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Donnerstag, 17. September 2026

Scrollicon
Ein Hirsch mit geringem Geweih schaut den Betrachter aufmerksam an
17. September 2026, 07:43    office@wildes-bayern.de

Großer Amerikanischer Leberegel: Warum mehr Abschuss das Problem nicht löst


Über den Amerikanischen Leberegel als Parasit des Rotwilds ist in den letzten Jahren immer mehr gesprochen und geforscht worden. Vor allem in Nordbayern ist viel Wild davon befallen, aber er kommt inzwischen auch in anderen Regionen vor, wie im Bayerischen Wald.

Was sind die ökologischen Treiber?

Auf die Nachricht, dass der Amerikanische Leberegel in einem Jagdrevier festgestellt wurde, wird bei uns in Bayern in den meisten Fällen sofort mit einer Erhöhung der Abschüsse von Schalenwild reagiert. Die Vorstellung „Krankheit = zu viel Wild = Seuchenbekämpfung durch Dezimierung“ greift jedoch viel zu kurz. Eine nachhaltige Lösung erfordert mehr als reine Symptombekämpfung. Viel wichtiger sind ökologische Treiber, wie Lebensraumqualität, menschengemachter Stress und Umweltveränderungen.

Nach seiner Einschleppung aus Nordamerika wurde dieser Leberegel 1865 erstmals in einem Wildpark bei Turin beschrieben, später dann sporadisch auch an anderen Orten. Heute tritt er gehäuft vor allem in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Kroatien und Österreich auf. Bayern ist seit ungefähr 2015 betroffen.

Aus dem Tümpel in die Leber

Der Große Amerikanische Leberegel (Fascioloides magna) ist ein rötlich-brauner Plattwurm, der im ausgewachsenen Stadium eine Länge von vier bis zehn Zentimetern erreicht. Für seine Fortpflanzung nutzt er die heimische Schlammschnecke (Galba truncatula) als Zwischenwirt. Seine zystenartigen Larven setzen sich als Dauerstadien an Ufer- und Wasserpflanzen fest, die von Rotwild gefressen werden, und gelangen so in den Darm der Tiere. Dort schlüpfen die Jungegel, durchdringen die Darmwand und wandern zur Leber, wo sie sich weiterentwickeln. Im Lebergewebe hinterlässt der Parasit durch Fressen charakteristische, oft mit Flüssigkeit gefüllte, dunkle Bohrgänge.

Aus einem aufgeschnittenen Wildkörper drückt sich eine vergrößerte, dunkle Leber mit unregelmäßiger, stumpfer Oberfläche und hellen Einschlüssen

Leber eines mit dem Großen Amerikanischen Leberegel befallenen Stück Rotwilds

 

In Rot- und Damwild, die ihm als natürliche Endwirte dienen, kommt es zu einer Abkapselung der Stadien im Lebergewebe. Von hier aus können die Egel dann Eier über die Gallengänge in den Darm ausscheiden. Bei Hauptwirten, wie den genannten Hirscharten, zeigen sich äußerlich meist keine Symptome. In Nebenwirten, wie Wildschweinen oder Rindern, wird der Egel in der Regel vom Körper in dickwandige Bindegewebskapseln eingeschlossen und kann sich nicht mehr vermehren. Bei Fehlwirten, wie Schafen, Ziegen oder Mufflons, werden die Parasiten in der Leber nicht eingekapselt. Die Wanderung und der Fraß der Jungegel im Lebergewebe führen bei diesen Arten meist rasch zu schweren Leberschäden und zum Tod. Rehe gelten klassisch ebenfalls als Fehlwirte, es gibt aber inzwischen Nachweise von Abkapselungen (Pseudozysten) in der Leber.

Wie ist die Lage in der Heimat der Egel?

In Nordamerika kommt der Egel in fünf großen Regionen der USA und Kanadas als natürlicher Parasit von Wapiti, Weißwedelhirsch und Karibu vor. In der Herkunftsregion ist seit Jahrzehnten ein erheblicher Teil der Bestände befallen, aber die Populationen bestehen dennoch stabil weiter.

Unser Rotwild ist wahrscheinlich inzwischen auch ein funktionierender Endwirt und nur bei hohem Befall können Kondition, Geweihgewicht und Fortpflanzung beeinträchtigt werden. Die Anpassungsfrage stellt sich in Europa bei Reh und Muffelwild. Bisher ist nicht nachgewiesen, dass es eine Resistenz gegen den Eindringling gibt und diese auch vererbt wird. Sollte es sie geben, kann sie sich nur dort im Bestand weiter durchsetzen, wo Tiere die Auseinandersetzung mit dem Parasiten überleben und nicht entnommen werden.

Druck aufs Wild und Stress verschlimmern die Lage

Eine bayerische Studie zeigt: Ob Wild vom Leberegel befallen wird, ist in erster Linie lebensraumabhängig. Forscher der Forstfakultät in Weihenstephan haben die Lebern von 83 Prozent des erlegten Rotwilds im Veldensteiner Forst seit 2018 systematisch ausgewertet. Als wesentliche Risikofaktoren für den Befall erwiesen sich das Alter der Tiere und die Nähe zu Feuchtgebieten mit Vorkommen der Schlammschnecke. Von 520 Rotwildlebern waren in dieser Untersuchung 36 Prozent positiv, von 226 Rehlebern 3 Prozent, von 75 Schwarzwildlebern keine einzige. Über den Untersuchungszeitraum hinweg ließ sich die Befallsrate beim Rotwild laut den Forstwissenschaftlern durch einen massiven Eingriff in den Bestand von anfänglich 41 auf 27 Prozent senken.

Wer daraus ableitet, der Abschuss sei die Lösung, denkt zu kurz. Denn infizierte Zwischenwirte und Zwischenstadien der Larven bleiben ja in der Fläche erhalten. Der Effekt ist damit an eine dauerhafte Intervention gebunden – endet der Eingriff, kommt es zur Reinfektion. Hinzu kommen die Folgekosten für das Wild: zerrissene Sozialstrukturen, ein verschobener Altersaufbau, dauerhaft erhöhter Jagddruck und das mögliche Ausweichen in ruhigere Lebensräume, in die der Egel dann mitwandert. Und ein Ergebnis aus einem Gebiet mit hoher Parasitenbelastung lässt sich auch nicht auf Reviere übertragen, in denen der Egel erst gerade auftaucht.

Stressfaktoren vom Menschen gemacht

Die Gründe der Ausbreitung sind oft vom Menschen gemacht. Ein wesentlicher Faktor ist die unnatürliche Konzentration von Wildtieren, beispielsweise an zu wenigen, unhygienischen, schlecht gepflegten Fütterungsstellen oder in Wintergattern. Befinden sich in solchen Gattern nasse Stellen, entstehen unter Umständen Infektions-Hotspots mit vielen Tieren, die ein gestresstes Immunsystem aufweisen, was die Übertragung maximiert. Aber auch die veränderte Gewässer- und Auendynamik ist entscheidend: Die Schlammschnecke besiedelt bevorzugt kleine, schlammige, zeitweilig wasserführende Kleinstgewässer und Uferränder. Entwässerte oder dauerhaft vernässte Flächen schaffen den besten Lebensraum für die Schnecke.

Entzieht man der Schnecke den Lebensraum, reguliert man nicht nur den Amerikanischen Leberegel, sondern auch den heimischen Großen Leberegel (Fasciola hepatica) und den Pansenegel (Calicophoron daubneyi), die auf gleichem Wege übertragen werden.

Medikamentöse Behandlung im Freiland wohl keine Option

Die Forstwissenschaftler lehnen eine medikamentöse Entwurmung freilebender Populationen grundsätzlich ab. Tatsächlich gibt es dabei große Unsicherheiten, wie zum Beispiel eine unkontrollierbare Dosierung, Medikamentenrückstände, die die empfindliche Bodenfauna belasten können, und Wartezeitvorgaben für lebensmittelliefernde Tiere, die sich im Freiland keinem behandelten Individuum zuordnen lassen.

Hinzu kommt, dass unsachgemäßer Einsatz von Wurmmitteln Resistenzen züchten kann. Im geschlossenen Gatter sieht die Lage wieder anders aus. Ein bayerischer Wildbestand wurde 2012 mit Triclabendazol behandelt, doch was hinter dem Zaun möglich ist, lässt sich nicht eins zu eins auf die freie Wildbahn übertragen. In Tschechien wird deshalb weiter an alternativen Behandlungsansätzen für infizierte Rotwildbestände gearbeitet.

Handlungshinweise für das Wildtiermanagement

Die Jäger wissen und tun das ohnehin: Bei jedem erlegten Stück Rotwild ist die Leber genau anzuschauen. Der Zustand dieses Organs spiegelt längst nicht nur einen möglichen Befall mit dem Amerikanischen Leberegel wider, sondern auch andere Krankheiten. Finden sich in einer Region mit dem Egel befallene Tiere, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die vor allem Feuchtigkeit bekämpfen. Futterplätze müssen konsequent trocken gehalten werden; das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit empfiehlt, nur mindestens sechs Monate abgelagertes Heu zu verfüttern. Aus demselben Grund sollten Wintergatter keine Feuchtbiotope oder stehenden Gewässer enthalten, um den Zwischenwirten von vornherein keinen Lebensraum zu bieten.

Oft wird behauptet, dass die Anwesenheit des Wolfes als eine Art Gesundheitspolizei wirken würde, da er bevorzugt geschwächte Tiere reißt. Diese Selektionsfunktion ist allerdings im Zusammenhang mit dem Leberegel nirgendwo belegt. Denn für den Beuteerfolg der Räuber spielen viele Faktoren eine Rolle, nicht zuletzt die Ausgestaltung des Lebensraums.

Weg von der Symptombekämpfung!

Ein zukunftsfähiges Wildtiermanagement in Europa muss weg von der reinen Symptombekämpfung. Der Abschuss kann manchmal ein Regulativ sein, aber beileibe nicht das einzige. Manchmal wirkt der erhöhte Jagddruck auch kontraproduktiv und macht dauergestresstes Wild erst empfänglich für Infektionen und Parasiten aller möglichen Arten. Das gerne propagierte Allheilmittel „Wilddichte senken“ wirkt meist nur sehr kurzfristig: Es kann die Befallsrate kurzfristig drücken und erkauft dies mit hohen ökologischen Kosten, ohne den Erreger zu beseitigen. Nur wer Lebensräume, Stressfaktoren und natürliche Anpassungsprozesse zusammendenkt, kann den Leberegel – und viele andere Infektionen – langfristig eindämmen.

MW & KI

 

Bildquelle: privat, Hirsch 26.2.26JPG, Monika Baudrexl




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