Der Spornpieper ist laut Vogelwarte ein sehr gutes Beispiel dafür. Die Art brütet in den Steppen Zentral- und Ostasiens und überwintert normalerweise in Südostasien. Jahrzehntelang tauchten jeden Herbst einige wenige Exemplare als Irrgäste in Europa auf. Dann änderte sich etwas: In Frankreich stieg die Zahl der Sichtungen von einer Handvoll pro Jahr in den 1980er-Jahren auf mehr als 150 bis 200 Exemplare 40 Jahre später. In der Schweiz wiederum wurde die Art zwischen 1959 und 1999 nur viermal beobachtet, seit dem Jahr 2000 hingegen gelangen rund 35 Nachweise. Einige der in Südeuropa überwinternden Vögel wurden mit Geolokatoren ausgerüstet, die von der Schweizerischen Vogelwarte entwickelt wurden. Dabei zeigte sich, dass dieselben Individuen Winter für Winter auf dieselben Felder in Europa zurückkehrten und dass sich ihre Brutplätze fast 6000 Kilometer weiter östlich in der Nähe von Nowosibirsk in Zentralrussland befanden. Diese Spornpieper sind keine Irrgäste mehr, sondern sie nutzen nun eine neue Zugroute. Sie fliegen nach Westen quer über den gesamten Kontinent, anstatt nach Süden in Richtung Südostasien zu ziehen. Der Klimawandel hat dabei wahrscheinlich eine Rolle gespielt: Mildere Winter in Südeuropa haben das Überleben begünstigt und so aus dem, was mit einem Navigationsfehler begann, eine überlebensfähige Strategie gemacht.
„Diese ungewöhnlichen Zugbewegungen gehören zu den großartigen Phänomenen der Natur“, werten die Wissenschaftler. „Die wenigen, die erfolgreich sind, können neue Populationen gründen, neue Arten hervorbringen und Ökosysteme neu gestalten.“ Das kann in unserer heutigen, sich rapide verändernden Welt ein echter evolutionärer Vorteil werden.