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Montag, 21. September 2026

Scrollicon
In einer nordischen Tundralandschaft sitzt ein braun-schwarz-weiß gemusterter Vogel in Bruthaltung
21. September 2026, 10:55    office@wildes-bayern.de

Mornellregenpfeifer-Mädels stellen das Wissen auf den Kopf


Der Mornellregenpfeifer ist in Deutschland zwar nur ein seltener Durchzügler, aber diese spannende Geschichte wollen wir unseren Lesern trotzdem nicht vorenthalten. Wissenschaftler des Max Planck-Instituts für biologische Intelligenz sind nämlich drauf gekommen, dass die Weibchen dieser Art ein höchst unkonventionelles Paarungs- und Brutverhalten an den Tag legen, das bisherige Kenntnisse ziemlich auf den Kopf stellt. Hier ihre Pressemitteilung, die sich liest wie ein guter Roman.

„Auf einem hochgelegenen norwegischen Plateau tauchen Ende Mai erste kahle Stellen im Schnee auf – und mit ihnen einige der aufgeschlossensten Vögel Europas. Mornellregenpfeifer brüten auf exponierten Bergkämmen und in der arktischen Tundra, von Schottland über Skandinavien bis nach Sibirien. Sie sind bekannt für ihre Toleranz gegenüber Menschen – eine Eigenschaft, die sie seit jeher zu einer leichten Beute für Jäger gemacht hat.

Die ungewöhnliche Rolle der Weibchen

Auch in anderer Hinsicht sind sie ungewöhnlich: Bei dieser Art ist das Weibchen das größere und farbenprächtigere Tier der beiden Partner und übernimmt die aktive Rolle bei der Balz. Weibchen balzen und konkurrieren untereinander um einen Partner. Sobald ein Weibchen jedoch sein Gelege aus drei Eiern ins Nest gelegt hat, verlässt es in der Regel das Männchen. Dieses bebrütet daraufhin die Eier und zieht die Küken allein auf.

Lange war unklar, wohin sich die Mornellregenpfeifer-Weibchen anschließend begeben. Jahrzehntelange Feldbeobachtungen haben ergeben, dass die meisten Weibchen den Brutplatz kurz nach der Eiablage verlassen. Da es für die Rückwanderung in ihre nordafrikanischen Überwinterungsgebiete wahrscheinlich noch zu früh ist, vermuteten Ornithologen schon lange, dass die Weibchen auf der Suche nach weiteren Paarungsmöglichkeiten an einen anderen Ort ziehen. Keines dieser Tiere wurde jedoch jemals verfolgt, um diese Vermutung zu bestätigen. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz (MPI-BI) hat in einer neuen Studie weibliche Mornellregenpfeifer mithilfe von Satellitensendern verfolgt und dabei interessante Verhaltensmuster entdeckt.

Reiselust statt Babyfrust

„Traditionell geht man davon aus, dass Zugvögel ihre großen Wanderungen zwischen den Überwinterungs- und Brutgebieten unternehmen und die Brutzeit eine weitaus sesshaftere Phase des Jahres darstellt“, sagt Peter Santema, Postdoktorand am MPI-BI und einer der Erstautoren der Studie, die in Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde. „Wir haben nun gezeigt, dass weibliche Mornellregenpfeifer in nur einem Sommer Hunderte Kilometer zwischen ihren Brutplätzen zurücklegen können. Interessanterweise haben wir diesen Verhalten bereits bei den Männchen anderer Watvögel beobachtet, bei denen die Weibchen die Jungvögel allein aufziehen. Demnach scheint bei Arten, bei denen ein Geschlecht die Aufzucht allein übernimmt, das andere Geschlecht in einem Ausmaß nach weiteren Paarungsmöglichkeiten zu suchen, das wir uns bisher nicht vorstellen konnten. Diese Erkenntnis wirft neue Fragen auf: Wie nutzen weibliche Mornellregenpfeifer die Landschaft? Was bedeuten diese Bewegungen für ihren Fortpflanzungserfolg? Und wie verbinden sie möglicherweise Populationen, die Feldforschende lange Zeit getrennt untersucht haben?“

Zwei braun-schwarz-weiß gemusterte Vögel stehen in einer kargen Landschaft

Weibliche Mornellregenpfeifer sind prächtiger als die Männchen

Mutterpflichen? Ab in die Alpen!

Das Team stattete 21 weibliche Mornellregenpfeifer mit zwei Gramm schweren, solarbetriebenen Satellitensendern aus und verfolgte ihre Bewegungen während der gesamten Brutzeit. Die Vögel wurden über drei Saisonen hinweg auf der Hochebene Hardangervidda im Süden Norwegens, sowie an Zugrastplätzen in den italienischen Alpen markiert. Während des etwa siebenwöchigen Zeitraums, in dem weibliche Mornellregenpfeifer typischerweise ihre Eier legen, ließen sich die einzelnen Weibchen an ein bis fünf verschiedenen Standorten nieder, wobei der Median bei drei Standorten lag. Aufeinanderfolgende Orte lagen in der Regel weniger als 100 km voneinander entfernt, doch ein Weibchen legte zwischen zwei Aufenthalten 973 km zurück, die größte Reichweite betrug insgesamt 1.343 km.

Die Bewegungen der Vögel folgten einem saisonalen Muster. Zu Beginn zogen die Weibchen überwiegend nach Norden. Möglicherweise folgten sie der sich zurückziehenden Schneegrenze, da sich in dem Zuge neue Brutgebiete auftaten. Später ließ das nach Norden gerichtete Muster nach und die Wanderungen wurden kürzer. Möglicherweise suchten die Weibchen eher lokal nach Männchen, deren frühere Brutversuche gescheitert waren. Die Wanderungen der weiblichen Mornellregenpfeifer waren geringer als die der Männchen polygamer Arten – ein Unterschied, der den höheren Aufwand widerspiegelt, den die Weibchen aufbringen müssen: Männchen benötigen nur eine einzige Paarung, um sich an einem Ort fortzupflanzen. Weibchen hingegen gehen eine kurzfristige Paarbindung ein und müssen ein volles Gelege ablegen.

Reue? Rückkehr nach Wochen

Interessanterweise verweilten die Weibchen an ihrem letzten Standort im Median 41 Tage – weitaus länger als die kurzen Aufenthalte an früheren Standorten. Zwei Weibchen kehrten zudem an einen Standort zurück, den sie bereits verlassen hatten, eines davon nach zwanzig Tagen und aus einer Entfernung von 382 km. Frühere Studien haben gezeigt, dass an einigen Nestern die Brutpflege von Mornellregenpfeifer-Weibchen erfolgt und am häufigsten gegen Ende der Saison sowie am nördlichen Rand des Verbreitungsgebiets auftritt. Diese Beobachtungen legen nahe, dass es sich bei einigen der langen, letzten Aufenthalte um Weibchen handeln könnte, die dazu übergehen, ein Gelege zu bebrüten. Allerdings lassen sich solche Verhaltensweisen allein anhand von Satellitendaten nur schwer interpretieren. Um das Brutverhalten weiblicher Mornellregenpfeifer vollständig zu verstehen, sind Feldstudien erforderlich. Nur solche können erneute Paarungen und die Brutpflege durch Weibchen zweifelsfrei nachweisen.

Herausforderung für die Wissenschaft

„Lokale Populationen von Mornellregenpfeifern könnten tatsächlich auf eine Weise miteinander verbunden sein, die wir bisher übersehen haben – und zwar indem dieselben Weibchen zwischen weit voneinander entfernten Standorten hin- und herziehen“, sagt Bart Kempenaers, Leiter der Abteilung für Ornithologie am MPI-BI und einer der Erstautoren der Studie. „Die Wanderungen und das Brutverhalten dieser wunderschönen Vögel veranschaulichen, wie die Welt miteinander verbunden ist: Ihr Jahreszyklus erstreckt sich vom Hochland und der Tundra Nordeuropas und Russlands bis hin zu den Halbwüsten Nordafrikas. Die Kombination von Ortungsdaten mit Feldforschung an den Brutplätzen ist der nächste Schritt, um herauszufinden, was diese Wanderungen für die Evolution der Paarungssysteme bedeuten. Außerdem müssen wir mehr Vögel in verschiedenen Regionen mit Sendern ausstatten, um besser zu verstehen, wie ihre Populationen miteinander verbunden sind. Wir haben gelernt, dass uns selbst gut erforschte Vögel immer noch überraschen können.“

 

Die vollständige Studie in englischer Sprache finden Sie hier


Bildquelle: Terje Lislevand




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