Silvester ist vorbei, aber die Rechnung dafür, dass viele „einfach mal die Sau raus“ gelassen haben, ist noch längst nicht beglichen. Einen Teil davon zahlen unsere Flüsse, wie der Rhein: Hier treibt der teilweise giftige Müll aus Böllern, Krachern und Batterien noch immer in Richtung Nordsee. An Köln vorbei treiben einer Studie zufolge jedes Jahr zwischen 3.000 und 4.700 Tonnen Müll von mindestens einem Zentimeter Länge.
Was viele für ein Randphänomen halten, ist inzwischen messbar: Mehr als zehn Prozent des im Rhein erfassten Makromülls stammt direkt von Feuerwerk. Holzstäbe, Abschussreste, Fragmente, zurückgelassen nach einer einzigen Nacht. In der ersten Messung nach dem Jahreswechsel 2022/2023 war die Müllmenge im Rhein sogar dreimal so hoch wie im jahresweiten Durchschnitt. Kein anderes Ereignis hinterließ eine vergleichbare Menge.
Diese Zahlen stammen nicht aus einer Momentaufnahme, sondern aus einer der bislang umfassendsten Langzeitmessungen zu Flussmüll in Europa. Über 16 Monate hinweg wurde der Rhein bei Köln kontinuierlich überwacht. Tausende Müllteile wurden eingesammelt, sortiert, gewogen und kategorisiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Rhein ist ein Sammelbecken für alles Mögliche, was in der Landschaft liegen bleibt, und ein Beschleuniger für das, was zerbricht und weiter verteilt wird. Jährlich transportiert er Millionen einzelner Müllteile und mehrere tausend Tonnen Material Richtung Nordsee.
Nach Stückzahl dominiert Plastik, nach Gewicht spielen auch Holz, Glas und Metall eine Rolle. Besonders auffällig sind kleine, fragmentierte Einwegprodukte. Was einmal im System ist, bleibt dort lange, nur in immer kleinerer Form.
Bemerkenswert ist auch, wer diesen Müll verursacht: Mehr als die Hälfte der identifizierbaren Abfälle stammt aus dem Bereich privater Konsumentinnen und Konsumenten. Industrie, Verkehr oder Schifffahrt spielen hier eine vergleichsweise geringe Rolle. Flussmüll ist damit weniger ein Problem „der anderen“, sondern das Ergebnis unserer alltäglicher Entscheidungen, inklusive gewisser „Orgien“, wie Silvester.
Was wird unternommen, um diesen Müll zu verhindern oder zumindest zu begrenzen? Die Antwort ist vielschichtig und ernüchternd.
Es gibt technische Ansätze: Im Rhein kommen feste Fangsysteme zum Einsatz, die schwimmenden Müll abfangen, bevor er weiter flussabwärts treibt. Solche Anlagen liefern Daten und holen tausende Teile aus dem Wasser, bleiben aber teuer und erfassen nur einen Teil, gerade kleinere Fragmente entgehen ihnen.
Daneben setzen Kommunen und Initiativen auf gezielte Reinigungsaktionen, etwa nach Großereignissen oder bei Hochwasserphasen. Die Studie zeigt, dass steigende Abflüsse besonders viel Müll mobilisieren. Leider kann bei „Rama Dama“-Aktionen nur das aufgesammelt werden, was auch erreichbar ist – und das endet meist an der Wasserkante. Was einmal schwimmt, lässt sich von Hand kaum vollständig zurückholen.
Ein weiterer Ansatz liegt in der Regulierung einzelner Produkte. Auf EU-Ebene wurden bestimmte Einwegkunststoffe bereits verboten oder verändert. Für den Rhein bedeutet das tatsächlich messbare Entlastungen!
Feuerwerk fällt bislang jedoch weitgehend durch dieses Raster – obwohl es nachweislich relevante Müllmengen verursacht und die Umwelt sowie vor allem die Tierwelt massivst durch Lärm, Feinstaub und Schadstoffe belastet.
Die Daten aus der Studie zeigen klar, dass ein großer Teil des Problems auf ein paar wenige Produktgruppen zurückgehen. Hier kann man also ansetzen: Würden diese reduziert oder reguliert, ließe sich Flussmüll verhindern, bevor er gesammelt, gefiltert oder mühsam geborgen werden muss. Der Rhein macht damit sichtbar, was oft verdrängt wird: Technische Lösungen können Symptome lindern, aber sie ersetzen keine politischen Entscheidungen. Silvester dauert eine Nacht. Die Reste davon treiben noch lange weiter flussabwärts und landen schlussendlich im Meer.
Einen aktuellen Beitrag zum Silvestermüll im Rhein können Sie hier nachlesen
Die original Studie in englischer Sprache finden Sie hier
Eine Pressemeldung der Uni Bonn zur Studie in deutscher Sprache können Sie hier nachlesen
In Köln sammelt das Projekt K.R.A.K.E. e. V. mit einem technischen Gerät Müll aus dem Fluss. Alle Infos und Daten dazu finden Sie hier
Bildquelle: Simon Taal
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