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Dienstag, 14. Juni 2022

14. Juni 2022, 07:27    Webmaster

„Bert hat jetzt ein Moped“


Ich stehe auf dem Balkon und schaue nach unten in den Garten. Zwei Spatzen hüpfen dort unter den Büschen herum und picken etwas auf. Erst der eine, dann der andere. Sind das etwa Mutter und Kind? Zeigt da ihre Spatzenmutter dem Jungen, wie er sich selbst ernähren kann? Mir wird ganz klamm ums Herz – das haben wir Bert nie beigebracht. Ich hole mein Fernglas und beobachte den Jungvogel eine Weile. Bei ihm steht eine Feder aus dem Gefieder ab, genau wie bei Bert. Ist er es vielleicht, hat er Anschluss an andere Spatzen gefunden oder gar seine Mutter wieder entdeckt? Die Hoffnung trügt, auf mein Rufen verschwindet der Jungvogel, und Bert antwortet aus einer ganz anderen Ecke.

In mir gärt es: Wird Bert alleine überleben oder immer in einer kranken Abhängigkeit von uns bleiben müssen? Ich fühle mich wie die letzte Rabenmutter (was übrigens ein fehlleitender Begriff ist, weil Raben durchaus prima Eltern sind). Um mein ungutes Gefühl zu beruhigen, beschließe ich, die Spatzenmutter als Vorbild zu nehmen und Bert mal nicht vom Balkon, sondern am Boden zu füttern. Ich nehme den Teller mit Würmern und eingeweichtem Aufzuchtfutter, marschiere in den Garten und rufe. Bert antwortet, aber er ist nicht dazu zu bewegen, den Baum zu verlassen. Da stehe ich nun unter seinem Apfelbaum und komme mir vor wie eine Mama, die ihrem 16-Jährigen noch Schulbrote schmiert, während der sich mit seinen Kumpels längst nur noch von McDonalds ernährt.

In den nächsten Tagen zeigt sich: Wir sind keine Raben-, sondern Helikoptereltern. Nicht wir, sondern Bert hat die Sache im Griff. Wie schon in den letzten Wochen, können wir fast täglich einen neuen Entwicklungsschritt erleben. Nachdem unser Teenager-Spatz ja schon länger nicht mehr zuhause schläft, kommt er jetzt nur noch zum Balkon, wenn er ernsthaft Hunger hat. „Bert hat jetzt ein Moped“, kommentiert meine Kollegin. Ja, echt: Er schaut nur noch zuhause vorbei, wenn er Zeit hat, um sich eine Pizza oder Ravioli oder bei Mama einen Sonntagsbraten reinzuhauen, dann ist er flugs wieder weg.

Irgendwann in der dritten Woche hört er auf, wie ein Jungspatz bettelnd zu tschilpen und mit dem Flügeln zu vibrieren, wenn er zum Füttern kommt – und dann sperrt er quasi die Badezimmertür zu, wenn er drin ist, und komplimentiert uns höflich und bestimmt aus seinem Leben. Er antwortet nur noch gelegentlich und „betritt“ den Balkon zum Futtern erst dann, wenn wir ihn wieder verlassen haben. Selbst die Kohlmeisen, die auch in der Nähe gebrütet haben, und ihr Jungvogel sind mittlerweile zutraulicher als Bert.

Berts Jugendzimmer lösen wir auf: Der rosa Mäusekäfig wird geputzt und wandert zurück auf den Dachboden, die Camembert-Schachtel und die Stofffetzen sind entsorgt, die „Fußbodenheizung“ aus Skischuhwärmern geht zurück in eine Kiste. Die letzten Mehlwürmer recken sich noch im Suppenteller nach Salatfetzen.

Immerhin: Wenn wir Bert vom Balkon aus rufen, schwirrt er oft noch herbei und zeigt sich uns einen kurzen Moment in der Luft, bevor er in einem benachbarten Baum auf sein Tellerchen wartet. Wieder mal so ein Rätsel aus der Tierwelt: Offenbar checkt Bert, dass wir ihn sehen und wahrnehmen, wenn er auf diese Weise herangeschwirrt kommt. Ich fühle mich unendlich erleichtert. Wir haben nicht total versagt, obwohl mir die Aufgabe, diesen kleinen Vogel ins Leben zu bringen, am Anfang echt zu groß schien. Aber ob wir sie geschafft hätten, wenn Bert uns nicht so souverän angeleitet hätte, das bezweifle ich schon.

(c)Wildes Bayern privat – Abschied von Bert

Während ich auf der Couch sitze und diese Zeilen in den Computer hacke, bewegt sich plötzlich rechts von mir etwas Dunkles in mein Blickfeld. Ich schaue hin und traue meinen Augen nicht: Über den Wohnzimmerteppich in meiner Dachgeschosswohnung schiebt sich eine kleine Kröte. Wie es das erdgebundenste Lebewesen, das man sich so vorstellen kann, über zwei Treppen nach oben bis in den hintersten Winkel meiner Bude geschafft hat, wird wohl für immer ein ungelöstes Rätsel bleiben. „Kühlwalda“, sagt mein Mann. „Vielleicht hat sich rumgesprochen, dass es bei uns freie Kost und Logis gibt.“ Ich hebe sie auf und trage sie in den Garten. Mein Bedarf an hilfsbedürftigen Jungtieren ist für dieses Jahr wirklich gedeckt.

 

 

Bert – der sprechende Camembert: Seine Geschichte auf Wildes Bayern e.V.

Bildquelle: (c)Wildes Bayern privat - Abschied von Bert




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