Ganz ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal an Seeigel gedacht? Dabei ist das eine wunderschöne, eigentümliche, evolutionär hoch erfolgreiche Tiergruppe, die in allen Weltmeeren vorkommt. Aber wer hat diese Wesen schon auf dem Radar, außer man tritt im Badeurlaub versehentlich auf eins drauf? Das neue Buch „Seeigel – Stachelige Schönheiten“ aus dem Dr. Friedrich Pfeil Verlag führt sie uns in ihrer ganzen Außergewöhnlichkeit vor Augen.
Genau wie bei ihren Verwandten, den Seegurken, ist man sich als Laie erstmal nicht sicher, ob so ein Seeigel eigentlich Pflanze oder Tier ist. Denn nach außen ist da nicht viel Tierhaftes: Keine Augen, keine Ohren – wo ist da überhaupt der Kopf? – keine erkennbaren Beine oder Füße… also doch ein Gewächs? Man könnte sagen: Seeigel sind Tiere „in a nutshell“, also eine echt reduzierte Form von tierischem Leben. Diese Wirbellosen bestehen – neben den namenprägenden Stacheln – vor allem aus einem kalkhaltigen Plattenskelett, in dem sich die Organe verbergen. Es gibt zwar einen Mund und einen Darmausgang, aber selbst die äußeren Fortpflanzungsorgane sind auf kleine Warzen reduziert. Dafür lässt einen die Ästhetik der Strukturen nur staunen – siehe Bildslider unten.
Den Stachelhäutern fehlen ein zentrales Nervensystem und ein Gehirn. Muskeln haben sie nur an wenigen strategischen Stellen. Dafür verfügen sie über ein so genanntes Ambulakralsystem, was eben nur bei Stachelhäutern vorkommt und dessen Bauplan und Funktion echt alienmäßig wirken: Es ist ein hydraulisches Kanalsystem, das mit einer proteinhaltigen Flüssigkeit gefüllt ist, mit dem Meerwasser in Verbindung steht und so Druck regulieren und im Körper verteilen kann. Zu diesem System gehören tentakelartige Außenfüßchen, die von manchen Arten zur rudimentären Fortbewegung, zum Einstrudeln von Nahrung und ähnlichem genutzt werden.
Lange, spitze Stacheln hat übrigens bei weitem nicht jeder Seeigel – es gibt auch welche mit griffelartigen, dicken und welche mit kurzen, dichten Stacheln, die eher wie Fell aussehen. An ihrer Basis gibt es Muskeln, die sie steuern. Die Stacheln können nicht nur zur Abwehr, sondern sogar zur Fortbewegung, zu einer Art Tarnung oder zum Freihalten des Körpers von Sedimenten genutzt werden.
Spektakulär an Seeigeln ist auch die „Laterne des Aristoteles“. Versuchen Sie sich gar nicht erst vorzustellen, was das sein könnte, Sie kommen nicht drauf! Die Laterne bildet nämlich den Mund dieser Wirbellosen. Sie ist ein Konstrukt aus durchschnittlich 40 Kalkelementen, die von 60 Muskeln zusammengehalten und bewegt werden. Dass sie im Aufbau einer Laterne ähneln, wurde angeblich von Aristoteles in seiner „Naturgeschichte der Tiere“ so benannt.
Wir könnten jetzt hier noch eine Weile so weitermachen mit den unglaublich faszinierenden Details, die man dank Thiel und seinen Mitautoren Luis Pauly und Prof. Jes Rust aus diesem Buch über Seeigel erfährt. Es basiert auf einer Ausstellung, die vor allem auf der privaten Sammlung des Orthopäden und leidenschaftlichen Paläo-Forschers Volker Thiel entstand. Seine Sammlung umfasst etwa 30.000 bis 40.000 fossiler Exemplare sowie weitere 4000 Seeigel der etwa 950 noch lebenden Arten.
Das Buch hat uns als Leser schon beim ersten Eindruck als wertiges Hardcover mit hoch ästhetischen Aufnahmen des Fotografen Georg Oleschinski beeindruckt. Gleich die ersten Seiten bestehen aus spektakulären Bildtafeln, die Vergrößerungen der vielfältigen Strukturen und Farben von Seeigelskeletten zeigen, in die man sich wirklich lange vertiefen kann (zum Beispiel die des Kaiserlichen Lanzenseeigels, dessen Skelett original aussieht wie ein Werk der Rokoko-Zeit, aus Porzellan im Zuckerbäckerstil gefertigt…). Unser einziger Wunsch wäre gewesen, hier auch die deutschen Namen der Tiere zu nennen.
Der Pfeil-Verlag hat sich und dem Leser insgesamt Raum gegönnt in diesem Werk: Schrift und Abbildungen sind angenehm groß, die Kapitel kurz und auch für mittelprächtig gebildete Laien gut verständlich. Je weiter man nach hinten vordringt, desto wissenschaftlicher geht es zu mit den Porträts einzelner Arten, ihrer Zuordnung zu bestimmten Erdzeitaltern oder dem Vorkommen von Fossilien an einzelnen Orten. Ganz hinten sind einzelne Seiten noch den Themen „Bionik“, „Delikatesse“ und „Bedrohung“ gewidmet.
Wir sind mit dem Genuss dieses gehaltvollen Buches noch lange nicht fertig und können ihm nur wünschen, dass es unter möglichst vielen Weihnachtsbäumen biologisch und paläontologisch interessierter Menschen landet.
VB
Ein Faltblatt mit allen Infos zum Buch finden Sie hier
Bildquelle: Verlag Dr. Friedrich Pfeil
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