Der seit März in der Ostsee gestrandete Buckelwal ist ein riesiges Medienereignis. Minutengenau wird im Internet über den Fortgang der Befreiungs- und Rettungsversuche berichtet. Ein einziges Tier wird damit zum medialen Monument – während vor unserer Haustür Hunderte Arten unbeachtet verschwinden und aussterben.
Was steckt dahinter? Der Buckelwal „Timmy“, der momentan auf einer Sandbank vor der Insel Poel liegt, hat etwas ausgelöst, das weit über die normalen Reaktionen auf das Schicksal eines einzelnen Tieres hinausgeht. Emotionen, Spendenbereitschaft, Aktivismus und politische Debatten bündeln sich hier in einer Dichte, wie man sie nur selten sieht.
Für einen einzelnen Wal werden in kürzester Zeit enorme Summen mobilisiert. Privatpersonen engagieren sich mit ungewöhnlicher Intensität, und selbst Menschen ohne direkten Bezug zum Meer entwickeln ein starkes Bedürfnis, „etwas zu tun“.
Doch die öffentliche Wahrnehmung folgt dabei oft einer schiefen Logik: Was groß, selten und vermeintlich spektakulär ist, bekommt Mitleid, Geld und mediale Dauerpräsenz. Was klein, unscheinbar und lokal vermeintlich häufig erscheint, verschwindet im Hintergrundrauschen.
Warum löst das Verschwinden und Sterben von Amphibien, Insekten, Reptilien, Wiesenvögeln oder Feldhamstern kaum vergleichbare Reaktionen aus? Warum gibt es für sie weder denselben emotionalen Druck noch dieselbe gesellschaftliche Dringlichkeit und mediale Präsenz? Obwohl dieses Artensterben in einer Geschwindigkeit passiert, die schneller ist als je zuvor, und wir von den Konsequenzen direkt betroffen sind und sein werden.
Während der gestrandete Wal zum Symbolfall wird, verschwinden die andere Arten eben leise und unbemerkt aus der Landschaft. Sie sterben durch Lebensraumverlust, Intensivierung der Landnutzung, Pestizide, Verkehr, Lichtverschmutzung, Klimawandel und Zerschneidung, das sind komplexe Zusammenhänge, die sehr vielen Menschen, gerade in den Städten, kaum bewusst oder zugänglich sind. Der Wal dagegen liegt vor aller Augen, man kann nicht daran vorbeisehen.
Bei den anderen Arten passiert das Sterben derweil weiterhin ohne Schlagzeilen, ohne Kameras, ohne Rettungsinitiative. Ihr Rückgang ist selten spektakulär. Er geschieht schleichend, statistisch und eben unsichtbar. Aber gerade das macht ihn so gefährlich. Denn was nicht gesehen wird, wird auch nicht bekämpft. Und was keine starke emotionale Erzählung hat, landet schnell am Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Das soll nicht heißen, dass das Schicksal des Wals egal wäre. Es ist tragisch, ein Tier so leiden zu sehen. Selbstverständlich muss man hier Mitgefühl empfinden. Aber es lohnt sich, den Vorfall in Relation zu setzen: Hier geht es um ein einzelnes Individuum, dort draußen aber sterben täglich unzählige Tiere, Arten und Populationen, ohne dass etwas dagegen getan wird.
Der Fall zeigt weniger etwas über den Wal als über uns. Er zeigt, wie stark Menschen auf sichtbares Leid reagieren, wie selektiv Empathie funktioniert, und wie stark Naturschutz von Symbolen abhängt.
Wer aktuell die Ereignisse über den Ticker des Fernseh-Senders NDR verfolgt, kann sich allerdings nur die Augen reiben, wie hier offenbar schon wieder zwischenmenschliche Befindlichkeiten und Eitelkeiten in den Vordergrund treten. „Weil die Gesellschaft das Leiden eines Tieres, das sie im Großen und Ganzen selbst verursacht hat – ob durch Umweltgifte, Fischfang oder Lärm – nicht sehen will, kommen teilweise Voodoo-Priester des Tier- und Artenschutzes zum Zuge, die vorgeben, dem leidenden Mitgeschöpf zu helfen“, so Wildes Bayern-Vorsitzende Dr. Christine Miller. „In Wirklichkeit ist diese gigantische Rettungsaktion ein Ablasshandel für unsere Gesellschaft.“
Denn vermutlich steckt auch hinter dem immer wieder strandenden, orientierungslosen Wal ein ähnliches Problem, nämlich die zunehmende Verschmutzung seines Lebensraums mit Geräuschen, Infrastruktur, möglicherweise auch Plastik und anderem Müll sowie Umweltgiften. Wal Timmy ist damit ein von vielen nicht erkannter Botschafter des Artensterbens. Man kann nur hoffen, dass er, sollte er sterben, gründlich und objektiv auf diese Faktoren untersucht wird.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob man einem Wal helfen darf. Natürlich darf und soll man Leiden lindern, wenn es sinnvoll und fachlich vertretbar ist, und beenden, falls ein Ausweg nicht mehr gegeben ist. Die Frage ist vielmehr, ob wir unser kollektives Mitgefühl wirklich nur auf diese großen, seltenen und medial verwertbaren Fälle richten und nicht vielmehr auf die stillen Verlierer der Biodiversitätskrise ausdehnen sollten.
EK
Wer sich den NDR-Liveticker ansehen möchte, der findet ihn hier
Bildquelle: Symbolbild: Markus Kammermann/Pixabay.de
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