Unsere Insekten stehen immer wieder im Fokus der Wissenschaft, nicht zuletzt, weil ihnen als Bestäuber zahlloser Nutzpflanzen eine entscheidende Rolle zukommt. Bekannt ist deshalb schon, dass ihr Vorkommen sich auf viele Arten fördern lässt, etwa durch Blühstreifen am Ackerrand oder insektenfreundlich gepflegte Grünflächen in der Stadt.
Aber wie schaut das in Naturschutzgebieten aus, wo ja mangels regulärer Nutzung ganz andere Grundbedingungen gegeben sind? Wirken die Pflegemaßnahmen in Schutzgebieten überhaupt – und wenn ja, für welche Arten? Eine europaweite Datenstudie ging dieser Frage nach.
Das Team hat die Rohdaten von 34 Originalstudien aus zehn europäischen Ländern neu ausgewertet. Sie umfassten 639 Untersuchungsflächen in Grünland, Wäldern, Schilfbeständen und Sandgruben. 91 Prozent der Datensätze stammen aus Natura-2000-Gebieten.
Verglichen wurde jeweils eine bestäuberfreundliche Maßnahme – extensive Mahd oder Beweidung, Mulchen, Ansaat oder die Schaffung von Waldlichtungen – mit einer konventionell gepflegten Kontrollfläche. Die Ergebnisse sprachen eine klare Sprache: Signifikant positiv wirkten die Maßnahmen auf die Vegetationshöhe sowie auf Abundanz und Artenzahl von Wildbienen (ohne Hummeln) und Tagfaltern. Auch die Gesamtzahl aller Bestäuber stieg leicht an.
Hummeln, Honigbienen, Schwebfliegen und Käfer reagierten dagegen neutral – ebenso das Blütenangebot, das sich nicht so deutlich steigern ließ wie erhofft. Auf gesammelter Ebene fand sich kein einziger negativer Effekt.
Dass die Ergebnisse in Schutzgebieten weniger spektakulär aufallen als in Städten oder Agrarlandschaften, hat eine logische Erklärung: den sogenannten „baseline effect“. Während eine neu angelegte Blühfläche in einer ausgeräumten Agrarlandschaft einen massiven Unterschied macht, fällt der relative Zuwachs in einem ohnehin intakten Lebensraum naturgemäß geringer aus. Hinzu kommt, dass etablierte Pflanzengemeinschaften träge auf Managementänderungen reagieren – eine reduzierte Mahdfrequenz allein verändert das Blütenangebot anfangs kaum.
Die wichtigste Lehre der Studie: Was in Städten und auf Äckern funktioniert, lässt sich nicht einfach auf Schutzgebiete übertragen. Dort hängt erfolgreiche Bestäuberförderung deutlich stärker vom konkreten Lebensraumtyp, von der Nutzungsgeschichte und von den Zielarten ab. Die Forscher*innen plädieren für mehr Mut zu moderaten Störungen: Traditionelle, kleinteilige Nutzungsformen sind vielerorts verschwunden, die verbliebenen Eingriffe werden immer uniformer. Konkret heißt das als Ratschlag: Mosaikmahd mit Altgras- bzw. Rückzugsstreifen, die als Refugien stehen bleiben, ebenso wie Rotations- und Niedrigintensitätsbeweidung, die für eine heterogene Vegetationsstruktur mit Nistplätzen und Nahrungsangebot sorgt.
Besonderes Potenzial liegt im Wald: In dichten, mittelalten Wirtschaftswäldern fehlen Blüten fast vollständig, und genau dort zeigten Lichtungen, kleine Freistellungen und besonnte Waldränder die deutlichsten positiven Effekte. Auch Sandgruben und Schilfbestände verdienen mehr Aufmerksamkeit, denn sie bieten besondere Lebensräume, die im Management häufig übersehen werden.
Schutzgebiete bleiben das Rückgrat des Biodiversitätsschutzes. Die Studie zeigt aber, dass ihr Management bisher nur selten explizit auf Bestäuber ausgerichtet ist – Wildbienen und Schwebfliegen fehlen beispielsweise vollständig in Anhang IV der FFH-Richtlinie. Einschränkend gilt: Die Daten stammen überwiegend aus Mitteleuropa, und die Studiendesigns sind sehr heterogen. Belastbarere Aussagen brauchen langfristige, gezielte Experimente – gerade in Schutzgebieten.
Die original Studie „Synthesis of Pollinator-Friendly Management in European Protected Areas“ in englischer Sprache finden Sie hier
Und hier finden Sie ein aktuelles Video der Universität Hohenheim, die weiter an Insektenscheuchen für die Mahd forscht
Meldung vom 21. Juli 2026
Zwei Wissenschaftlerinnen unter dem Dach der Universität Bayreuth haben sich der Frage gewidmet, wie eine Mahd von städtischen Grünflächen am verträglichsten für Insekten durchgeführt werden kann. Konkret betrachteten sie Bereiche, die als Überwinterungsräume für Insekten im Herbst stehen gelassen wurden, und hinterfragten, wann im Frühjahr der geeignetste Zeitpunkt ist, sie abzumähen. Ihre Studie, die die Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) online veröffentlicht hat, zeigt, dass die Frühjahrsmahd möglichst spät erfolgen sollte, und mündet in nützliche Tipps für Kommunen für ein insektenfreundliches Grünflächenmanagement.
Bisher gilt es als besonders insektenschonend, wenn eine Grünflächenmahd möglichst spät im Jahr erfolgt und außerdem mit modernen, entsprechenden Mähgeräten ausgeführt wird, und zwar möglichst in Form einer Mosaik- oder zeitlich gestaffelten Mahd. Aber wie sollte das genau aussehen?
Die Studie untersuchte zehn sonnenexponierte und extensiv gepflegte Grünflächen unterschiedlicher Größe im Stadtgebiet von Bayreuth. Diese werden zweimal jährlich abschnittsweise gemäht. Im Herbst wird dabei auf einem Fünftel der Fläche die Vegetation stehen gelassen, um als Überwinterungsrefugien bis zum folgenden Sommer zu dienen. Diese Flächen waren das Ziel der Untersuchung.
Die Ergebnisse zeigten, dass eine zu frühzeitige Mahd im Jahr nach der Überwinterung den Verlust zahlreicher, noch nicht geschlüpfter Insektenindividuen bedeuten kann. Die Untersuchung der beiden Forscherinnen bestätigte dies unter anderem anhand der Schlupfzahlen von Insektenlarven: Auf den zehn Versuchsflächen innerhalb der Stadt Bayreuth zählten sie im Verlauf ihrer Studie insgesamt 1538 Insektenindividuen. Bis Ende April waren davon erst rund 40 Prozent geschlüpft, bis Ende Mai fast 68 Prozent.
„Unsere Studie stützt damit die Empfehlung, Überwinterungsrefugien so lange wie möglich, etwa bis Anfang Juli, ungemäht zu lassen, um eine hohe Insektenvielfalt zu fördern und möglichst vielen Ordnungen ein weitgehend vollständiges Schlüpfen aus der Vegetation zu ermöglichen“, schreiben die Forscherinnen in ihrem Beitrag. „Zur praktischen Umsetzung dieser Erkenntnisse kann die Sommermahd von Wiesen oder Grünflächen mit Insektenschutzstreifen oder Überwinterungsrefugien in den Juli verschoben werden.“
Im Zuge der Herbstmahd können dann wiederum andere Flächenteile der Wiese ungemäht bleiben, die als nächste Überwinterungsrefugien für Insekten zur Verfügung stehen. Diese Mosaik- oder gestaffelte Streifenmahd berücksichtigt so die unterschiedlichen Ansprüche von Pflanzen und Insekten.
Den vollständigen Beitrag der ANL können Sie hier herunterladen
Bildquelle: Wildes Bayern
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