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Mittwoch, 29. Juli 2026

Scrollicon
Ein Fischotter schaut vom Wasser aus aufs grasbewachsene Ufer
29. Juli 2026, 16:48    office@wildes-bayern.de

Fischotter – weit mehr als ein Problemfall


Vom Fischotter hören wir derzeit eigentlich mehr aus der Politik als aus dem Naturschutz. Wieder und wieder scheitern so genannte Fischotter-Verordnungen in Bayern vor Gericht – also Verordnungen, die die „vierte Säule“ des Fischottermanagements regeln sollen, nämlich die Entnahme. Aber über welche Tierart reden wir hier eigentlich?

Unser Europäischer Fischotter ist eine von 13 Wassermarderarten und  eines der am weitesten verbreitete Säugetier der Nordhalbkugel. Sein Verbreitungsgebiet grenzt im Norden an die Tundren Skandinaviens und Russlands und reicht im Süden bis nach Nordafrika, Südostasien. Im Westen gibt es „unseren“ Fischotter in Irland und im Osten findet man die Art in Vietnam, Taiwan und Japan. Nur in der Mitte, in einem breiten Streifen von Dänemark, über die Niederlande, Belgien, den Osten Frankreichs nach Deutschland, die Schweiz, Österreich bis in die Mitte Italiens klafft eine Lücke: Hier wurden Fischotter durch Verfolgung, Gewässerausbau und Schadstoffeintrag aus Industrie und Landwirtschaft ausgerottet. Jetzt sind sie gerade dabei, diese Gebiete wiederzubesiedeln.

Wendig, schnell und hungrig

Der Fischotter ist mit seinem stromlinienförmigen, schlanken Körper perfekt an das Leben im Wasser angepasst. Er schwimmt schnell und wendig mit Hilfe des runden, kräftigen Schwanz, der Schwimmhäute an den Branten und den verschließbaren Nasen- und Ohrenöffnungen. Tauchgängen können drei bis sieben Minuten dauern! Mit angelegten Vorderbeinen schwimmt er wie ein Delfin im „Butterfly-Stil“ und orientiert sich in klarem Wasser mit den Augen, deren Linse für das Sehen in Wasser entsprechend gekrümmt ist. Bei Dunkelheit oder trübem Wasser  kann er die Bewegung seiner Beute mit den sensiblen Barthaaren erfühlen. Sein dichtes Fell weist bis zu 50.000 Haare pro Quadratzentimeter auf – etwa doppelt so viel wie beim Biber – und hält auch in kaltem Wasser den schlanken Körper warm. Dicke Fettpolster kann er nicht anlegen, da das seine Jagdfähigkeit und Schnelligkeit vermindern würde.

Und hier liegt die Achillesferse des Fischotters. Sein langer Körper muss stets mit ausreichend Nahrung versorgt werden. Sein Stoffwechsel zwingt ihn, täglich etwa 15 Prozent seines Körpergewichts als Nahrung aufzunehmen – je kälter das Wasser, desto mehr. Das bedeutet bei einer Temperatur von zehn Grad Celsius in einem Fluss oder See, dass der Otter mindestens 100 Gramm Fisch pro Stunde fangen muss, um zu überleben.

Vor allem nachts und in der Dämmerung ist der Fischotter daher mindestens drei bis fünf Stunden pro Tag auf Fischfang; Fähen mit Jungen sogar bis zu 8 Stunden. 20 Prozent ihrer Tageszeit müssen sie auf die Fellpflege verwenden und mindestens ein Viertel des Tages sich ausruhen und Kräfte sammeln. Bricht das Beuteangebot ein, trifft das den Wassermarder empfindlich.

Fischgesteuert

Dabei können Fischotter nicht nur Fische erbeuten. Auch Krebse, kleine Wasservögel, Reptilien und Säugetiere bis zur Bisamgröße gehören zum Beutespektrum. Allerdings haben Fische mit 5,5-6 kJ pro Gramm im Vergleich zu Krebsen (4 kJ/g) oder Amphibien (2,8-3,4 kJ/g) die höchste Energiedichte. Sie sind leichter zu verspeisen, weil sie weniger unverdauliche Körperteile haben als Krebse, und in der Regel häufiger und langsamer als Entenküken oder Bisamratten. Das Angebot an Fischen, wie Karpfen, Barben, Groppen, Nasen, Äschen oder Huchen und gelegentlich auch Forellen bestimmt deshalb das Vorkommen und die Häufigkeit des Fischotters. Der Lebensraum ist optimal, wenn die Fischproduktion mindestens 100 Kilogramm pro 100 Hektar Gewässerfläche beträgt. Bei weniger als 50 kg/100ha reicht es für einen Fischotterbesatz kaum noch aus.

Das erklärt zum Teil den Bestandseinbruch des Fischotters im 19. und 20. Jahrhundert in Europa und die mal rasante, mal langsamere Wiederbesiedlung verlorener Gebiete im Laufe der letzten 50 Jahre. Je vielfältiger die Ausstattung eines Gewässerabschnitts zum Beispiel mit Totholz, Hochstauden, Röhrichten oder Mäandern, desto mehr Fische und Fischarten können dort leben.

Das Wandern nicht des Otters Lust

Das ist entscheidend für die Fortpflanzungsrate der dort lebenden Fischotterpopulation. Wenn dann auch geeignete Rückzugsmöglichkeiten unter dichter Ufervegetation und gelegentlich fischreiche, tiefe Gumpen in einem Flussabschnitt zu finden sind, dann stecken Otterrüden und Fähen ihre Reviere ab. Solche Lebensräume sind Quellgebiete der Art für die Besiedlung neuer Gewässer. Junge Otter wandern ab und versuchen auch in weniger stabilen Bedingungen zu überleben. Fallen solche Flussabschnitte trocken oder nimmt der Fischreichtum ab, sind die Fischotter gezwungen auch abseits der Flussufer nach Beute zu suchen und teilweise große Entfernungen zurückzulegen. Dabei nimmt auch das Risiko zu, selbst als Beute zu enden, an Straßen zu verunfallen oder einfach zu verhungern.

Die nächtlichen Wanderstrecken zur Beutesuche können zehn bis 20 Kilometer bei Rüden und bis zu zen Kilometer bei Fähen betragen. Tagsüber ruhen die Tiere in einfachen Verstecken unter dichter Vegetation oder bei Fähen und Jungtieren in Wurfbauen. Dazu zweckentfremden die Weibchen auch schon mal verlassene Fuchs- oder Dachsbaue, bis zu 300 Meter vom Ufer entfernt.

Fortpflanzung ist auch eine Frage des Lebensraums!

Grundsätzlich können Junge das ganze Jahr über geboren werden, da auch die Ranz jederzeit möglich ist. In Deutschland werden die meisten Welpen aber zwischen März und Mai geworfen. Nach rund zwei Monaten verlassen sie den Bau und beginnen mit etwa drei Monaten auch zu schwimmen. Im Alter von einem Jahr können sie selbst für sich sorgen und verlassen dann das Revier der Mutter. Mit rund eineinhalb (Rüden) bis zwei Jahren (Fähen) sind Fischotter geschlechtsreif. Nur knapp zwei Drittel der Weibchen bringen Junge zur Welt, denn für den Einsatz bei der Fortpflanzung und deren Erfolg ist die Habitatqualität mitentscheidend.

Fischottermanagement – mehr gewollt als gekonnt

Trotzdem stehen die Weichen für den Wassermarder gut. Er wird weiter alte Lebensräume zurückerobern. Lebensräume, die sich inzwischen stark verändert haben und für seine Beutetiere, zuvorderst die Fische, meist nur gerade so optimal sind. Damit die Rückkehr des Fischotters nicht in einem weiteren Verlust von Fischarten mündet, müsste dieser Prozess überlegt und fachkundig begleitet werden. Die EU-Habitatrichtlinie (FFH) verbietet es schließlich den Mitgliedsstaaten, Fischotter zu fangen oder zu töten – mit eng begrenzten Ausnahmen. Und selbst diese Ausnahmen sind an eine Bedingung geknüpft: Die lokale Otterpopulation darf durch den Eingriff nicht gefährdet werden.

Wer da entnehmen will und keine guten Daten hat, verliert vor Gericht. Doch ein fachlich solides, transparentes Wildtiermanagement gibt es in Deutschland nicht. Stattdessen überlässt die Politik die Bestandserfassung ehrenamtlichen Vereinen oder schiebt die Verantwortung den Jägern zu. Das spart kurzfristig Geld – und kostet langfristig umso mehr. Wenn Fischottern auf Fischteiche treffen, wenn Naturschützer gegen Teichwirte streiten, dann rächt sich jahrelange Untätigkeit. Dann entsteht Aktionismus statt Lösung.

Monitoring ist leicht, Schätzungen sind schwierig

Dabei wäre Fischotter-Monitoring gar nicht so schwierig. Der Otter hinterlässt unverwechselbare Spuren: seine markanten Brantenabdrücke im Uferschlamm, seine süßlich duftenden Losung. Dazu kommen Fotofallen und DNA-Analysen aus Wasserproben. All das verrät zuverlässig, ob Otter in einem Gewässer leben. Hinzu kommt die moderne Methode der eDNA: Sie untersuchen Wasserproben auf winzige DNA-Spuren, die das Tier hinterlässt.

Doch für ein echtes Management braucht es mehr: Wie viele Tiere sind es? Wo und wann konzentrieren sie sich? Und würde eine gezielte Entnahme die lokale Population gefährden? Die Dichte entlang der verschiedenen Flüsse ist sehr unterschiedlich. Der beliebte „Kennwert“ von soundsoviel Tieren pro 100 Hektar als Richtzahl für Eingriffe ist auch beim Fischotter sinnlos und irreführend. Wie das Reh und der Hirsch kommen auch die Wassermarder  in ihrem Lebensraum „geklumpt“ vor. Eine durchschnittliche Otterdichte von 3-4 erwachsenen Tieren pro 100 ha sagt nichts darüber, dass an Fischteichgebieten die Otterdichte auch bei 10-12 Tieren liegen kann. Trotzdem liefert ein systematisches Monitoring, ob mit Fotofallen, Spurensuchen oder DNA langfristig eine gute Grundlage für die Bestandesschätzung. Sie muss nur großräumig erfolgen und über viele Jahre zur jeweils gleichen Jahreszeit. Je kleiner das Untersuchungsgebiet, umso eher überschätzt man den Fischotterbesatz.

Als stabil gilt eine Population erst dann, wenn mindestens 1.500 Tiere in einem großräumigen Gewässernetz miteinander vernetzt sind und alle geeigneten Lebensräume besetzt sind. Man spricht dann von einem günstigen Erhaltungszustand der Gesamtpopulation. Wer das aber nicht belegen kann, wird auch kein Otter-Management rechtssicher umsetzen können – das zeigen die Niederlagen vor Gericht.

CM

 

 




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