Blogpost
Montag, 23. März 2026

Scrollicon
Vögel und Windkraft: Was neue Daten wirklich zeigen
23. März 2026, 16:37    office@wildes-bayern.de

Vögel und Windkraft: Was neue Daten wirklich zeigen


Egal ob Gemeinderat, Pressemitteilungen und oder Planungsunterlagen: Häufig wird behauptet, dass Windkraftanlagen kaum einen Einfluss auf Vogelarten haben und eine „vergleichsweise“ geringe Gefahr darstellen im Vergleich zu Katzen und Glasscheiben.

Solche Mythen halten sich hartnäckig, obwohl sie die artspezifischen Risiken für Großvögel ignorieren. Wer gerne draußen unterwegs ist, im Wald, an Feldrändern oder in Schutzgebieten, spürt den Konflikt: Einerseits brauchen wir erneuerbare Energien, andererseits sollen unsere letzten Rückzugsräume für Wildtiere nicht zu Industrieflächen werden.

Besonders in Wäldern, SPA-Gebieten und Naturschutzgebieten stellt sich die Frage, wie vereinbar Windkraft mit Arten wie Uhu, Rotmilan und anderen Großvögeln überhaupt ist. Neue Studien zeigen klar: Windenergieanlagen sind für Großvögel keine harmlose Kulisse im Landschaftsbild, sondern stellen ein konkretes Tötungsrisiko dar, und dieses Risiko hängt sowohl vom Standort als auch vom Anlagentyp ab.

Greifvögel und Eulen sind besonders gefährdet, weil sie häufig im für sie optimalen Jagd- und Gleitflugbereich genau dort unterwegs sind, wo sich heute die Rotoren vieler moderner Anlagen drehen. Wenn solche Anlagen zusätzlich in bisher relativ ungestörte Lebensräume hineingebaut werden, etwa in Wälder oder Schutzgebiete, geraten Arten unter Druck, die auf Ruhe, große Aktionsräume und sichere Brutplätze angewiesen sind.

Größerer Rotor = größere Gefahr

Wie sich das konkret auswirkt, zeigt eine 2025 in Biological Conservation veröffentlichte Studie zu Rotmilanen. Zwischen 2017 und 2024 wurden europaweit 41 sicher belegte Kollisionen von GPS-besenderten Rotmilanen mit Windenergieanlagen dokumentiert. Hier ist jeweils genau bekannt, wo und wann der Vogel am Mast zu Tode kam.

Die Forschenden vergleichen Situationen, in denen Rotmilane innerhalb von 500 Metern um Anlagen kollidiert sind, mit Flugbewegungen derselben Vögel im gleichen Umfeld ohne Kollision. So lassen sich Faktoren herausarbeiten, die das Risiko erhöhen oder verringern.

Besonders ausschlaggebend scheinen dabei zwei technische Größen zu sein: Rotordurchmesser und Rotorunterkante. Je größer der Rotordurchmesser, desto höher die Kollisionswahrscheinlichkeit. In der Modellierung führt eine Zunahme um 25,5 Meter zu einem etwa fünfmal höheren Kollisionsrisiko. Um diesen Effekt auszugleichen, müsste die Rotorunterkante um rund 19 Meter angehoben werden, weniger Anlagen allein genügt nicht.

Gleichzeitig zeigt sich: Höhere Rotorunterkanten senken das Risiko, weil sich die Rotorfläche weniger mit dem typischen Flugraum der Rotmilane zwischen etwa 5 und 60 Metern Höhe überschneidet, in dem sie jagen und segeln.

Die Studie kommt deshalb zu dem Schluss, dass Anlagen mit maximal etwa 90 Metern Rotordurchmesser und mindestens rund 60 Metern Rotorfreiheit für Rotmilane ein vergleichsweise geringeres Risiko darstellen, vorausgesetzt, sie stehen nicht mitten in wichtigen Brut- oder Nahrungshabitaten.

Mehr Windkraftanlagen = weniger Rotmilane

Eine zweite Arbeit, veröffentlicht 2019 im Magazin DER FALKE und vom NABU aufgegriffen, schaut auf die Bestandsentwicklung. Sie verknüpft Daten zur Rotmilan-Dichte aus 285 Landkreisen mit der jeweiligen Dichte an Windkraftanlagen. Das Bild ist deutlich: In Landkreisen ohne Windräder nahmen die Rotmilan-Revierpaare im Zeitraum 2005–2009 zu 2010–2014 im Mittel um etwa 0,76 Reviere pro TK25-Blatt zu.

In Landkreisen mit hoher Anlagendichte kippt der Trend. Ab etwa 0,15 Anlagen pro Quadratkilometer werden Bestandsabnahmen registriert. Statistisch ergibt sich eine hochsignifikante negative Korrelation zwischen Windkraftanlagendichte und Bestandstrend. Während der Rotmilan in vielen Nachbarländern zunimmt, sind es ausgerechnet die windkraftreichen Regionen im nordöstlichen und mittleren Deutschland, in denen die Bestände zurückgehen – in dem Land, das etwa die Hälfte des Weltbestandes der Rotmilane trägt.

Erhöhtes Tötungsrisiko für sensible Arten

Für Menschen, die jagdlich unterwegs sind oder sich für Natur- und Vogelschutz begeistern, lässt sich daraus einiges ableiten.

Windkraftanlagen sind nicht nur ein optischer Eingriff, sondern verändern Lebensräume und erhöhen das Tötungsrisiko für sensible Arten. Besonders problematisch wird es dort, wo ohnehin viel Vogelaktivität herrscht, etwa entlang von Waldkanten, über Freiflächen im Wald, in SPA-Gebieten oder nahe Brut- und Nahrungsrevieren von Greifvögeln.

Wer solche Projekte kritisch hinterfragt, argumentiert also nicht „gegen die Energiewende“, sondern für eine Planung, die Rückzugsräume respektiert, sensible Gebiete konsequent ausnimmt und Turbinen so gestaltet, dass sie den Flugraum unserer Großvögel so wenig wie möglich schneiden.

Die beiden original Studien finden Sie hier (englischsprachig zu Rotmilan, Rotorgröße und – höhe) und hier (Zusammenhang WKA-Dichte und Bestandstrends)

 




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden Sie hier:

PFAS aus Windrädern? Verband schlägt Alarm

Urteil: Windkraftanlagen im Vogelschutzgebiet rechtswidrig

Junge Rotmilane mögen Schlaf-WGs

Fatal attraction: Windkraftanlagen als Magnet für Fledermäuse

Jetzt nachrüsten: Vogelschutz-Folie für Ihre Fenster daheim

Erneuerbare Energien: Planungen frühzeitig beeinflussen!

UPDATE Windkraft Öttinger Forst: Vortrag von Christine Miller

Podcast der Boku zu Wildtieren und Energiewende

UPDATE – Das ökologische Desaster in Grimms Märchenwald

BaySf-Gewinnmeldung: Kasse statt Klasse

Windräder: Nicht nur Tropenholz und PFAS, sondern auch Mineralöl

UPDATE Windräder wider Vogelschutz: Neues Gerichtsurteil

UPDATE Kippen die windschwachen Standorte in Bayern? Koalition prüft

Adler gegen Stromleitung – jetzt hilft eine Risikokarte

Windkraftpläne in Tirol ökologisch höchst bedenklich

26. Februar – Online-Vortrag zu Vogelschlag an Glas

Vogelschutz an moderner Stadtimmobilie – und daheim!

UPDATE Fledermäuse: Große Probleme mit erneuerbaren Energien

„Der Schwarm“ lässt grüßen – Norwegens Tiefseebohrungen erstmal gestoppt

UPDATE Vogelschlag – eine Million Opfer allein in München

UPDATE Weitere Demos gegen Windkraft im Wald

Blankensteinhütte – Anzeige von Wildes Bayern läuft seit Mai

Internationale Forscher: Windräder weg vom Wald!






Aktuelle Informationen



SAVE THE DATE: 20. Juni Mitgliederversammlung Hier zum Vormerken schonmal der Termin der Wildes Bayern-Mitgliederversammlung: Wir treffen uns am 20. Juni 2026 im Gasthof Neuwirt in…

Samstag, 25. April 2026
Jetzt lesen
Jetzt noch anmelden: Tagung zu Bestäubern in der Agrarlandschaft In Linz in Oberösterreich findet am 20. Mai eine Tagung zur Vielfalt in der Agrarlandschaft statt. Konkret geht es darum,…

Samstag, 25. April 2026
Jetzt lesen
Über 80 Verbände fordern mehr Unterstützung für Beweidung Mehr als 80 Verbände aus dem Bereich der Grünlandbewirtschaftung und des Landschaftsschutzes, darunter auch der Deutsche Verband für Landschaftspflege, die…

Freitag, 24. April 2026
Jetzt lesen

Mitglied werden