notwendig: Die Intensität der Landwirtschaft muss reduziert und ökologische Ansätze müssen gefördert werden, während gleichzeitig die Vernetzung von Lebensräumen und der Schutz funktional wichtiger Arten Priorität haben sollten.

Als Ökosystem-Ingenieure gestalten Wisent, Rothirsch und Wildschwein genau jene halboffenen, strukturreichen Lebensräume, die die Studie als Hotspots beschreibt – auch wenn ihre Rolle in der Praxis diskutiert wird. Die beschriebenen Beiträge sind wahrscheinlich nur ein Bruchteil dessen, was Wildtiere tatsächlich bewirken, weil viele ökologische Wechselwirkungen bislang gar nicht dokumentiert sind. Ihr Schutz ist daher keine bloße Naturschutzmaßnahme, sondern eine direkte Investition in die Widerstandsfähigkeit unserer Umwelt und damit in unsere eigene Lebensqualität.

Die original Studie in englischer Sprache finden Sie hier

 

Bildquelle: hrw1973 / Pixabay.de




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

Pflanzenfresser als Faktor in Klimamodellen berücksichtigen!

Spannender Podcast über Wild am Berg mit Dr. Christine Miller

Nottötung von Wildtieren – wann geraten, wann schädlich?

„Schädling“? Das Reh ist der Sündenbock der Forstlobby

Nicht jeder Mischwald ist gut fürs Ökosystem

Künstliches Licht irritiert ganze Ökosysteme

Vortrag Südtirol: Christl Miller über Stress bei Wildpopulationen

Nützliche Hilfe: Die App Wildtier SOS

UPDATE Gerichtsentscheid: Gams-Poolabschüsse in der Kürnach nicht rechtens!

Save the date: Internationale Igelkonferenz in Kopenhagen

Ausstellung in München: Invasive Arten

Otter – Helfer statt Schädling * SÜSSES VIDEO

Buchtipp: Die Besonderheiten der Borkenkäfer

Wildtierschutz-Interview: gegen den Strich oder auf den Punkt?

Warum kein Gamsbock zwischen 4 und 12 Jahren sterben sollte

VIDEO Großartiges Fernseh-Duell: Tierschützerin trifft Jäger

Diese Woche neue Online-Igelvorträge von Ninja Winter

Feiern wir das Wilde nur, wenn es uns vertraut erscheint?

Neue Wildtier-Studie: Ungeahnte Schlüsselakteure der Artenvielfalt!

Städtische Mauereidechsen sind toleranter

Naturfilm-Festival von zuhause verfolgen UPDATE

Erinnerung – 25. September Vortrag in Nürnberg: Hilfe für verletzte Wildtiere

Eulentagung mit Fotowettbewerb vom 24. bis 26. Oktober

Gürteltiere – die kleinen Ritter der Tierwelt

Bärin JJ4, Elch Olga und die Tragik gefangener Wildtiere

Filmtipp: „Ozean“ von David Attenborough

Rehkitz „gefunden“ und für social media missbraucht – Tier stirbt

Lehrgang: „Respektvoll zu Gast bei den heimischen Wildtieren“

21. Mai Vortrag – Warum Wildtiere erfassen?

Umgang mit dem Muffelwild in Rheinland-Pfalz






Aktuelle Informationen



Serie Wildkrankheiten: Vogelgrippe als Artenschutzproblem Wie schon hier im Blog angekündigt, wollen wir in einer Beitrags-Serie über Wildkrankheiten genauer hinschauen, welche Krankheiten derzeit eine Bedrohung…

Donnerstag, 10. September 2026
Jetzt lesen
Großartige Naturfilme und -Festivals im Gange! Der frühe Herbst ist die Saison der Naturfilmfestivals in ganz Deutschland, und wir sind schon wieder sehr gespannt, welche faszinierenden…

Mittwoch, 09. September 2026
Jetzt lesen
Feld- und Schneehase: Wie teilen sie sich die Nahrung? Der Klimawandel verändert unsere Bergnatur gravierend, und viele Arten passen sich an, indem sie ihre Lebensräume verschieben. Eine solche Verschiebung,…

Mittwoch, 09. September 2026
Jetzt lesen

Mitglied werden