Unsere Gärten verändern sich: Wo früher große, oft vielfältige Flächen lagen, dominieren heute kleinere, stärker abgegrenzte Grundstücke. Viel Platz wird versiegelt oder intensiv gepflegt, Hecken werden gestutzt, Laub entfernt und jede Ecke ordentlich gehalten. Gleichzeitig schreitet das Artensterben rasant voran – oft so unauffällig, dass wir es erst bemerken, wenn vertraute Tiere plötzlich fehlen.
Dabei können gerade Gärten wichtige Rückzugsräume für die Natur sein. Das zeigte eindrucksvoll das Online-Seminar „Wilde Nachbarn – Wilde Gärten“ des Naturschutzbundes Österreich am 20. Mai. Naturnahe Gärten sind weit mehr als dekorative Grünflächen: Sie bieten Nahrung, Schutz und Lebensraum – für Regenwürmer ebenso wie für Wildbienen, Schwalben oder Glühwürmchen.
Wer an Gartenbewohner denkt, hat selten Regenwürmer im Sinn. Dabei bilden sie die Grundlage fruchtbarer Böden. Sie lockern die Erde, transportieren Nährstoffe und zersetzen abgestorbenes Pflanzenmaterial. Ohne sie gäbe es keinen lebendigen Boden.
Besonders faszinierend ist der seltene Smaragdregenwurm, der vor allem in Mischwäldern und alpinen Lebensräumen vorkommt und mit schillernden Farben überrascht. Weniger erfreulich entwickelt sich dagegen die Ausbreitung des Schwarzkopfregenwurms. Diese invasive Art kann massenhaft auftreten und sorgt mit ihrem schleimigen Kothaufen nicht nur für Unbehagen, sondern wird teils auch mit allergischen Reaktionen in Verbindung gebracht.
Regenwürmer zeigen vor allem eines: Der Boden lebt. Und wie wir ihn behandeln, entscheidet über die Vielfalt darüber und darunter.
Viele Pflanzen, die im Garten schnell als „Unkraut“ gelten, sind in Wahrheit wertvolle Nahrungs- und Heilpflanzen – für Menschen ebenso wie für Tiere.
Die Brennnessel gehört zu den großen Alleskönnern. Sie dient zahlreichen Schmetterlingsraupen als Futterpflanze und lässt sich selbst vielseitig verwenden – als Salat, Spinat, Tee oder sogar im Müsli. In der Volksmedizin gilt sie zudem als entzündungshemmend und stoffwechselanregend.
Auch Gundermann wird häufig übersehen. Seine violetten Blüten erscheinen früh im Jahr und liefern Wildbienen wichtige Nahrung. Gleichzeitig schützt er als Bodendecker den Boden vor Austrocknung und wird traditionell bei Beschwerden der Atemwege oder Verdauung eingesetzt.
Der widerstandsfähige Spitzwegerich begleitet Menschen seit Jahrhunderten als Heilpflanze. Er wird bei Wunden, Husten und Insektenstichen verwendet und bietet zugleich Nahrung für zahlreiche Tierarten.
Beim Löwenzahn ist nahezu alles essbar – von Blättern bis Blüten. Er unterstützt Verdauung und Leberfunktion und stellt gleichzeitig eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten dar. Selbst die Stängel sind, gebacken und leicht gewürzt, ein leckerer Snack.
Mädesüß mit seinen weißen, duftenden Blüten bevorzugt feuchte Standorte und enthält natürliche Salicylsäure – einen Wirkstoff mit schmerzstillender und fiebersenkender Wirkung.
Und auch der oft übersehene Ackerschachtelhalm besitzt bemerkenswerte Eigenschaften: Seine Kieselsäure stärkt Haut, Haare, Knochen und Gewebe und spielt zugleich eine wichtige Rolle im Bodenleben.
Naturnahe Gärten müssen deshalb nicht perfekt gepflegt sein – vielmehr profitieren sie von Vielfalt und Gelassenheit.
Eine der wichtigsten Botschaften des Seminars war überraschend einfach: weniger mähen.
Wird eine Wiese nur einmal jährlich gemäht, bleibt sie langfristig als Wiesenlebensraum erhalten und entwickelt deutlich mehr Artenvielfalt als häufig geschnittene Rasenflächen. Wer die Pflanzenzusammensetzung verändern möchte, kann die geschlossene Grasnarbe gezielt aufbrechen. So erhalten Kräuter und Wildblumen wieder Chancen zur Ansiedlung.
Beim Nachsäen lohnt ein genauer Blick auf Saatgutmischungen. Viele vermeintliche Wildblumenmischungen enthalten erhebliche Mengen an Grassamen, die Kräuter später verdrängen können. Regional angepasste Mischungen – etwa für Voralpenräume – sind meist die bessere Wahl.
Nicht jede Ecke muss geschniegelt aussehen. Wilde Bereiche, unterschiedliche Wuchshöhen und stehen gelassene Pflanzen erhöhen die ökologische Qualität eines Gartens erheblich.
Wenn von Bestäubung die Rede ist, denken viele zuerst an Honigbienen. Tatsächlich aber tragen zahlreiche Tiergruppen zur Fortpflanzung von Pflanzen bei.
Pflanzen locken ihre Bestäuber mit Nektar, Pollen und Duftstoffen an – und jede Pflanzenart verfolgt eigene Strategien. Manche sind auf Wind oder Wasser angewiesen, viele jedoch auf Tiere.
Käfer gehören zu den ältesten Bestäubern überhaupt und besuchen bevorzugt offene Blüten. Fliegen – darunter zahlreiche Schwebfliegen – gelten als besonders widerstandsfähig und leisten oft unterschätzte Bestäubungsarbeit.
Schmetterlinge wiederum sind häufig Spezialisten. Mit ihrem Saugrüssel erreichen sie gezielt bestimmte Blüten und orientieren sich stark über ihren Geruchssinn. Auch das Taubenschwänzchen, ein tagaktiver Nachtfalter, zählt zu diesen faszinierenden Bestäubern.
Auch Wespen ernähren sich vielerorts von Nektar und tragen zur Bestäubung bei. Pflanzen und Tiere haben dabei im Verlauf der Evolution erstaunlich präzise Beziehungen entwickelt – sogenannte Bestäubungssyndrome, bei denen Blütenform und Bestäuber eng aufeinander abgestimmt sind.
Vielfalt ist hier der Schlüssel: Je mehr unterschiedliche Bestäuber vorkommen, desto stabiler wird das gesamte Ökosystem.
Naturnahe Lebensräume müssen miteinander verbunden bleiben. Blumenwiesen, Hecken und strukturreiche Gärten bilden wichtige Trittsteine in der Landschaft.
Hilfreich sind oft einfache Maßnahmen: Pestizide vermeiden, Totholz liegen lassen und Blühpflanzen mit unterschiedlichen Blühzeiten fördern. Auch Gründächer können wertvolle Lebensräume schaffen – vorausgesetzt, sie bieten ausreichend Substrat, Sonne und naturnahe Vegetation.
Kritisch betrachtet wurden im Seminar manche beliebten Zierpflanzen. Der Schmetterlingsflieder etwa zieht zwar zahlreiche Insekten an und bietet viel Nektar, entwickelt sich jedoch zunehmend invasiv. In artenarmen Siedlungsräumen kann er zeitweise hilfreich sein, in ökologisch wertvollen Gegenden aber heimische Pflanzen verdrängen und Spezialisten benachteiligen.
Kaum ein Gartentier weckt so viel Staunen wie das Glühwürmchen – obwohl es sich dabei eigentlich um einen Käfer handelt.
Die Larven leben oft mehrere Jahre und sind effiziente Jäger: Sie spüren Schnecken auf und ernähren sich von ihnen. Die erwachsenen Tiere leben nur kurze Zeit. Bei vielen Arten leuchten vor allem die Weibchen, die meist flugunfähig bleiben und zwischen Pflanzen sitzen, während die fliegenden Männchen nach ihnen suchen.
Das Leuchten erfüllt mehrere Funktionen – Partnersuche, Kommunikation und Warnsignal zugleich. Verantwortlich dafür ist eine bemerkenswert effiziente chemische Reaktion aus Luciferin, Luciferase und Sauerstoff. Während herkömmliche Lichtquellen viel Wärme erzeugen, verwandeln Glühwürmchen nahezu ihre gesamte Energie in Licht.
Als lichtempfindliche Zeigerarten reagieren sie jedoch empfindlich auf Veränderungen ihrer Umwelt. Versiegelte Böden erschweren die Verpuppung, Pestizide und intensive Pflege zerstören Lebensräume. Besonders problematisch ist künstliches Licht, das ihre Kommunikation stört.
Wer Glühwürmchen fördern möchte, sollte feuchte, schattige Bereiche zulassen, Totholz und Laub über Herbst und Winter liegen lassen und Schnecken nicht vollständig bekämpfen – denn sie dienen den Larven als Nahrung.
Auch Schwalben zeigen, wie eng alles zusammenhängt. Ihre Bestände leiden massiv unter dem Rückgang der Insekten, deren Biomasse in vielen Regionen drastisch abgenommen hat. Fehlen Insekten, fehlen Nahrung und Nachwuchs.
Naturnahe Gärten können diesen Trend nicht allein stoppen. Aber sie sind Teil der Lösung.
Vielleicht liegt die Zukunft des Gartens daher weniger im perfekt gepflegten Grün als in einer neuen Gelassenheit: einer Brennnessel am Zaun, einer wilden Ecke unter der Hecke oder einem Stück Wiese, das nicht ständig gemäht wird.
Denn wo wir der Natur wieder Raum geben, ziehen oft überraschend viele wilde Nachbarn ein.
JW und KI
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