Forscher der Universität Tübingen haben im Gehirn von Krähen neuronale Signale entdeckt, die große Ähnlichkeit mit den Entscheidungsmechanismen bei Primaten haben – bloß läuft hier alles doppelt so schnell ab! Die Neurologen haben zwei Aaskrähen im Labor untersucht, während diese die Bewegungsrichtung eines Punktmusters auf einem Bildschirm verfolgten. Die Krähen mussten entscheiden, ob sich die Punkte überwiegend nach links oder nach rechts bewegten.
Die beiden Vögel waren darauf trainiert, ihre Entscheidung anzuzeigen, indem sie auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm auf einen Punkt links oder rechts vom Punktemuster pickten. Das Verblüffende: Selbst bei schwer erkennbaren Bewegungsmustern lagen ihre Entscheidungen über dem Zufallsniveau. Bei eindeutigen Signalen erreichten sie sogar eine Trefferquote von nahezu 100 Prozent.
Und: Die Krähen entschieden sich im Experiment ungefähr doppelt so schnell wie es von Menschen und Affen bekannt ist. Die beiden Aaskrähen benötigten durchschnittlich nur 235 Millisekunden. Dieses Ergebnis ist wieder mal ein Beispiel dafür, dass wir Menschen die Natur, mit der wir oft nicht gut umgehen, noch nicht ausreichend kennen – und dass wir es zum Teil mit Kreaturen zu tun haben, die teils über Fähigkeiten verfügen, die die unserigen übersteigen.
Die Forscher haben auch untersucht, wie sich diese bemerkenswerte Geschwindigkeit in der Aktivität von Nervenzellen im Krähengehirn widerspiegelt. Dazu zeichneten sie die Aktivität von Nervenzellen im Vogelgehirn auf, die in ihrer Funktion solchen aus unserem Präfrontalkortex gleichen. Hier zeigten sich schon 70 Millisekunden nach Beginn des visuellen Reizes unterschiedliche neuronale Signale für die verschiedenen Bewegungsrichtungen – lange, bevor die Krähen ihre Reaktion ausführten. Die Aktivität nahm während der Entscheidungsbildung schrittweise zu, bis sie schließlich die Entscheidungsgrenze erreichte und die Krähe ihre Wahl anzeigte. Die Neuronen spiegelten sowohl die Stärke der verfügbaren visuellen Informationen als auch die gewählte Richtung wider.
Die Ergebnisse zeigen, dass im Vogelgehirn neuronale Dynamiken auftreten, die mit etablierten Rechenmodellen der Entscheidungsfindung menschlicher und nichtmenschlicher Primaten vereinbar sind. Obwohl Vögel keine geschichtete Großhirnrinde besitzen, können ihre anders organisierten Gehirne offenbar vergleichbare grundlegende Prinzipien der Entscheidungsbildung umsetzen – und das doppelt so schnell wie ein Primat.
Die außergewöhnliche Geschwindigkeit könnte mit den evolutionären Anforderungen an schnelle visuelle und motorische Reaktionen bei Vögeln zusammenhängen, mutmaßen die Forscher. Vögel müssen ihr Sehvermögen nutzen, um schnelle Flugmanöver präzise zu steuern und ihren Schnabel bei der Nahrungssuche gezielt zum Objekt zu führen. Welche Mechanismen diesen Zeitvorteil genau ermöglichen, müssten weitere Untersuchungen klären.
Die original Studie in englischer Sprache finden Sie hier
Bildquelle: Andreas Nieder
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